Kunstmuseum
Krankheit und Kunst im Einklang: Demenz-Kranke erfinden Geschichten

Demenzkranke Menschen sollen ihre Kreativität entdecken, indem sie gemeinsam Geschichten zu Bildern erfinden. Nicht nur für die Betroffenen selbst wirkt sich die ungewohnte Tätigkeit positiv aus - sondern auch auf die Angehörigen.

Lea Schreier
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Spontan und gemeinsam mit anderen eine Geschichte zu einem Kunstwerk erfinden – das ist die Aufgabe der Demenzkranken im Kunstmuseum.

Spontan und gemeinsam mit anderen eine Geschichte zu einem Kunstwerk erfinden – das ist die Aufgabe der Demenzkranken im Kunstmuseum.

zvg/uzh

«Was denkt ihr, wohin gehen die zwei Menschen auf diesem Bild?», fragt Désirée Antonietti von Steiger in die Runde. Die Kunsthistorikerin deutet auf ein Ölgemälde von Franz Buchser, welches ein junges Paar inmitten einer grünen Wiese zeigt. Zuerst herrscht Schweigen in ersten Stock des Kunstmuseums Solothurn. Dann antwortet eine ältere Dame zögerlich: «Die gehen doch heuen.» «Ja und was tragen sie dazu mit sich?», fragt Antonietti nach. «Eine Sense und einen Rechen», bringt sich nun auch der Senior neben der Dame in das Gespräch ein.

«Aufgeweckte Kunst-Geschichten»

Das Zentrum für Gerontologie (ZfG) der Universität Zürich hat das Interventionsprojekt «Aufgeweckte Kunst-Geschichten – Menschen mit Demenz auf Entdeckungsreise im Museum» erarbeitet und in Kooperation mit Kunstmuseen und Pflegeeinrichtungen realisiert. Die Idee ist, Demenzkranke anhand mehrdeutiger Bilder zum kreativen Geschichtenerfinden zu animieren. Angeregt werden die Teilnehmer durch die impulsgebenden Fragen der Moderatorin. So werden die noch vorhandenen Ressourcen der Demenzkranken aktiviert und sie können positive Erfahrungen in sozialen und kognitiven Bereichen erleben. Das Projekt wird von 2012 bis 2015 wissenschaftlich begleitet und untersucht. Die Anlässe finden in Museen in Zürich, Aarau und Riehen statt. Weitere Museen – sowie auch die Alzheimervereinigung Kanton Solothurn – haben das Konzept des Projekts übernommen und bieten nun ähnliche Angebote an. Im Kunstmuseum Solothurn steht laut einer der beiden Projektverantwortlichen, Désirée Antonietti von Steiger, die Idee im Raum, das Angebot nach der Jubiläumsreihe von «Kreativ-Kunsterlebnisse voller Fantasie» weiterzuführen. (lsc)

Von aussen betrachtet, könnte man die beiden für gewöhnliche Teilnehmer einer Museumsführung für Senioren halten. Doch sie sind an Demenz erkrankt und nehmen an der Veranstaltung «Kreativ-Kunsterlebnisse voller Fantasie» teil, die sich an Demente und deren Angehörige richtet. Die Alzheimervereinigung des Kantons Solothurn organisiert anlässlich ihres 20-Jahre-Jubiläums solche Museumsbesuche mit dem Ziel, die Kreativität, Konzentration sowie die verbalen Fähigkeiten der Erkrankten zu wecken und zu fördern. Dazu betrachten die Senioren in Begleitung ihrer Angehörigen und freiwilligen Helfer ein ausgewähltes Kunstwerk und sollen dazu gemeinsam eine Geschichte erfinden. Désirée Antonietti von Steiger leitet das Gespräch, indem sie offene, anregende Fragen stellt. Es gibt kein Richtig und Falsch, die Demenzkranken sollen ihre Fantasie frei entfalten und die erfundene Geschichte immer weiterspinnen. «Was denkt ihr, was unternimmt das Paar am Wochenende?», fragt von Steiger nun. «Sie gehen tanzen», meint die ältere Dame. «Aber um 11 Uhr sind sie wieder zu Hause», bestimmt ihr Sitznachbar – die Gruppe lacht.

