In welche musikalische Welt mögen die jetzt 45 Mitglieder vom Chor Les Marmottes wieder vorgedrungen sein, fragen sich Anhänger und Publikum regelmässig vor den alljährlichen Konzerten dieser Chorvereinigung. Denn als ihr Markenzeichen gilt seit 40 Jahren, immer wieder Neues zu entdecken.

43 Auftritte in vier Jahrzehnten beeindruckten mit begeisternder Themenvielfalt! Volksmusik aus Europa und verschiedenen Erdteilen, Ausflüge in Kompositionen aus der Barock- und Renaissance-Zeit bis hin zur Romantik, fast immer in Begleitung unterschiedlicher musikalischer Partner in grösserer oder kleiner Formation.

Dazu Sprachkünstler und sogar integrierte solistische Tanzdarbietungen. «Wir haben eindrückliche, spannende Zeiten miteinander erlebt», erzählen die 30 Jahre und länger beteiligten Mitglieder Madeleine Steiner, Regine Anderegg, Jacqueline Häberle, Simone Tischer und Daniel Kradolfer als gegenwärtiger Vereinspräsident.

Mehr als die Hälfte der Chorangehörigen sei seit langem dabei und freue sich jeweils auf den «heiligen Dienstag» als Probeabend in der Pädagogischen Hochschule Solothurn. Zwar verlaufe das gesellige Leben nicht mehr so temperamentvoll wie zu Beginn der Gesangsgemeinschaft, als das Zusammensein bis weit in die Nacht andauerte und oft unternehmungslustige Wochenenden umfasste. «Wir alle haben inzwischen vielerlei berufliche und familiäre Verpflichtungen, aber die früheren Freiheiten wirken als Kitt in der Vereinstätigkeit bis heute weiter.» Natürlich sei die Geselligkeit auch weiterhin ein wichtiger Baustein des Chorlebens.

Die Urzelle

Acht singfreudige angehende Lehrkräfte bildeten mit ihrem Leiter Bruno Späti 1976 die Urzelle von Les Marmottes. Wie es zu ihrer Bezeichnung «Murmeltiere» kam, daran kann sich niemand mehr erinnern. Zumindest wollte sich die junge Gruppe im ausgefallenen Namen von den tradierten Vereinen abheben. Gesungen wurde alles, was der innovative musikalische Leiter Bruno Späti vorschlug. So entstanden neben den kreativen Konzerten kleine handliche Hefte mit «Ohrwürmern», die allesamt zum Repertoire des Singkreises gehören.

Bunte Fotoalben, die Jacqueline Häberle zusammengestellt hat, dokumentieren Aktivitäten und Entwicklung der Gemeinschaft. Ab 1986 übernahm Markus Cslovjecsek die Führung und setzte mit ansteckender Experimentierlust unvergessene Impulse in die Chorarbeit. «Er war ein tatkräftiger Macher», sagt das Informationsquintett. Ab 1994 ging die Verantwortung an Liliane Fluri über, die dem Chor als feinfühlige Dirigentin mit Disziplin und klaren Ansagen in Erinnerung geblieben ist.

Damals überwogen im Chor noch pädagogisch-soziale Berufe, und es gab sogar Wartelisten für Gesangsinteressierte. Mit Lukas Stoffel-Jossen wandte sich der Chor ab 2002 einem Konzertgeschehen zu, in dem die Literatur einen wichtigen Platz fand. Wer denkt nicht noch gern beispielsweise an die ausdrucksstarke Darbietung von Robert-Gernhart-Gedichten im Jahr 2005 zurück. 2010 baten die Chorverantwortlichen Stefan Schmid – allen Mitgliedern als ihr Stimmbildner bekannt - als Nachfolger ans Dirigentenpult. Seither sind die Marmottes anzahlmässig auf die jetzige Grösse und stimmlich ausgewogene Klangfülle gewachsen. «Unsere Chorleitungen stiessen immer interessante Prozesse an, die uns Singenden aber auch unserem Publikum vielfältige Aspekte der Chormusik näher brachten», sind die Vereinsmitglieder überzeugt.

Musikalischer Schmelztiegel

Die Marmottes-Sängerinnen und Sänger können grundsätzlich alles singen. Doch Musik aus den Ländern des Süd-Ostens hat sie immer besonders gereizt. Gerade die Kompositionen, die romanische, russische, jüdische, osmanische und griechische Einflüsse aufweisen, sind für sie melodisch-rhythmische Leckerbissen aus verwandten und doch fremden Welten. Deshalb bot sich für das Jubiläumskonzert Musik aus dem Vielvölker-Schmelztiegel Balkan an. Übersetzt heisst das türkische Wort Bal Kan «Honig-Blut*.

Der Chor würdigt auch in humorvoller Weise diese Länder, die über eine Jahrtausende alte Historie und reiche Kultur verfügen. Die gelegentlich jetzt nur als Fluchtweg bekannte «Balkan-Route» erhält im so betitelten Konzert ein mitreissendes und vielfarbiges Gesicht. Der Chor erlernte dafür Mentalitäten, Sprachen und Texte und widmete sich den dort gültigen, beflügelnd andersartigen Taktarten, die häufig so lebendig zum Tanzen einladen. Aufschlussreich sind die ins Deutsche übertragenen Liedtexte, die wie kurze Episoden im Programmheft zu lesen sind.

So etwa die Geschichte von «Posalka mila mama» –von der lieben Mutter, die mich verheiraten wollte. Die Vorträge erfolgen originell im vielstimmigen Satz a capella oder mit rassiger instrumentaler Unterstützung. Diese musikalische Balkan-Reise, die im Konzertprogramm 21 Einzelkompositionen aufweist, wird nämlich kunstvoll vom Ensemble Farandole begleitet. Für klangliche Vielfalt mit Flöten, Violinen, Trommeln, Akkordeon, Gitarre und Cello sorgen Christine Steinmann, Ueli Steiner, Marco Nozzi und Jacques Bouduban. Das Quartett, das über ein Vortragsspektrum von Klassik bis Jazz verfügt, bezaubert hier mit variantenreichen volksmusikalisch-landestypischen und klezmerartigen Beiträgen.

Stefan Schmid, der im Verein Les Marmottes seit sechs Jahren für die musikalischen Schwerpunkte sorgt, ist durch seine Ausbildung zum Musikpädagogen und Gesangslehrer sicher aufgestellt. Bei ihm ist zu spüren, dass ihm dieses so leichtfüssig interpretierte Programm sehr am Herzen liegt.

Konzerte: Heute 19.30 Uhr, ref. Kirche Biberist-Gerlafingen. Morgen, 19.30 Uhr, im Alten Spital Solothurn.