Solothurn
«Leider bin ich kein Mozart, aber ich arbeite daran»: Roman Candio vergleicht Farbe mit Musiktönen

Roman Candio ist einer der bekanntesten Künstler des Kantons. Der gebürtige Fulenbacher hat ein Leben für und mit der Kunst gelebt. Im Gespräch erzählt der 82-jährige «Meister der Farbe», wie er als Künstler überleben konnte, was es ihm bedeutet, wenn er als «gefällig» tituliert wird, und warum es ihn trifft, wenn Werke abgehängt werden.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Künstler Roman Candio im Atelier an der Greiben- gasse in Solothurn.
20 Bilder
1958 entschied sich Roman Candio, Künstler zu werden.
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Das Werkzeug des Künstlers.
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Einblick ins Atelier, in dem viele Werke Roman Candios zu sehen sind. Manchmal kauft er frühere Arbeiten wieder zurück.
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio
Im Atelier von Roman Candio

Künstler Roman Candio im Atelier an der Greiben- gasse in Solothurn.

michelluethi.ch

«Gerne geben wir diese Bilder nicht mehr her», sagt eine Bewohnerin des Tertianums in Solothurn zu Kunstmaler Roman Candio, als sie ihn zwischen seinen aufgehängten Bildern hin und her gehen sieht. Candio dankt für das Kompliment. «Solche Sätze freuen mich natürlich. Diese Ausstellung dauert ja auch ungewöhnlich lange. Da kann man sich schon an ein Bild gewöhnen.» Seit gut einem Jahr hängen 34 Bilder aus den unterschiedlichsten Schaffensjahren des Solothurner Künstlers in den verschiedenen öffentlichen Parterre-Räumen des Tertianums.

Landschaftsbilder der näheren und weiteren Umgebung, Häuser, Alltagsleben, Stillleben und das alles in Candios unverwechselbaren Farbkombinationen. Die ältesten Gemälde stammen aus den Achtzigerjahren, die jüngsten hat der 82-Jährige gerade erst fertiggestellt. «Es ist schön für mich, einmal eine solche Übersicht auf meine Arbeiten so grosszügig gehängt in belebten Räumen zu sehen. Es ist anders, als die Bilder in Galerien zu sehen. Dort ist immer nur ein Ausschnitt einer Schaffensperiode möglich.» So erkennt der Künstler selbst, dass es Motive, Farbexperimente schon vor 30 Jahren gab, die ihn heute noch immer beschäftigen. «Früher vielleicht noch zaghafter, suchender. Heute bestimmter, abgeklärter. Es überrascht mich selbst.»

Roman Candio Ausstellung im Tertianium Roman Candio Ausstellung im Tertianium Solothurn
5 Bilder
Roman Candio Ausstellung im Tertianium Roman Candio Ausstellung im Tertianium Solothurn
Roman Candio Ausstellung im Tertianium Roman Candio Ausstellung im Tertianium Solothurn
Roman Candio Ausstellung im Tertianium Roman Candio Ausstellung im Tertianium Solothurn
Roman Candio Ausstellung im Tertianium

Roman Candio Ausstellung im Tertianium Roman Candio Ausstellung im Tertianium Solothurn

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Roman Candio, Jahrgang 1935, ist in Fulenbach geboren und aufgewachsen. Seine ersten kreativen Erfahrungen machte er am Gymnasium in Langenthal, wohin der Vater ihn und seine Geschwister schickte. Er genoss Unterricht beim Maler und Farbtheoretiker Jakob Weder und noch heute bezeichnet Candio dessen Einfluss als sein wichtigster. Dann kam das Lehrerseminar und drei Jahre lang unterrichtete er. «Doch schon früh merkte ich, dass Kunst und Unterrichten bei mir nicht zusammengehen», erzählt er. 1958 entschliesst er sich, Künstler zu werden, und besucht Kurse unter anderem an der staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. «Ausserordentlich wichtig war die Bekanntschaft mit dem damals prominentesten Kirchenmaler Ferdinand Gehr», schildert Candio. Diesem half er bei einigen Wand- und Deckengemälden und hat selbst diese Disziplin für sich entdeckt.

Die Zeit neuer Kirchenbauten half ihm, finanziell zu überleben

Seit 1961 lebt und arbeitet Candio in Solothurn. Neben den vielen Gemälden entstanden seit Mitte der 1960er-Jahre über 50 Arbeiten im öffentlichen Raum, die dem Künstler Bekanntheit und Anerkennung in weiten Teilen der Schweiz sicherten: farbige Fenster, Wand- und Deckenmalereien, Bildteppiche und Wandreliefs für Kirchen, Spitäler, Verwaltungsgebäude und Schulen. 1968 wurde ihm ein Förderpreis des Kantons Solothurn zugesprochen. 1991 erhielt er für sein malerisches Schaffen und für seine Arbeiten im Bereich der Kunst am Bau den Kunstpreis des Kantons.