Positive Effekte für Angehörige

«Eine angenehme, ruhige Atmosphäre ist für die Demenzkranken sehr wichtig», betont Psychologin Susanna Jenzer, neben von Steiger die zweite Projektverantwortliche von «Kreativ-Kunsterlebnisse voller Fantasie». Denn häufig würden die Betroffenen und ihre Angehörigen die meiste Zeit zu Hause im gewohnten Umfeld verbringen und sich selten in der Öffentlichkeit bewegen. «In unserer Gesellschaft ist diese Krankheit immer noch mit Scham verbunden, viele isolieren sich», fügt von Steiger an. Dies bestätigt Markus Schreier, der seine an Demenz und Parkinson erkrankte Frau zu Hause pflegt. «Durch die Krankheit ist unser soziales Netzwerk zusammengebrochen», sagt er. Der Museumsbesuch bietet dem Ehepaar die Möglichkeit, am öffentlichen und sozialen Leben teilzunehmen. Nicht nur für seine Frau bedeute es Abwechslung, sondern auch er könne sich mit anderen Angehörigen von Demenzkranken austauschen, so Schreier.

Die Angehörigen werden durch das Projekt auch in einer weiteren Hinsicht gestärkt: «Sie erleben ihre erkrankten Verwandten einmal in einer anderen, positiven Situation und bekommen so einen neuen Blick auf deren Fähigkeiten, welche im Alltag vielleicht manchmal in den Hintergrund geraten», erklärt Jenzer. Während der Bildbetrachtung sind die Angehörigen ebenfalls entlastet, sie sitzen in der hintersten Reihe und sind für einmal nur Zuschauer. Die Demenzkranken werden von Freiwilligen der Alzheimervereinigung, etwa bei Verständnis- oder Gehörproblemen, unterstützt.

Protokoll zur Erinnerung

Die von den Teilnehmern erfundene Geschichte wird von Susanna Jenzer laufend genau protokolliert. Um den Dementen das bisher Ausgedachte in Erinnerung zu rufen, wird das Protokoll während der Session mehrmals wieder vorgelesen. Am Ende sollen die Teilnehmer der Geschichte noch einen Titel geben. «Bauernidylle», schlägt die ältere Frau vor. Der Vorschlag wird angenommen. Als Andenken und Ermutigung für die Teilnahme an weiteren Anlässen erhalten die Senioren einen Abdruck des Bildes sowie den Text der von ihnen zusammengestellten Geschichte. Bevor es für die Demenzkranken und ihre Begleiter wieder zurück nach Hause geht, bietet sich beim anschliessenden Zvieri noch die Möglichkeit für einen lockeren Gedankenaustausch.

Erfolgreicher Start

Die Projektverantwortlichen Désirée Antonietti von Steiger und Susanna Jenzer ziehen am Ende ihrer ersten Veranstaltung ein positives Fazit. «Für den ersten Versuch hat es mir gut gefallen», meint Jenzer. Ihr Projekt «Kreativ-Kunsterlebnisse voller Fantasie», welches ganz nach dem Vorbild des Interventionsprojekts der Uni Zürich (siehe Box) aufgebaut ist, wird in den kommenden Monaten wiederholt im Kunstmuseum Solothurn sowie auch im Kunstmuseum Olten und im Kunsthaus Grenchen durchgeführt. «Optimal ist es, wenn Demenzkranke mehrmals an den Museumsbesuchen teilnehmen. Denn erst beim zweiten oder dritten Mal stellt sich bei ihnen nach anfänglicher Unsicherheit Freude und Zufriedenheit ein», erklärt von Steiger.

Abschliessend betont Psychologin Susanna Jenzer: «Wir wollen in unserem Jubiläumsjahr einmal die Ressourcen der Demenzkranken ins Zentrum rücken. Sonst werden viel zu oft nur die Defizite hervorgehoben. So soll unser Projekt auch zu einem positiveren Krankheitsbild in der Öffentlichkeit beitragen.»