65. Weissenstein-Schwinget

Lokalmatadoren verpennen den Start – und brillieren dann

Der Bündner Armon Orlik (21) gewinnt den 65. Weissenstein-Schwinget. Die Nordwestschweizer tauchen zuerst, um dann mit sieben Kränzen ein Ausrufezeichen zu setzen.

6 + 2 = 13. 7 + 5 = 174. 15 × 3 = 12 695 – so daneben etwa starteten die gastgebenden Nordwestschweizer in ihr Heim-Bergkranzfest auf dem Weissenstein. Ein wahrhaftiger «Härdöpfuacher», den die Mannen des Technischen Leiters des NWS, Stefan Strebel, da zu Beginn aufs Notenblatt pflanzten. Lokalmatador Bruno Gisler unterlag Andi Imhof, Christoph Bieri blieb gegen den 19-jährigen Baumaschinen-Mech-Lehrling aus Sörenberg, Joel Wicki, auf der Strecke.

Weissenstein in der Hand der Bösen

Weissenstein in der Hand der Bösen

Einmal im Jahr wird der Solothurner Hausberg in Schweiss und Sägemehl getaucht: Heute massen sich zum 65. Mal Schwinger am Weissenstein. Was macht diese Schwinget so speziell?

Remo Stalder frass Sägemehl gegen den Stargast aus der Innerschweiz, Christian Schuler, und Mario Thürig, der vierte NWS-Eidgenosse, ging gegen Andreas Ulrich unter.
Erschwerend kam hinzu, dass die Mehrheit der zweiten NWS-Angriffslinie die Eröffnung ebenfalls vergeigte oder bestenfalls stellte. Derlei gerieten die Hausherren gegen die überlegene Konkurrenz aus der Nordost- und Innerschweiz von Anfang in die Defensive. Die NWSler hatten das Feld fortan mehr oder weniger ständig vor sich. «Ich war darum den ganzen Tag unter Druck», hielt Strebel fest. 

So gut wie seit 15 Jahren nicht mehr

Das Gute am Fehlstart der Nordwestschweizer war, dass es fortan fast nur noch besser kommen und die Nervenbahnen und Muskeln sich entspannen konnten. Wie hat Tennis-Halbgott Roger Federer einst gesagt: «Im Tennis hat alles mit dem Kopf zu tun. Entscheidend ist, ob sich ein Spieler wohl fühlt.» Das gilt definitiv auch für Schwinger.

Allein beim einheimischen Mitfavoriten Christoph Bieri – dem Weissenstein-Sieger 2010 und 2014 – lief nach dem Fehlstart gar nichts mehr. «Er wird bis Estavayer bestimmt noch einen grossen Sprung machen», so Strebel. Viele von Bieris Verbandskameraden hingegen standen nach dem Flop-Start auf und arbeiteten sich nach vorn. So standen vor dem letzten Gang sieben Nordwestschweizer (Gisler, Räbmatter, Blatter, Studinger, Thürig, Erb, Schmid) mit besten Kranzchancen da. Und staubten die Nordwestschweizer 7 der 16 abgegebenen Eichenlaub-Kränze ab.

«Einfach phänomenal», so Strebels Kommentar. In der Tat: «So etwas hat es in den letzten 15 Jahren, glaube ich, gar nie mehr gegeben.» In dem Sinn gebührt auch Strebel als Chef der Einteilung ein Kranz dafür, dass es ihm mit seiner gewieften Disposition gelungen ist, die drohende Schande in ein Glanzergebnis der Seinen «umzuorganisieren». «Natürlich», gibt der 39-jährige Aargauer, seines Zeichens dreifacher Eidgenosse, zu, «hatten wir auch das nötige Wettkampfglück.» Die Konkurrenz schwang zweifellos ideal mit und jagte sich in bestmöglicher Manier Punkte ab.

Mit Mentaltrainern zum Erfolg?

Nun, damit die Nordwestschweizer Ende August am Eidgenössischen am Neuenburgersee explosiver aus den Löchern kommen, treffen sie sich am Wochenende erstmals zu einem inhaltlich reich befrachteten Trainingslager in Magglingen. Mit von der Partie werden auch bekannte Mentaltrainer sein. «Wir haben noch nie so viel Zeit und Geld in die Vorbereitung eines Eidgenössischen investiert», sagt Strebel. Am Weissenstein ging die Rechnung, auf.
Mit dem Schlussgang freilich hatten die Aargauer, Solothurner und Basler nichts zu tun. Strebel: «Nein, wir haben nie um den Sieg mitgeschwungen – das war klar.»

Derlei wickelte sich das Finale schliesslich unter der Schlagzeile: «Greetings from the next, strong Generation» oder auf schwingerisch: «Gottwiuche vo de junge, chäche Schnuufer» ab. Der 21-jährige, verblüffende Bündner Armon Orlik, heuer bereits Sieger am Nordostschweizerischen, Bündner-Glarner, Glarner-Bündner und Thurgauer empfing den 19-jährigen Sörenberger Joel Wicki zum finalen Hosenlupf. Grandios fürs Publikum; denn dass diese beiden Jungs, die mit dem Berner Remo Käser ein Trio Grande der Zukunft bilden, nicht taktieren, sondern volle Kanone angreifen würden, war klar. Zumal ein Gestellter beiden nicht zum Festsieg gereicht hätte.

So war es schliesslich Orlik, der seinen zwei Jahre jüngeren Kontrahenten nach wenigen Minuten plattlegte und so seinen ersten Bergkranzfestsieg unter Dach und Fach brachte. «Ich habe meine Sache, glaube ich, nicht schlecht gemacht», hielt der Maienfelder fest. Tja, kann man so sagen. Im Herbst beginnt Orlik ein Bauingenieur-Studium – wer weiss, wenn das so weitergeht, ist es absolut möglich, dass der Bündner sich als neuer König schon bald sein eigenes Schloss bauen kann.

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