«Ich hatte auch viel Glück», sagt er zurückblickend. Noch nicht einmal dreissigjährig habe er schon Glasfenster schaffen können und so seinen Lebensunterhalt verdient. «Es war die Zeit der neuen Kirchenbauten, in den Sechziger-, Siebziger- und frühen Achtzigerjahre. Und die Region Solothurn war ein gutes Pflaster für meine Kunst», so Candio. Hier lebten auch engagierte Kunstvermittler wie André Kamber in Solothurn oder Hans Liechti in Grenchen, die sich um das damalige junge und hiesige Kunstschaffen verdient gemacht haben. So hat er es geschafft, hat sich zeit seines Lebens als freischaffender Maler den Lebensunterhalt und den seiner Familie zu sichern. «Es gab schon früh Leute, die sich für meine Kunst interessierten. Dann gaben mir die Ausgestaltungen der Kirchen ein Einkommen über mehrere Monate.» Und: er habe sich nie nur einem Galeristen verpflichtet.

«Candio ist ein Meister der Farbe», sagt Kunstvermittler Peter Jeker über ihn, und den Künstler freut das. «Mein Freiraum, mein Antrieb ist die Farbe», sagt er selbst. Und er vergleicht die Farben mit Musiktönen. «Es gibt Farbklänge, harmonische oder weniger harmonische. Leider bin ich kein Mozart, aber ich arbeite daran», lacht er. Farben sollen nicht nur für Harmonie besorgt sein. Sie sollen auch Botschafter der Bildaussagen sein. Früher sass er oft in der Landschaft, skizzierte, was ihm gefiel. Ein Bildausschnitt, ein Baum ein Wiesenhang. Heute fotografiert er viel. «Eigentlich kann alles zum Motiv werden», sagt er. Die Farbe und dann der Ausschnitt «gumpet» ihn an.

Enttäuschungen, wenn die öffentliche Hand Bilder abmontiert

Es mag Kritiker geben, die Candios Werk mit dem Verb «gefällig» taxieren. Ihn stört das nicht. «Ich will Spannung und Harmonie in meinen Bildern darstellen. Und wenn dies den Betrachtern gefällt, ihn anspricht, umso besser.» Er malte in seinen früheren Jahren Farbfelder, Punkte, geometrische Formen. Heute sind es vielfach Blumen- und Landschaftsbilder. Unermüdlich kann er beispielsweise die Blätter seiner Feigenbäume malen, sie immer wieder neu schaffen.

Die grossen Aufträge, ganze Kirchen auszumalen oder Fenster zu gestalten, gibt es heute nicht mehr. «Und ganz abgesehen davon, wäre es in meinem Alter auch schwierig, solche Aufträge anzunehmen», grinst Candio. Ihn beschäftigt im Zusammenhang mit seinen Arbeiten im öffentlichen Raum eher das Gegenteil: die Wegnahme, das Abmontieren oder ins Lager stellen seiner damaligen Arbeiten.

«Die grosse Arbeit, die ich im ehemaligen Lehrerseminar in Solothurn realisiert habe, wurde abmontiert und in den Keller gebracht – ohne mein Wissen zunächst. Und die grossen Wandmalereien in der Kantonsschule Olten waren wegen der Sanierung des Betons gefährdet. Es ist auch schon vorgekommen, dass Arbeiten einfach übermalt wurden», empört er sich. «Es gibt ein Recht am eigenen Bild. Wenigstens sollte ich noch angehört werden, bevor man eine solche Arbeit einfach verschwinden lässt.» Candio hat gelernt, solch unangenehme Vorkommnisse nicht mehr so nahe an sich heranzulassen – es wäre zu schmerzhaft.

Er weiss nicht von allen seinen Bildern, wo sie hängen. «Leider bin ich extrem unorganisiert. Ich weiss von vielen Bildern nicht mehr, wer sie gekauft hat.» Doch hin und wieder komme es jetzt vor, dass frühe Arbeiten von ihm auf Auktionen auftauchen. «Wenn ich ein solches Bild heute noch gut finde, versuche ich, es zurückzukaufen.» Auch viele Bekannte hätten ihm schon berichtet, dass sie ein frühes Werk von ihm erstanden hätten. «Das freut mich natürlich sehr.» Oft kämen diese Bilder aus Nachlässen von Erben, die nichts mit den Bildern anfangen können.

Candio arbeitet noch immer täglich in seinem Atelier an der Greibengasse in Solothurn. «Momentan muss ich aber zunächst wieder etwas Ordnung machen.» Hin und wieder werde er von Bekannten besucht, oder jemand komme und möchte sich ein Bild auswählen. «Früher war ich empfindlicher bei solchen ‹Störungen› während der Arbeit. Heute gar nicht mehr», gesteht er. «Ich habe immer noch viele Ideen und Vorstellungen. Fast träumend schleichen sie sich bei mir ein und müssen dann auch realisiert werden. So ist das mit meiner Arbeit.» Gefreut habe ihn, dass einige seiner frühen Bilder im vergangenen Sommer im Grafischen Kabinett des Kunstmuseums Solothurn zusammen mit Arbeiten von Meret Oppenheim, Eva Aeppli oder Dieter Roth in der Ausstellung «Zusammenhänge zusammen hängen» zu sehen waren. «Das ehrte mich doch sehr», gibt er zu.

Die Bilder im Tertianum Solothurn sind noch bis Mitte Januar 2019 zu sehen.