Ruth Schweikert

Literaturpreis-Trägerin wünschte sich diese Auszeichnung schon lange

Applaus für Ruth Schweikert, die den diesjährigen Solothurner Literaturpreis bekommt. Kurt Fluri (l.) und Hans Ulrich Probst, Laudator, klatschen ebenfalls Beifall.

Applaus für Ruth Schweikert, die den diesjährigen Solothurner Literaturpreis bekommt. Kurt Fluri (l.) und Hans Ulrich Probst, Laudator, klatschen ebenfalls Beifall.

Am Sonntag wurde Ruth Schweikert mit dem Solothurner Literaturpreis 2016 ausgezeichnet. Bei der Dankesrede verriet sie, dass sie sich den Preis insgeheim schon lange gewünscht habe.

Der Solothurner Literaturpreis, der seit 1993 vergeben wird (s. Kasten), wurde zum ersten Mal am Literaturtage-Sonntagvormittag und im Stadttheater Solothurn übergeben. Der würdige Rahmen für die Übergabe dieser renommierten Literaturauszeichnung.

Die diesjährige Preisträgerin, Ruth Schweikert, gestand in ihren Dankesworten leicht ironisch: «Seit elf Jahren hab ich mir diesen Preis insgeheim gewünscht. Dann aber, als ihn wieder jemand anderes bekam, war ich auch immer wieder erleichtert, nochmals davongekommen zu sein. Vor allem auch davor, eine Rede zu halten».

Schweikert dankte natürlich und begrüsste nicht nur alle Anwesenden – unter ihnen auch Ständeratspräsident Raphaël Comte (FDP) – sondern auch alle Abwesenden. «Wir brauchen auch die Abwesenden», meinte sie und zitierte aus einer Rede von Hanna Arendt. «Die Welt entsteht zwischen den Menschen.» In einem zweiten Teil ihrer Rede las Schweikert aus ihrem Theaterstück «Mary & Mary», denn: «wir sind ja hier in einem Theater».

Im Stück geht es um Mary Mallon, welche die letzten 23 Jahre ihres Lebens in einer eigens für sie gebauten Hütte auf der New Yorker Spitalinsel North Brother Island verbringen musste. Dies, weil sie Trägerin des Typhus-Virus war. 1938 starb die Frau.

Schweikert lässt die junge, noch unwissende Mary Mallon auf die alte, verbitterte Mary treffen und in einem berührenden Stakkato-artigen Dialog erzählen sich die beiden Frauen von ihren Erfahrungen. Sie reden von der Ungerechtigkeit des Lebens, des Alterns und ihres Schicksals.

Mal rau, mal poetisch

Schweikert las intensiv und packend. Ihre ursprüngliche Ausbildung zur Schauspielerin kam ihr da zugute. Zuvor aber hielt Hans Rudolf Probst, der Vorsitzende der dreiköpfigen Solothurner Literaturpreis-Jury (mit Beat Mazenauer und Christine Tresch), wie immer eine fundierte Laudatio auf die Preisträgerin. «Wir zeichnen mit Ruth Schweikert eine unverwechselbare literarische Stimme unseres Landes aus. Seit über zwanzig Jahren widmet sie sich leidenschaftlich und hartnäckig in einer mal poetischen, mal politischen, mal rauen, mal zärtlichen, jederzeit kraftvollen Ausdrucksweise den grundlegenden Fragen unserer Existenz.»

Liebe und Tod seien ihre Hauptthemen. Probst erinnerte an die früheren Titel der Preisträgerin und hob jeweils deren Schwerpunkte hervor, indem er typische Passagen las. Ihm persönlich sei der Roman «Augen zu» aus dem Jahr 1995 der liebste, erklärte er. Probst verwies auf ihre Erzähltechnik darin: «Im Text wird explizit auf das Verfahren im Film ‹Short Cuts› von Robert Altman verwiesen» und er verglich weitere Roman-Passagen mit Zitaten aus Ingeborg Bachmanns Buch «Das dreissigste Jahr». 

Ihr politisches Engagement

1964 in Lörrach geboren, ist Ruth Schweikert in Aarau aufgewachsen. Nach der Ausbildung zur Schauspielerin ist sie früh Mutter geworden, hat fünf Söhne geboren. Ihr Mann ist der Dokumentarfilmer Eric Bergkraut.

Wie sonst vielleicht nur noch Lukas Bärfuss derzeit, habe Schweikert – ganz in der Tradition eines Max Frisch – immer auch wieder die Verantwortung eines Schriftstellers in der Öffentlichkeit übernommen, so Probst. «Viele ihrer Beiträge in Zeitungen oder Zeitschriften zeichnen sich durch die subtile Beobachtung im gesellschaftlichen Alltag und durch kluge Interventionen im politischen Alltag aus.»

Schweikerts politisches Engagement nahm auch Kurt Fluri, der Solothurner Stadtpräsident, in seiner Ansprache auf. «Wir danken Ruth Schweikert dafür, dass sie im Vorfeld der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative ihrerseits die Initiative zu einer öffentlichen Äusserung von Autoren und Regisseuren ergriffen hat.» Die Meinung der Kulturschaffenden sei auch in politischen Fragen wichtig, ganz unabhängig davon, ob man mit ihr übereinstimme oder nicht, so Fluri. «Künstlerinnen und Künstler haben einen ganz anderen Lebens- und Erfahrungshintergrund, eine andere Sichtweise unserer Gesellschaft und verdienen deshalb, auch als politische Kraft ernstgenommen zu werden.» Für zauberhafte Zwischentöne bei der Preisverleihung sorgte die junge Harfenistin Saskia Beck.

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