Kraft des Augenblicks
Kunst mit Lizenz zum Sprengen

Die beiden Goldschmiede Matthias Hammer und Wolfgang Schnider aus Solothurn sind wohl die Einzigen mit einer Sprenglizenz. Wir haben mit ihnen über ihre spezielle Arbeiten gesprochen, die vom 11.-13. November im Restaurant Limpach's in Aetingen ausgestellt werden.

Jasmin Krähenbühl
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Wolfgang Schnider und Matthias Hammer machen Kunst mit Sprengstoff und Chromstahl.
18 Bilder
Hier wird der knetartige Plastiksprengstoff entsprechend präpariert.
Hier wird der knetartige Plastiksprengstoff entsprechend präpariert.
Die Untensilien für die Sprengung.
Die beiden Sprengmeister bei der Arbeit.
die deformierten Platten
Eine dieser Platten in der Werkstatt
Dieselbe Platte kurz nach der Sprengung
Ein fertiges Kunstwerke an einer Wand
Sprengkunst
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Kurz vor der Sprengung
ein fertiges Kunstwerk
Hier wird der knetartige Plastiksprengstoff entsprechend präpariert.

Wolfgang Schnider und Matthias Hammer machen Kunst mit Sprengstoff und Chromstahl.

zvg

Hochkarätige Goldschmiedekunst und hochexplosiver Sprengstoff – das soll zusammenpassen? Ja, tut es. Den Beweis dafür liefern Wolfgang Schnider und Matthias Hammer. Die Solothurner Goldschmiede beschäftigen sich nicht nur mit filigranen Ringen und fein gearbeiteten Halsketten, sie hantieren auch mit Sprengstoff und metergrossen Chromstahlplatten. Aus den groben Materialien lassen sie ebenso faszinierende Kunstwerke entstehen, wie aus den Feinen.

Dellen, Risse, Löcher, Kerben, Schmauchspuren: Was Schnider und Hammer mit den Chromstahlplatten anstellen, tönt zerstörerisch und brutal. Das Resultat der gezielten Sprengungen ist jedoch verblüffend harmonisch, eine eigene Ästhetik wohnt den deformierten Platten inne. Die unglaubliche Kraft der Sprengstoffexplosion ist in den Kunstwerken eingefangen, verleiht ihnen etwas Aufwühlendes und wirkt gleichzeitig beruhigend.

Sprengung im Steinbruch

Seit über 20 Jahren führen die beiden Goldschmiede ihr Atelier Schnider&Hammer in der Solothurner Altstadt. Fast genauso lange wie sie zusammen Schmuck herstellen, tüfteln sie auch an der Kunst des Sprengens herum. «Ich habe es mit der Sprengkunst gleich wie mit dem Schmuck. Eine Idee muss mich packen, mich bewegen, damit ich auch mit der Herstellung beginne», sagt Schnider.

Für die Sprengkunstwerke zeichnet er, wie für Schmuckstücke auch, zuerst eine Vorlage. Entspricht die Zeichnung seinen Vorstellungen, überträgt er sie auf die Chromstahlplatten und präpariert den kneteartigen Plastiksprengstoff entsprechend. Sparsam aufgetragene Linien ergeben feine Dellen, dick mit Sprengstoff bestrichene Stellen werden aufgerissen oder ganz weggesprengt.

Die Sprengung selbst geschieht dann in einem Steinbruch bei Wangen an der Aare. Nach all den Jahren haben sich Schnider und Hammer dort einen eigenen kleinen Bunker gebaut, weil sich die angrenzenden Wohngebiete über den Lärm beschwerten. Denn mit einer einmaligen Sprengung kommen die beiden nicht ans Ziel: «Wir kommen nur in kleineren Schritten zu den gewünschten Formen. Wenn wir bei der ersten Sprengung so viel Sprengstoff anbrächten, wie wir schlussendlich verwenden, würde es die gesamte Chromstahlplatte in die Luft jagen», erklärt Schnider.

Aufwendige Nachbearbeitung

Ein bisschen mit Sprengstoff herumspielen und dann die entstellten Platten teuer verkaufen? So einfach geht das nicht, wissen Schnider und Hammer. Nach dem Sprengen ist vor der Arbeit: Die Chromstahlplatten sind verzogen, geschwärzt und haben unerwünschte Kerben. Die Goldschmiede müssen sie wieder gerade richten, störende Dellen glätten und zu stark aufgerissene Stellen zurückbiegen.

Dann kommen die Platten in den Sandstrahler, um sie von geschmauchten Flecken zu reinigen. Abschliessend polieren sie die Oberfläche und bringen die aufgerissenen Kanten mit der Stahlbürste zum Glänzen. «Für eine Platte von etwa einem Quadratmeter arbeiten wir mindestens einen Tag», so Schnider.

Bubentraum erfüllt

Sprengstoff ist eine heikle Materie, nicht immer läuft alles wie gewünscht. «Als wir mit dem Sprengen anfingen, haben wir praktisch nur Schrott produziert», sagt Schnider. Selbst heute, mit fast 20 Jahren Erfahrung, laufe regelmässig etwas schief und Platten landen auf dem Müll, weil man sich verkalkuliert habe.

«Wir haben aber noch nie einen Unfall gebaut», sagt Schnider. Das könnte sich Schnider, der als einziger der beiden Goldschmiede eine Sprenglizenz hat, auch gar nicht erlauben. «Die Sicherheitsvorschriften sind extrem streng und müssen konsequent befolgt werden, sonst wird die Lizenz sofort entzogen», erklärt er.

Schnider war schon als Kind vom Sprengen und Explodieren fasziniert gewesen. Die Sprenglizenz zu besitzen, war einer seiner grossen Bubenträume. In erster Linie hat er sie aus persönlichen Interessen und nicht für das Goldschmiedegeschäft gemacht: «Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, da ich nicht mehr einfach zum Spass sprengen konnte und wollte.» So hat er zwei seiner Leidenschaften verbunden: Die Lust aufs «Kaputtmachen» und sein Flair für Gestaltung.

Vom 11. bis 13. November können Interessierte von Schnider und Hammer ihre einzigartigen Kunstwerke im Restaurant Limpach’s in Aetingen bewundern. In ihrer Ausstellung «Sprengkraft – die Kraft des Augenblicks» zeigen sie nicht nur Bilder, sondern auch andere gesprengte Objekte wie Brunnen oder Fruchtschalen.

Die faszinierende Kunst des Sprengens gibt es nicht alle Tage zu sehen. «Wir sind wohl die einzigen Goldschmiede auf der Welt mit einer Sprenglizenz», so Schnider.