Solothurn
Leere Läden mit Guckloch und Visualisierungen: Vermieter wenden Tricks an, um etwas Leben vorzutäuschen

Das Immobilien-Karussell dreht sich in der Stadt Solothurn immer schneller, und Leerstände bei den Geschäften häufen sich.

Wolfgang Wagmann
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Wechsel bei Geschäftslokalitäten in Solothurn (Juni 2018)
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So siehts im leeren Hauptgass-Lokal nur auf der Online-Plattform aus (ehemals Boutique Caroll)
In echt: So sah es noch mit dem ehemaligen Mieter an der Hauptgasse 31 aus.
Das Modegeschäft Blanca Dos hat Ex Libris an der Hauptgasse ersetzt.
Bei OVS, einst Charles Vögele, ist bald Lichterlöschen angesagt.
Fürs Modehaus Biba an der Hauptgasse ist auch immer noch kein neuer Mieter gefunden.
Wird Ende 2018 geschlossen: Das Modehaus Schild an der Gurzelngasse wird nach 60 Jahren aus dem Stadtbild verschwinden.

Wechsel bei Geschäftslokalitäten in Solothurn (Juni 2018)

Wolfgang Wagmann

Es wird hektisch in Solothurn. OVS ist in Konkurs, die italienischen Oviesse-Ableger, die vor nicht einmal einem Jahr bei Charles Vögele an der Hauptgasse 21 eingezogen sind, verramschen ihre restliche Ware mit bis zu 70 Prozent. Umtausch und Geschenkgutscheine sind ein Ding der Unmöglichkeit. Wegen des Konkursverfahrens. Wann genau der Laden dichtmacht, ist noch unsicher, doch dass es bald sein wird, steht fest.

Und dann geht einmal mehr das Monopoly-Spiel los: Wer zieht in das ehemalige Warenhaus Von Felbert ein? Welche Branche, und wann? Wie lange steht das zentrale Gebäude leer? Fragen, mit denen sich die Gebäudeeigentümerin Loreda Real Estate GmbH in Zürich auseinandersetzen muss. Vorsitzender der Geschäftsführung ist ein gewisser Johannes Georg Wyss «genannt Hansjörg Wyss».

Miete in Solothurn

299 Franken pro Quadratmeter Ladenfläche werden heute jährlich als Miete beispielsweise für ein leeres Geschäft an der Hauptgasse verlangt. Riesige Leerstände an Büro-, Gewerbe- und Lagerflächen gibt es in Solothurn vor allem rund um den Altstadtgürtel. Hier liegen die Preise meist deutlich unter 200 Franken pro Quadratmeter im Jahr für Büroflächen, klar unter 100 Franken für Lagerflächen.

Richtig, der US-Milliardär mit Solothurner Wurzeln, der in Zuchwil das neue Verwaltungsgebäude der damaligen Synthes (heute De Puys Synthes) errichten liess und dann alles an den US-Konzern Johnson Johnson verkaufte. Früher wurde er mit dem Hotel Krone und dem «Sässeli» am Weissenstein in Verbindung gebracht, musste aber den Tatbeweis nie antreten.

Doch noch neue Läden

Licht und Schatten liegen derzeit eng beisammen in der Geschäftswelt von Solothurn. Nur drei Monate nach dem überstürzten Abzug von Migros-Tochter Ex Libris an der Hauptgasse ist die Nachfolgevermietung für die Berner Privateigentümerin geglückt: «Blanca dos» nennt sich folgerichtig der vor kurzem eröffnete zweite Laden von «Blancanieves», der seit einigen Jahren an der Ecke Stalden/Hauptgasse Mode feilhält.

Nicht geglückt ist dagegen bisher die Wiederbelebung der gleichzeitig aufgegebenen Boutique Caroll gleich nebenan. Sie steht weiterhin leer, obwohl sie auf der Immobilienplattform von Comparis raffiniert angeboten wird: Für 299 Franken Jahresmiete pro Quadratmeter – 201 solche umfasst das Ladenlokal – ist die «erfolgsversprechende Lage» an der Hauptgasse 31 zu haben. Der Clou: In einer Visualisierung wird das leere Geschäft als trendy Imbiss- oder Take-away-Location «verkauft.»

