TOBS
«Lucio Silla»: Die Römer sind hier eine Touristenattraktion

Die Solothurner Premiere der Mozart-Oper setzt ein grandioses Saison-Ende.

Silvia Rietz
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Lucio Silla TOBS
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Silla (Roger Padullés)
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Lucio Silla TOBS

Sabine Burger

Mit dem 1773 entstandenen Lucio Silla huldigt das Theater und Orchester Biel Solothurn (Tobs) einem im antiken Rom spielenden Frühwerk Mozarts. Es bringt die Historie spritzig und gegenwartsbezogen auf die Bühne.

Mit in verschiedenen Epochen angesiedelten Tableaus ist Regisseur Daniel Pfluger, Bühnenbildner Flurin Borg Madsen, Kostümbildnerin Kerstin Griesshaber und Beleuchter Samuel Schmid ein Geniestreich gelungen: Eine gleichwohl ästhetische wie spannende Inszenierung. Ein Opernabend, der auf Regiemätzchen verzichtet und rundum begeistert.

Dirigent Predrag Gosta kürzte die Rezitative und Wiederholungen der original rund drei Stunden dauernden Opera seria und geleitete das Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Esprit, tänzerischer Dynamik und satten Klangfarben durch die Partitur. Vorwärtsstrebende Musiker im Graben sowie ein homogenes und junges Ensemble auf der Bühne liessen die Produktion auch musikalisch glänzen.

Der Chor als Rom-Touristen

Roma, Amore, Ora, Mora – Wortschöpfungen mit den Buchstaben von Roma reflektieren die nie versiegende Aktualität des historischen Stoffes. Frauen und Männer in Tunika und Toga bieten sich den Blicken modern gewandeter Rom-Touristen (der gut disponierte Chor), erwachen singend zum Leben. Schon der 16-jährige Mozart zeigte hier alles, was für ihn wichtig war: Die Liebe mit ihren Facetten sowie musikalischen Ausdruck. Die Politik bleibt im Hintergrund.

Der Tyrann Lucio Silla liebt Giunia, die Tochter seines Feindes. Kurzerhand lässt er deren Geliebten Cecilio verbannen und für tot erklären. Giunia will den Despoten umbringen, doch Cecilios Freund und Mitverschwörer Cinna hält sie davon ab, arrangiert ein heimliches Treffen. Eigentlich hat Lucio Silla Cecilio ja seiner Schwester Celia zum Manne versprochen. Doch lässt er sich erweichen, das Liebespaar darf zusammenkommen. Celia bleibt sich treu und angelt sich Cinna. Lucio Silla entsagt der Macht und schenkt den Römern demokratische Strukturen.

Überzeugende Hauptrollen

Roger Padullés bot als Titelheld alles, was einen Machtmenschen, einen unglücklich Liebenden und einen zur Umkehr bereiten Staatsmann ausmacht. Koloraturen und Aufschwünge in höchste Lagen meistert der katalanische Tenor souverän, mit tollen Spitzentönen und schöner Mittellage. Als sein Berater fungierte Ensemble-Urgestein Konstantin Nazlamov mit gewohnt raffiniertem Spiel und einnehmendem Gesang.

Im Damen-Ensemble überzeugte Ljupka Rac nicht nur in ihrer Prunkarie «Ah se il crudel periglio», sondern pendelte als Giunia anrührend zwischen Liebe und Hass, Hingabe und Rache. Die Entdeckung des Abends war die australisch-französische Sopranistin Sylvie Janine Humphries. Die Studentin des Opernstudios brillierte als champagnerseelige Celia, die nicht nur gestochen scharfe Koloraturen liefert, sondern die Privilegien ihrer Kreise geniesst, kokettiert und in Diva-Posen immer wieder Szenenapplaus erntet.

Hervorragend singend und spielend auch Gioa Crepaldi als umtriebiger Cinna, der um des Friedens willen die ungeliebte Celia anschmachtet. Inès Berlet besitzt einen schön timbrierten, schlanken Mezzo, der in der Tiefe noch fülliger werden wird. Sie identifiziert sich mit Cecilios Charakter, singt mit viel Ausdruck und gut geführter Stimme. Eine grossartige Ensemble-Leistung mit herrlichster Musik und funkelnden Genrebildern.

Aufführungen in Solothurn: 19.4.; 21.4.; 10.5.; 30.5.; 1.06. Premiere in Biel: 23.4.

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