Heiligabend von 16 bis 17 Uhr – eine Stunde, an der sich die Geister scheiden. Es gibt jene, die finden: Wer dann noch kein Geschenk hat, wird nichts mehr finden, was von Herzen kommt. Oder aber: Die letzte Gelegenheit zum Einkauf wird dankbar ergriffen. Auch unter den städtischen Gewerbetreibenden besteht keine Eintracht, wie man sie sich zur festlichen Zeit wünschen würde.

Die Stadt- und Gewerbevereinigung Solothurn SGSo empfiehlt: Heiligabend und Silvester bis 17 Uhr, Stephanstag geschlossen und Berchtoldstag (mehrheitlich) offen – zudem zwei Advents-Sonntagsverkäufe. Bis auf den Stephanstag streckt sich die SGSo damit nach der Decke, also dem rechtlich Ausschöpfbaren.

Gerade bei kleinen Gewerbebetrieben fehlen aber oft die Möglichkeiten oder die Bereitschaft, sich an die Empfehlungen des Ladenkalenders zu halten. «Hinter dem Verkaufspersonal stehen immer auch Familien. Deshalb hat es diese freie Stunde verdient», so Urs Jeger vom «Cherzejeger», der um 16 Uhr schliesst. Dass man in den Reihen der SGSo-Betriebe eine einheitliche Handhabe finde, werde nie funktionieren.

Ausschliesslich den Schutz des Arbeitnehmers macht Daniela Jäggi von «Cristina’s» geltend: «Es kann doch nicht sein, dass wir um 18 Uhr erst heimhetzen und für Heiligabend eine Fertigpizza in den Ofen schieben», findet sie. Ausserdem: «Die Leute können nicht mehr Geld ausgeben, wenn die Geschäfte länger offen haben.»

«Mehr Gewicht für SGSo»

Stefan Käser, Geschäftsinhaber des «Bluemeland» schätzt die zusätzliche Stunde bis 17 Uhr. Auf dem Einkaufszettel wird der Blumenstrauss meist zuletzt abgearbeitet, damit er in bester Frische zuhause ankommt. Ausserdem: «In diesen Tagen machen wir branchenbedingt unseren Hauptumsatz. Und da gibt es auch unter den Angestellten keine Diskussion.» Vom Abendverkauf her kennt er aber die Tücken, die hinter dem Versuch stehen, die Ladenöffnungszeiten zu vereinheitlichen: «Die SGSo hat kein Gewicht, da macht jeder, was er will. Da müsste man unter den Mitgliedern mehr Überzeugungsarbeit leisten.»

Auf dem Friedhofplatz ist Käser nach eigenen Angaben der einzige Gewerbetreibende, der anlässlich des Abendverkaufs bis 21 Uhr offen hat: Und da steht der Chef dann auch allein an der Kasse. Nur: «Die Kundschaft weiss meistens nicht, dass das ‹Bluemeland› noch offen hat.»

An die Empfehlungen der SGSo hält sich auch die Buchhandlung Lüthy. Mitinhaberin Simone Lüthy findet, «dass das gemeinsam Verbindliche dabei hilft, sich besser zu positionieren.» Sortimentsleiter Fred Stähli stellt fest, dass 17 Uhr eher auch den Einkaufsgewohnheiten entspreche: «Wenn man um 16 Uhr schliesst, muss man viele Kunden fast schon herausbitten. Ansonsten würden die Leute erst nach diesem Zeitpunkt nach und nach das Geschäft verlassen.» Was die Angestellten angehe, sei man untereinander auch zu Flexibilität bereit, zum Beispiel, wenn jemand früher in den Feier- und Heiligabend gehen müsse.

Jeder Kunde zählt

«Es ist ein zweischneidiges Schwert», kommentiert Verena Holzer-Bohnenblust, Geschäftsführerin des Kinderparadieses Bohnenblust: «Jeder Kunde, der vor verschlossener Türe steht, fehlt beim Umsatz, da er meistens auch woanders bekommt, was er sucht.» Die Ausnahme bilden lediglich besondere Babyartikel. Dennoch hält sich Bohnenblust noch an den Brauch, um 16 Uhr zu schliessen: «Unsere Leute haben schon die Nase gerümpft, als 17 Uhr zur Debatte stand.» Ob diese zusätzliche Stunde im 2014 kommen wird, lässt Holzer aktuell noch offen.

Auch bei Manor macht sich laut Mediensprecherin Elle Steinbrecher eine Nachfrage nach optimalen Einkaufsmöglichkeiten bemerkbar. «Deshalb nutzen wir mit anderen grösseren Detailhändlern die Möglichkeit, bis 17 Uhr zu öffnen. Dies soll nach Hoffnung von Manor die Attraktivität der Stadt erhöhen: «Jeder Händler kann somit zum Erfolg des Weihnachtsgeschäfts beitragen», so Steinbrecher weiter.

«Einkaufszentrum im Barockstil»

«Allen Leuten recht getan...», findet Willy Reinmann, SGSo-Geschäftsführer, angesichts der Unvereinbarkeit der gewerblichen Einzelinteressen: «Jedes Geschäft hat seine eigene Philosophie.» Kämen weitere Faktoren hinzu: Familienbetriebe haben es sicher einfacher – oder solche, bei denen Teilzeit und Stundenlohn üblich sind.

«Wir können aber keine Öffnungszeiten anordnen, wie in einem Einkaufszentrum wie Gäupark, Shoppyland oder Ladendorf.» Trotzdem bleibt der Wunschgedanke «dass sich 85 Prozent gleichermassen an unsere empfohlenen Öffnungszeiten halten.» Die Vision dahinter: die Altstadt als «Einkaufszentrum im Barockstil.» Immerhin beim Adventssonntagsverkauf konnte diese Wunschquote erreicht werden.

«Ein solcher Kalender kann nur Empfehlungscharakter haben», sieht Markus Baumann, Präsident Gewerkschaftsbund Kanton Solothurn, ein. Er stellt fest, dass die einzelnen Verhandlungspartner heute schwer an den Tisch zu bekommen seien. So findet zum Beispiel eine 1996 getroffene unverbindliche Vereinbarung zwischen dem städtischen Gewerbe und Gewerkschaften heute keine Anwendung mehr.