Solothurn
«Lokal verankert und international orientiert»: Fluris Gedanken zum verstorbenen Amtsvorgänger

Gedanken von Stadtpräsident Kurt Fluri zu seinem am 13. April verstorbenen Amtsvorgänger Urs Scheidegger.

Kurt Fluri
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Urs Scheidegger (1943–2018) Stadtammann Urs Scheidegger mit seinem Vorgänger Fritz Schneider (l.)
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HESO-Eröffnung 1982 mit Bundesrat Willy Ritschard
Urs Scheidegger empfängt 1990 Polens Präsidenten Wojciech Jaruzelelski.
Beim Jarruzelski-Besuch 1990
Urs Scheidegger (1943–2018)
Der FDP-Nationalrat im März 1992 im Bundeshaus
Im Juni 1993 wird Urs Scheidegger Delegierter fürs Flüchtlingswesen.
Urs Scheidegger 2004
Urs Scheidegger 2012

Urs Scheidegger (1943–2018) Stadtammann Urs Scheidegger mit seinem Vorgänger Fritz Schneider (l.)

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«Der normale Zustand der Atmosphäre ist die Turbulenz. Das Gleiche gilt für die Besiedelung der Erde durch den Menschen.» So beginnt der Aufsatz des verstorbenen Stadtammanns von Solothurn, Nationalrats, Delegierten und Direktors des Bundesamtes für Flüchtlinge, Urs Scheidegger, in der Solothurner Festgabe zum Schweizerischen Juristentag 1998 in Solothurn. Am Tag der Gedenkfeier für den Verstorbenen fand zudem im norddeutschen Rostock die alljährliche Tagung des internationalen «Forums Stadt – Netzwerk historischer Städte» statt, der früheren Vereinigung «Die Alte Stadt», der Solothurn auf seine Initiative beigetreten war.

Das Leben des Verstorbenen, der in einer Bäckerfamilie in der Weststadt, genauer an der Vogelherdstrasse, zu jener Zeit eine eigentliche Gewerbestrasse, aufgewachsen ist, spielte sich weitgehend auf diesen beiden Ebenen ab: Lokal fest verankert in seiner Stadt, vergass er nie die internationalen und historischen Umstände, die für unser Land und letztlich auch für unsere Stadt den massgebenden Rahmen und Hintergrund bilden. Nach der Lehre als Elektromechaniker in der benachbarten Autophon absolvierte er auf dem anforderungsreichen zweiten Bildungsweg die Maturität, um anschliessend in Bern Wirtschaftswissenschaften zu studieren und diese mit einer Dissertation 1977 zum Thema «Industrialisierung und sozialer Wandel in Polen» abzuschliessen. Im selben Jahr erfolgte die Wahl in den Solothurner Gemeinderat als Vertreter der freisinnig-demokratischen Partei. Auch hier also finden wir eine Parallelität von lokalem Engagement und international ausgerichtetem Wissensdurst.

In zahlreiche Gremien tätig

Bereits vier Jahre später wurde Scheidegger als Nachfolger des in den Regierungsrat gewählten Fritz Schneider zum Stadtammann gewählt. Damit hatte er in zahlreichen Gremien Einsitz zu nehmen: Präsidium der Werkkommission der damaligen Städtischen Werke, Verwaltungsräte der Ersparnis- und Leihkasse der Stadt Solothurn, des Regionalverkehrs Bern–Solothurn, der AEK AG, des Gasverbunds Mittelland, der Solothurn-Münster-Bahn und der Busbetriebe Solothurn und Umgebung, sowie als Vizepräsident der Repla Solothurn und Umgebung und als Präsident deren Wirtschaftskommission, als Präsident der gemeinderätlichen Theaterdelegation Biel-Solothurn, diverser Stiftungen des Kunstmuseums, als Vizepräsident der Zentralbibliothek Solothurn, des Alterszentrums Wengistein, des Storchenansiedlungsversuches Altreu und der Kosciuszko-Gesellschaft. Zahlreiche weitere Mandate wären noch aufzuzählen, sprengten jedoch den Rahmen dieses Nachrufes.

In seiner zwölfjährigen Amtsdauer, welche übrigens auch von konjunkturellen Hochs und Tiefs geprägt war mit entsprechenden Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Stadt, befasste er sich unter vielem anderem mit der Schaffung genügender und guter Schulinfrastruktur. Zu denken ist hier vor allem an den Neubau des Schulhauses Brühl, welches just auf das Ende seiner Amtsdauer eröffnet werden konnte. Seine sehr gute äussere und innere Ausgestaltung liess das Schulhaus sehr bald zu einem beliebten und gut frequentierten Quartierzentrum werden, welches viel dazu beitrug, dass dieser schnell wachsende Teil unserer Weststadt nicht der Anonymität anheimgefallen ist, sondern einen gut integrierten und mitgestaltenden Stadtteil bildet.

Für die «Internationalisierung»

Dies sowie der Umbau des Alten Spitals zu einem Begegnungszentrum als Voraussetzung für dessen spätere Verselbstständigung und der Bau des Parkhauses Baseltor (trotz des Auftauchens geschützter Eidechsen...) als Teil des städtischen Parkplatzkonzeptes unter gleichzeitiger räumlicher Ausdehnung der autofreien Altstadt sind bloss wenige Beispiele für den Ausbau der städtischen Infrastruktur. Die Unterstützung der Filmtage und der Literaturtage sowie des Andenkens an den polnischen Freiheitshelden Kosciuszko sind weitere Indizien für das über die Stadtgrenzen hinaus reichende Denken und Handeln Scheideggers. Damit gelangen wir unweigerlich auch zur «Internationalisierung» unserer Stadt durch die Errichtung der beiden Städtepartnerschaften mit dem deutschen Heilbronn und dem polnischen Krakau. Polen war – darauf deutet bereits seine eingangs erwähnte Dissertation hin – ein Schwerpunkt seines internationalen Engagements. Weitere Schriften über Geschichte und Wirtschaft Polens, Russlands, Australiens, Japans und unzählige Auslandaufenthalte in rund 60 Ländern legen aber Zeugnis ab von seinem globalen Denken.

Die Asylpolitik mitgeprägt

Nach zwölf Jahren Ammannamt, aber auch nach sechs Jahren als Nationalrat, war es Zeit, seine reiche internationale Erfahrung auf Bundesebene einzubringen: Als Direktor des Bundesamtes für Flüchtlinge gestaltete er – permanent unter starkem innenpolitischem Druck – die schweizerische Asylpolitik auch der heutigen Tage entscheidend mit. Das eingangs zitierte Wort, aber auch Werke wie «Die Schweiz ist keine Insel», «Geschichte der DEZA», «Swissness, made in India» oder «Polen und die Schweiz» legen davon Zeugnis ab. Dabei vergass er seine Heimatstadt nie. Schriften über die Geschichte unserer Stadt und ihrer Quartiere («Nostalgieflüge über Solothurns Aussenquartiere») setzten die umfangreiche Liste der Publikationen des Verstorbenen fort.

Leider durfte Urs Scheidegger seinen 75. Geburtstag im Dezember nicht erleben. Dank zahlreicher geschaffener Bauten und Werke in der Stadt Solothurn und dank seiner zahlreichen Publikationen wird uns Urs Scheidegger aber als tatkräftiger Mitgestalter «seiner» Stadt und der Schweiz in bester Erinnerung bleiben.

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