Der Publikumsandrang im Restaurant Industrie war riesig: Lukas Bärfuss war auf Einladung des Vereins des Café de l’Industrie zu Gast, um aus seinem traurig schönen Roman «Koala» zu lesen. Darin verbindet er den Suizid seines Bruders mit Kolonialismus, stellt Angepasstsein der Verweigerung und Zivilisation der Natur gegenüber.

Alle wollten sie ihn hören, den meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart und erfolgreichen Schriftsteller, der unter anderem 2014 sowohl mit dem Solothurner Literatur- als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden war für «Koala», in welchem der Erzähler auf den Spuren Heinrich von Kleists wanderte, dieses grossartigen Dramatikers, der in seinem Werk eine dialektische, letztlich brüchige Welt zeichnete.

200 Jahre später gelingt es auch Bärfuss, das an sich Unerklärliche in Worte zu fassen. Es handle sich bei seinem Roman, so der Schriftsteller im Anschluss an seine Lesung, um eine Elegie, die gleichsam jenen huldige, die sich dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck widersetzten, und beklage, dass nur wenige es wagten, alternative Lebensformen tatsächlich zu leben.

«Die Schweiz ist des Wahnsinns»

Während draussen der Novemberfrühling sich verabschiedete, wurde drinnen leidenschaftlich diskutiert und die Quartierbeiz zum kulturellen und politischen Hotspot.

Denn das Publikum wollte freilich auch den als «neuen Max Frisch» gehandelten Intellektuellen hören, der durch seinen Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» die Feuilletons tagelang in Wallungen versetzt und zu Beginn des Abends versprochen hatte, sich nach dem schöngeistigen Teil auch dem «Eingemachten», wie er sich auszudrücken pflegte, stellen zu wollen.

Pointiert und poetisch gleichermassen warnte Bärfuss davor, dass wir auf einem Zug unterwegs seien, der uns an einen Ort führe, an dem vermeintlich alles einwandfrei funktioniere, der aber einer Einöde gleichkomme.

Reiner Bernath, Präsident des Vereins des Café de l’Industrie, hatte den Abend mit einem Zitat Franz Hohlers eröffnet: «Bärfuss teilt nicht nur aus, er federt das sprachlich auch ab.» Wie wahr! (ss)