Man wähnte sich fast in Montmartre, dem Künstlerviertel von Paris - gestern in der Vorstadt. Mit diesem zwar nicht hinsichtlich Grösse, dafür hinsichtlich Kunstdichte vergleichbar, bieten die beiden gleichzeitig eröffneten Verkaufsausstellungen «Kunstsupermarkt» und «Kunst findet Stadt» einen Bilderschatz, der das Herz des Kunstliebhabers, Ästheten oder Schnäppchenjägers höher schlagen lässt.

Nur: Zu welchem der beiden Rivalen gehört welche Zielgruppe? Im Volkshaus, wo der Neuling «Kunst findet Stadt» sein Debüt feiert, fallen dazu bereits anlässlich der Vernissage dezidierte Worte. Kunstkritikerin Annelise Zwez als Gastrednerin der Vernissage nimmt kein Blatt vor den Mund: «Mir kommt dazu die Lebensmittel-Kette Aldi auf der einen, der Bio-Laden mit Regioprodukten auf der anderen Seite in den Sinn.»

Merke wohl: Die rund 3000 Werke stammen von 34 bildenden Künstlern aus der Region und der ganzen Schweiz, womit die Rollenverteilung aus Sicht dieses Veranstalters klar wäre. Die Provokation, die sich aus der geografischen und zeitlichen Nähe der beiden Verkaufsausstellungen ergebe, heische Vergleiche, so Zwez weiter. «Reibung ist spannend», meint dazu Initiant Roland Wittwer. Das Kokettieren mit Kontrasten scheint zu gefallen.

Ist 13 für Meier eine Unglückszahl?

Derweil drücken sich auf der anderen Strassenseite schon die ersten potenziellen Käufer an der Scheibe der «Rothus»-Halle die Nase platt und stürmen Punkt sechs den «Kunstsupermarkt», der heuer zum 13. Mal stattfindet. Ob die 13 eine Unglückszahl sei, wird dort Initiant Peter Lukas Meier von Moderatorin Anita Panzer gefragt: «Nein, wieso?», meint er mit Blick in die volle Halle: «Konkurrenz belebt das Geschäft». Zudem sei es ein Kompliment, wenn man kopiert werde, «vor allem von jenen Kritikern, die 13 Jahre lang Gift und Galle gegen uns gespuckt haben.» Viele stehen bereits mit Portemonnaie und ersten «Errungenschaften» an der Kasse und hören Meiers Worte gar nicht - im Rausch einer Wühltischromantik. Das Lustprinzip steht in Meiers Konzept unmissverständlich zuoberst: «Viele Leute wollen sich keinen schwarzen Fleck auf der Leinwand erklären lassen. Sie kommen aus Lust und Freude.»

So auch Maja Fluri, die zusammen mit ihrer Mutter eine weite Wegstrecke hinter und vor sich hat - Unterseen bei Interlaken. Seit drei Jahren schauen sie im «Kunstsupermarkt» vorbei: «Die Kunst hier ist nicht abgehoben, und das schätze ich. Sie ist einem nahe und stammt oft von Menschen, die das nebenberuflich machen.» Natürlich wollen die beiden auch vis-à-vis vorbeischauen.

Künstler kennen und entdecken

Während die Kasse in der «Rothus»-Halle unablässlich klingelt, gibt sich Wittwer im Volkshaus eine halbe Stunde nach Eröffnung mit weniger zufrieden. «Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell ein Bild verkaufen können.» Eins von Roland Flück sei über den Ladentisch gegangen, sagt er stolz. Noch am Umschauen ist Gregor Schärer aus Subingen. Auch er ist ein zielgerichteter Besucher der neuen Verkaufsausstellung: «Hier gibt es Künstler aus der Region, solche, die man kennt und solche zum Entdecken.» Und er meint: «Dass es jetzt einen zweiten Mitstreiter gibt, tut auch dem anderen gut.»