Im Jugendraum des Alten Spitals sitzen Anouk, Cyrill, Pascal und Lea. Alle vier studieren an der Hochschule Luzern Design und Kunst. «Das hier ist die Verlängerung unseres Wohnzimmers», sagt die Bernerin Anouk und zeichnet eine Birne, die sie später grün bemalt. «Wir wohnen zusammen in einer WG und inspirieren uns gegenseitig.» Auf die Kulturnacht aufmerksam gemacht wurden die Studierenden von einem Freund. «Da dachten wir, wir gehen mal hin und machen uns einen lustigen Tag.» Nicht weit davon entfernt breitet Roshan Adhihetty Fotos auf einem kleinen Tisch aus. Er studiert Fotografie in Lausanne und erklärt gleich wieso: «Als ich klein war, durfte ich hie und da die Kamera meines Vaters benutzen. Ich freute mich, wenn es Klick machte und aus diesem Ton ein Bild entstand.»

Anouk, Pascal, Cyrill, Lea und Roshan sind nicht die Einzigen, die sich entschieden haben, an der Kulturnacht in Solothurn zu zeigen, was in ihnen steckt und was Kultur bedeutet. Im Rittersaal des Von-Roll-Hauses entzückt nebst anderen bedeutenden Sängern die bulgarische Sopranistin Nelya Cravchenko mit Verdi-Arien Musikfreunde und weckt die Vorfreude auf das kommende Classics. Jazzliebhaber dagegen sichern sich einen Platz im «Sternen» oder im «Chutz», und Anhänger von Barbara Gasser und Ben Jeger erleben ein einmaliges Musikvergnügen in der Peterskapelle. Auch für jene, die andere Stilrichtungen bevorzugen, ist gesorgt. In der Kulturfabrik Kofmehl geht die Post ebenso ab wie bei Kreuzkultur oder im Alten Spital, wo das Team der Oltner Kultshow «Nachtfieber» bereits bei der Eröffnung der Nacht der Nächte zeigt, was von ihm zu erwarten ist.

Etwas andere Nahrung suchen jene, die in der Jugendherberge eine Antwort auf die Frage «Was ist wahr?» erhoffen und letztlich doch nur erfahren, dass es so viele Wahrheiten wie Menschen gibt. «Ich bin nicht sicher, ob sie noch einen freien Platz finden», wägt der Mann im Uferbau ab, wo drei Schweizer Kurz-filme die während der Solothurner Filmtage entfachte Flamme vor dem Erlöschen bewahren. All jene, die draussen bleiben müssen, finden vielleicht einen Platz in einem Workshop oder einer Lesung.

Qual der Wahl

Nebst den Jugendlichen, die trotz Regen den Landhausquai bevölkern und leicht fröstelnd draussen an den Tischen sitzen, gibt es an diesem Samstagabend auch eine grosse Zahl von Menschen, die zügig durch die Strassen gehen oder sich per Shuttle-Bus in die Aussenquartiere fahren lassen, wo in der Kulturgarage, in der Zentralbibliothek, in der Mausefalle oder in kleineren Museen und im Café de l’Industrie die Kultur hochgehalten wird. Kürzer ist der Weg ins Kunstmuseum. Dort begegnet man am Nachmittag Kindern, die sich an einem Suchspiel beteiligen, während am Abend die Kunstschaffenden das Wort haben.

Mäuschenstill sitzen Eltern und Kinder im Naturmuseum, während ein Film die erschreckenden Folgen unserer Kunststoffwelt aufzeigt.

Stadtpräsident Kurt Fluri bringt es an der Eröffnungsfeier auf den Punkt, wenn er von der Qual der Wahl spricht. Nach einem bescheidenen Beginn hat sich die Solothurner Kulturnacht innerhalb von drei Jahren zu einer Grossveranstaltung entwickelt, an der mittlerweile 34 Kulturinstitutionen beteiligt sind, die an 27 Spielstätten von Musik über Film bis zur Stadtführung alles anbieten.

Die Kulturnacht 2013 feierte mit 11 500 Eintritten einen Besucherrekord (2010: 10 000). «Wir arbeiten mit Herzblut und sind uns trotz der erreichten Grösse bewusst, dass sich die Kultur letztlich nicht über die Quantität, sondern über die Qualität definiert», sagt Eva Gauch, Betriebsleiterin des Alten Spitals, im Namen des fünfköpfigen Organisationskomitees, das 130 freiwillige Mitarbeitende zur Seite hat. Zweifellos hat auch die dritte Auflage bewusst gemacht, dass Solothurn das Label als Kulturstadt verdient.