Solothurn

Lange Tradition ist nicht genug: Den Singknaben fehlen die Sponsoren

Die Singknaben haben eine lange Geschichte – doch müssen sie immer wieder die nicht einfache Zukunft absichern.

Die Singknaben haben eine lange Geschichte – doch müssen sie immer wieder die nicht einfache Zukunft absichern.

Trotz 1'500 Franken Mitgliederbeiträgen und Zustupf vom Kanton und Freunden müssen die Solothurner Singknaben mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen.

Die Tradition der Solothurner Singknaben geht aufs Jahr 1742 zurück. Der älteste Knabenchor der Schweiz gehört zu den Exportartikeln des Landes und repräsentiert eine der Visitenkarten Solothurns. Obendrein hat er sich einen Namen als Karriereschmiede (Martin Zysset, Patrick Oetterli, Marc-Olivier Oetterli, Jan Börner) gemacht.

Trotzdem bekundet die Traditionsinstitution Mühe, genügend Mäzene und Sponsoren zu finden, um mit Zuwendungen ein Drittel des mit 300'000 Franken veranschlagten Budgets zu decken. «Wir engagieren uns für christliche Jugendarbeit. Jedoch klingt dies nicht bei allen potenziellen Sponsoren gleich positiv an», stellen Nourdin Khamsi und Andreas Reize übereinstimmend fest.

Eltern sind gefordert

Dabei gibt es derzeit 70 Singknaben, so viele wie schon lange nicht mehr. Jeden Monat singen sie in einem Gottesdienst in der St.-Ursen-Kathedrale, treten in Konzerten auf, gehen auf Tournee ins Ausland und organisieren zweimal jährlich ein Lager, beschäftigen einen Dirigenten, Stimmbildner und eine musikalische Assistentin.

Dafür wenden sie jährlich rund 300'000 Franken auf, von denen ein Viertel die Eltern- und Sängerbeiträge ausmachen. 9 Prozent steuern Kanton und Stadt bei, 14 Prozent resultieren aus den Konzerteinnahmen, 8 Prozent stammen vom Freundeskreis. Die finanziellen Zuschüsse der römisch-katholischen Kirchgemeinde Solothurn machen 5 Prozent aus. Der restliche Fehlbetrag muss durch Sponsoring erwirtschaftet werden.

Positiv schlagen bei den Singknaben zwei Posten zu Buche. «Die Kirchgemeinde stellt uns die Probelokalitäten, Pfarreiheim und Pfarrsaal kostenlos zur Verfügung. Ansonsten wären die Ausgaben um ein Vielfaches höher. Wir schätzen dies sehr. Zum Glück können wir auf viel ehrenamtliche Arbeit zählen, sodass die Personalkosten nicht überborden», präzisiert Nourdin Khamsi, seit zwei Jahren Präsident der Singknaben, die Zahlen.

Auch für so populäre Kulturbotschafter wie die Singknaben ist das Fundraising ein hartes Pflaster geworden. «Gönner sind nicht mehr so freigiebig wie noch vor ein paar Jahren. Wir kämpfen Jahr um Jahr für einen ausgeglichenen Etat», schiebt er nach. «Früher war Spendensammeln um einiges einfacher. Bis vor zwei Jahren erhielten wir von der Synode jährlich 20'000 Franken. Nun wurde der Beitrag massiv auf noch 5'000 Franken gekürzt. Wir hoffen, dass die Zuwendung wieder aufgestockt wird», ergänzt Andreas Reize.

Ohne die Eltern könnte der Chor den finanziellen Aufwand nicht bewältigen. Sie zahlen rund 1'500 Franken im Jahr, damit ihre Sprösslinge nicht nur bei öffentlichen Auftritten glänzen, sondern auch für die umfassende musikalische Ausbildung, Kleider, die Lagerteilnahmen und Konzertreisen ins Ausland. Die öffentliche Hand ist nämlich relativ zurückhaltend mit den Subventionen.

Anders sieht es in den Nachbarländern aus, die sich ihre Traditionschöre etwas kosten lassen. Eltern der weltberühmten Wiener Sängerknaben, deren Internats- und Ausbildungskosten sich pro Knabe auf 30'000 Franken pro Jahr belaufen, werden gerade Mal mit 100 Euro pro Monat belastet. Der Löwenanteil wird durch öffentliche Zuschüsse, Stipendien und Sponsoren gedeckt.

Magnet Mozart-Requiem

Eines bleibt sich in Wien und Solothurn gleich, in einem über Jahrhunderte gewachsenen Chor zu singen, wird als Privileg empfunden. Daran erinnert sich auch Andreas Reize. Der Leiter der Singknaben feiert dieses Jahr sein Zehnjahres-Jubiläum und wünschte sich dafür, Mozarts Requiem aufzuführen. «Zweimal habe ich es in meiner Kindheit und Jugend mit den Singknaben gesungen, später war es mein Diplomstück», erzählt er.

Obschon Mozarts Totenmesse zu den Publikumsmagneten gehört, deckt der Kartenverkauf die Kosten für Orchester, Solisten und Werbung keineswegs. Doch für die kleinen und grossen Chorsänger markiert dieses Werk, wie übrigens jeweils Bachs Weihnachtsoratorium, einen Höhepunkt. «Diese Musik geht einfach unter die Haut. Schon kleine Buben spüren die Qualität grosser Werke», ist sich Reize sicher.

Interessant ist, wie die Buben überhaupt zu den Singknaben kommen. Gleich vorweggenommen, Castingshows werden keine veranstaltet, dafür Info-Anlässe für Eltern und Söhne durchgeführt. «Bei der Probestimmbildung wird bald einmal klar, wer in den Grundkurs kommt oder zu den «Singspatzen» stösst und zuerst den Vorkurs für 4- bis 6-Jährige besuchen wird», schmunzelt der Chorleiter. Der Grundkurs 1 ist den 7- bis 8-Jährigen vorbehalten, der Grundkurs 2 den 9- bis 10-Jährigen. Mit 9 Jahren wird dem Dirigenten vorgesungen und nun werden die Knaben offiziell in den Chor aufgenommen und dürfen bei Konzerten mitsingen.

Zu Hause wird nicht mehr ausschliesslich ab CD und Notenblatt geübt, sondern den Familien werden Links zu speziellen Chor-Apps weitergeleitet. «Das macht richtig Spass», lacht Nourdin Khamsi, mit 25 Jahren der Älteste im Männerchor. Auch heute Abend, da singt er nämlich mit seinen Chorkameraden Mozarts Requiem.

Heute Samstag, 19 Uhr: Mozart Requiem mit den Singknaben in der Jesuitenkirche Solothurn.

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