Venite! Venite! Die Barbaren sollen doch nähertreten. Barbaren, da gekleidet in Hosen. Nicht wie der zivilisierte, zum Römer mutierte Beatus Salodurensis, Beat Jung. In Toga und Tunica lud der Lateinlehrer der Kantonsschule zur Führung im archäologischen Museum auf Lateinisch ein.

Tote Sprache? Von wegen. Wenn Jung von der Gründung Solothurns durch römische Legionäre, von spanischem Olivenöl in schweren Amphoren und von Marmorstatuen, die man in Bellach gefunden hatte, erzählt, lebt sie. Und sie belebt. «Ein Besuch in einem Archäologiemuseum ist per se eine Zeitreise. Ich kann dazu beitragen, indem ich die Archäologie mit sprachlichem Klang versehe», erzählt Jung. Die Geschichte wird persönlicher. Und vielleicht auch etwas verständlicher.

Sprachexperiment

Über Jahrhunderte war Latein eine Sprache, wie jede andere auch. In ihr hat man geflucht und gestritten und Liebesbekundungen geflüstert. In ihr hat man auf dem Markt gefeilscht und Schlachtrufe ausgestossen. Dass sie mittlerweile fast nur noch gelesen und geschrieben wird, sei eine neuere Entwicklung. Noch heute könne man aber alles auf Latein sagen, sich fliessend miteinander unterhalten. «Die Sprache ist einzigartig. Seit 2000 Jahren ist der Kern derselbe.»

Und eigenartig. Denn in derselben Sprache, in der man Caesar, Cicero und Ovid liest, kann man gleichzeitig über alltägliche Probleme reden. Oder schreiben, bloggen und tweeten. Denn lateinisch sprechende Menschen findet man so häufig nicht. Deshalb sind E-Mails, Blogs und Foren die Kanäle, über die sich ähnlich Interessierte finden und austauschen.

Legionarius Playmobilianus

Und wie viel von dem Gesprochenen wird verstanden? Zumindest nicht nichts. Einige Worte werden auf Deutsch übersetzt, zur Erklärung anderer verwendet Jung Gegenstände. Mit einer Playmobil-Figur zeigt er, wie römische Legionäre Pflasterstrassen und Brücken gebaut haben. Kulinarische Gepflogenheiten von damals und heute werden miteinander verglichen: Amphoren, in denen Olivenöl aus Spanien nach Solothurn transportiert wurde, auf der einen, eine Flasche spanischen Olivenöls aus dem Coop auf der anderen Seite.

Doch nicht nur dank den Hilfestellungen wird, zumindest teilweise, verständlich, wovon Jung redet. Permanent stolpert man über Worte, die sich vertraut anhören. Im Englischen und Französischen, viel stärker natürlich im Italienischen und Spanischen. Und auch der Rhythmus der Sprache trägt zum Verständnis bei. Kurze, präzise Sätze, mit einer ganz eigenen Melodie. So ganz anders als die Prosa, durch die man sich in der Schule kämpft. Der Inhalt wird verständlich, ohne dass den Wörtern Konjugationen und Deklinationen abgerungen werden müssen, ohne dass man über fünf Zeilen nach Verb und Subjekt und dem Relativpronomen im dritten Nebensatz suchen müsste.

Wie eine Zeitreise fühlte sich die Führung nicht an. Vielmehr so, als würde man auf einem Trampolin zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringen. Irgendwie unkontrolliert.