Solothurn
Latein — eine tote Sprache? Am Museumstag wurde sie lebendig

Anlässlich des Museumstags führte der Lateinlehrer Beat Jung die Besucher auf Latein durch die römische Geschichte Solothurns.

Raphael Karpf
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Museumstag in Solohturn 2018: Im Schloss Waldegg...
23 Bilder
Im Schloss Waldegg...
Im Schloss Waldegg...
Im Schloss Waldegg...
Im Schloss Waldegg...
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Verkleidungsspass im Museum Blumenstein.
Werken im Naturmuseum. Museumstag 2018, Naturmuseum
Werken im Naturmuseum.
Werken im Naturmuseum.
Werken im Naturmuseum.
Werken im Naturmuseum.
Im Alten Zeughaus...
Im Alten Zeughaus...
Im Alten Zeughaus...
Museumstag 2018
Beat Jung gibt eine Führung auf Lateinisch.

Museumstag in Solohturn 2018: Im Schloss Waldegg...

michelluethi.ch

Venite! Venite! Die Barbaren sollen doch nähertreten. Barbaren, da gekleidet in Hosen. Nicht wie der zivilisierte, zum Römer mutierte Beatus Salodurensis, Beat Jung. In Toga und Tunica lud der Lateinlehrer der Kantonsschule zur Führung im archäologischen Museum auf Lateinisch ein.

Tote Sprache? Von wegen. Wenn Jung von der Gründung Solothurns durch römische Legionäre, von spanischem Olivenöl in schweren Amphoren und von Marmorstatuen, die man in Bellach gefunden hatte, erzählt, lebt sie. Und sie belebt. «Ein Besuch in einem Archäologiemuseum ist per se eine Zeitreise. Ich kann dazu beitragen, indem ich die Archäologie mit sprachlichem Klang versehe», erzählt Jung. Die Geschichte wird persönlicher. Und vielleicht auch etwas verständlicher.

Sprachexperiment

Über Jahrhunderte war Latein eine Sprache, wie jede andere auch. In ihr hat man geflucht und gestritten und Liebesbekundungen geflüstert. In ihr hat man auf dem Markt gefeilscht und Schlachtrufe ausgestossen. Dass sie mittlerweile fast nur noch gelesen und geschrieben wird, sei eine neuere Entwicklung. Noch heute könne man aber alles auf Latein sagen, sich fliessend miteinander unterhalten. «Die Sprache ist einzigartig. Seit 2000 Jahren ist der Kern derselbe.»

Und eigenartig. Denn in derselben Sprache, in der man Caesar, Cicero und Ovid liest, kann man gleichzeitig über alltägliche Probleme reden. Oder schreiben, bloggen und tweeten. Denn lateinisch sprechende Menschen findet man so häufig nicht. Deshalb sind E-Mails, Blogs und Foren die Kanäle, über die sich ähnlich Interessierte finden und austauschen.

Legionarius Playmobilianus

Und wie viel von dem Gesprochenen wird verstanden? Zumindest nicht nichts. Einige Worte werden auf Deutsch übersetzt, zur Erklärung anderer verwendet Jung Gegenstände. Mit einer Playmobil-Figur zeigt er, wie römische Legionäre Pflasterstrassen und Brücken gebaut haben. Kulinarische Gepflogenheiten von damals und heute werden miteinander verglichen: Amphoren, in denen Olivenöl aus Spanien nach Solothurn transportiert wurde, auf der einen, eine Flasche spanischen Olivenöls aus dem Coop auf der anderen Seite.

Doch nicht nur dank den Hilfestellungen wird, zumindest teilweise, verständlich, wovon Jung redet. Permanent stolpert man über Worte, die sich vertraut anhören. Im Englischen und Französischen, viel stärker natürlich im Italienischen und Spanischen. Und auch der Rhythmus der Sprache trägt zum Verständnis bei. Kurze, präzise Sätze, mit einer ganz eigenen Melodie. So ganz anders als die Prosa, durch die man sich in der Schule kämpft. Der Inhalt wird verständlich, ohne dass den Wörtern Konjugationen und Deklinationen abgerungen werden müssen, ohne dass man über fünf Zeilen nach Verb und Subjekt und dem Relativpronomen im dritten Nebensatz suchen müsste.

Wie eine Zeitreise fühlte sich die Führung nicht an. Vielmehr so, als würde man auf einem Trampolin zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringen. Irgendwie unkontrolliert.

Auch in den anderen Solothurner Museen war einiges los:

Die Digitalisierung macht auch vor den Solothurner Museen nicht Halt, und deshalb luden die «hypervernetzten» Häuser der Region am Museumstag mit dem Slogan «Taggen, sharen, Liken» zum Bewerten auf den den Sozialen Medien ein. Aber auch Handfestes wurde geboten: So war im Museum Blumenstein ein barockes Selfie möglich oder es flog im Kabinett für Trivialliteratur am Klosterplatz nach 30 Jahren ein dramatischer Kindstausch auf: In einer szenischen Lesung wurde der Bauernbub Fritz zum Lügenbaron Münchhausen.

Im Kunstmuseum konnten sich Detektive auf Spurensuche begeben, und im Museum Altes Zeughaus vernetzten sich zum Muttertag die Frauen bei einem für sie bestimmten Apéro. Basteln war aber nicht nur dort angesagt, sondern vor allem auch im Naturmuseum am Klosterplatz. Unter Anleitung des Museumsteams konnten sowohl Kinder wie Erwachsene unter dem Titel «Abgiessen und taggen» in einer offenen Bastelwerkstatt Tiere abgiessen und mit einer Etikette versehen.
Konnte letztes Jahr am Museumstag im Steinmuseum eine Lichtsäule aus dem 16. Jahrhundert begrüsst werden, so wurden die zahlreichen Besucher diesmal mit einer neuen Museumsbeleuchtung empfangen. Das neue Konzept erzeugt ein warmes Licht, welches die ausgestellten, steinernen Objekte besonders gut zur Geltung bringt. Erst auf den zweiten Blick wird die Erneuerung der Technik wahrgenommen. Die visuellen und audiovisuellen Geräte sind kleiner und lassen sich dank Touchscreen einfach bedienen.

Die Werkzeugtafel im Steinhauerraum hat jetzt eine lichtunterstützte Präsentation der verschiedenen Werkzeuge. Tom Kummer, welcher für diese Neugestaltung verantwortlich zeichnet, meint, dass das Steinmuseum gemessen an seiner Grösse nun das modernst ausgestattete Museum der Stadt ist. «Die Geräte erzählen Geschichten, weil die Steine sie nicht selber erzählen können.» Der Präsident des Vereins der Solothurner Steinfreunde, Peter Studer, kam in seiner Begrüssungsansprache auf das Motto des internationalen Museumstages zu sprechen: «Taggen, sharen, liken – das hypervernetzte Museum». Von den ausgestellten römischen Meilensteinen bis zum Versenden von Postkarten mit dem eigenen Kopf auf dem Statuensimulator schlägt das Museum eine Verbindung von der Antike bis zur modernen Kommunikationsgesellschaft von heute. Auch die Homepage ist zeitgemässer und attraktiver gestaltet. (szr/hz)