Rotation an der Gurzelngasse

Seit bald zwei Jahren ist das Modehaus Brühweiler an der Schmiedengasse Geschichte, die neue Eigentümerin der Häuserzeile die Buchhandlung Lüthy Balmer Stocker belebte das leere Ensemble vorerst mit einem andern in solchen Fällen probaten Mittel: einer Zwischennutzung oder Pop-up-Geschäft. Nach einigen Monaten begann dann ein längerer Umbau, und nun ist neben dem Bieltor die bisher noch nicht in Solothurn vertretene Schuhkette Walder eingezogen.

Dabei gäbe es bald an der Gurzelngasse eine absolute Top-Lage: Mode Schild hört bekanntlich Ende Jahr auf, denn Globus will die Solothurner Filiale nicht weiterbetreiben. Derzeit laufen offenbar Verkaufsverhandlungen für das gesamte Gebäude an der Gurzelngasse. Wobei laut einem Immobilien-Insider die Zeiten vorbei seien, wo x-beliebige Preise gezahlt würden. «Das Ganze kommt ins Rutschen», meint er angesichts der sich häufenden Leerstände und entsprechendem Ausfall von Mietzinsen, der für Wertberichtigungen bei den Liegenschaften sorgt.

Leerstände und Tricks

Unter Leerständen leiden vor allem die weniger frequentierten Nebengassen: In der Schmieden-, Löwen- und Judengasse sind etliche Quadratmeter frei. Und zwar schon länger. Beispielsweise das ehemalige Restaurant Fritz, dessen Austrinkete sich nun schon zum zweiten Mal gejährt hat. Danach folgte durch die neue Eigentümerin, die kantonale Pensionskasse, der Totalumbau der Liegenschaft.

Seit bald einem Jahr wäre das Objekt im Edelrohbau zu haben. Nun wurden Schaufensterpuppen hinter den toten Fenstern drapiert, um etwas Leben vorzutäuschen. Das leere Geschäft daneben, in anderem Besitz, erhielt an der Schaufensterfront ein pseudo-hölzernes Guckloch-Outfit auf Klebfolie. Der Eigentümer, der vorhin zitierte Immobilien-Fachmann, wird deutlich: «Die Zeiten von Handgeldern für eine Geschäftsübernahme sind definitiv vorbei.»

Und: «Wer Mieter hat, muss heute Sorge zu ihnen tragen.» Denn die leer stehenden, günstiger gewordenen und allenfalls besseren Lagen verlocken noch zu einem andern Vorgehen: dem Standortwechsel mit einer Rotation innerhalb der Stadt – nach dem Motto: Weniger zahlen für eine bessere Lage mit allenfalls mehr oder auch weniger notwendiger Geschäftsfläche.

Solothurn funktioniert noch

Ein Spezialfall ist das ehemalige Modegeschäft Biba an bester Lage vorne an der Hauptgasse. Seit einem halben Jahr prangen gelbe, riesige 50-Prozent-Punkte auf den Schaufenstern. Kurz vor Weihnachten ereilte die Modekette in Deutschland der Konkurs. Deshalb stehen immer noch Hunderte Kleiderstücke im Lokal.

Vermieter Beat Knecht mit seinem Hauptgeschäft gegenüber und einer Filiale in Lyss ist jedoch zuversichtlich: «Nun macht das Konkursamt vorwärts.» Ende Sommer hofft er, mit durchaus vorhandenen Interessenten für das Ladenlokal konkreter werden zu können. «In Solothurn ist es noch einfacher als in kleineren Orten wie beispielsweise Lyss, Nachmieter zu finden.»

Was nur bedingt stimmt: Globus hatte seinen Rückzug bei Schild damit begründet, dass Solothurn und sein Einzugsgebiet zu klein für ein Weiterführen des Geschäfts seien. 80'000 Einwohner – so viele umfasst die engere Agglomeration von Solothurn – sind offenbar in Zürich Peanuts.

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