Solothurn
Konfetti: Die Biografie eines Papierschnipsels

Woher kommen die Konfetti, wo liegen sie und wo gehen sie in die ewigen Narrengründe ein? Eine Spurensuche bis in die nassen Pflasterstein-Ritzen am Märetplatz in Solothurn.

Andreas Kaufmann
Drucken
Teilen
Ein 80 Quadratmillimeter grosses Stück Papier schafft Heiterkeit pur – aber nur im Rudel.Andreas Kaufmann

Ein 80 Quadratmillimeter grosses Stück Papier schafft Heiterkeit pur – aber nur im Rudel.Andreas Kaufmann

Jeder Zug an Individualität kommt dem Papierschnipsel schon in dem Moment abhanden, in dem man seinen Namen ausspricht: Konfetti. Das zurzeit wichtigste Dekorelement für Solothurns Gassen existiert nur in der Mehrzahl. Wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht auch ein Konfetti – pardon: «Konfetto» – noch keine Fasnacht. Ja, man stolpert über das «o», weil man tatsächlich ein «i» erwartet. Auch sonst ist das Konfetti-Dasein bis auf einen Glanzmoment unscheinbar – vom kurzen Lebenszyklus ganz zu schweigen. Trotzdem nehmen wir mal das Werden und Vergehen eines Papierschnipsels in den Fokus ...

Unser «Konfetto», von dem nachfolgend die Rede ist, ist blau, rund und stammt aus dem Glarnerland, ausgestanzt letzten Herbst in weiser Voraussicht auf die Fasnacht. Lässt man die «Produktionsstätten» aussen vor, die jeder zu Hause hat, so steht in der Firma Kurt Hauser AG in Näfels die einzige Maschine schweizweit, die die kunterbunten Papierscheibchen aus Recyclingpapier ausspuckt. Und die Ausbeute ist ein gutes Stück ansehnlicher als bei der Selfmade-Produktion via Bürolocher: 400 Tonnen oder 20 Turnhallen voll. Giftfrei und naturverträglich müssen die Konfetti sein, zudem werden sie ausgelüftet und von juckendem Papierstaub befreit. Unser blaues Einzelexemplar hat derweil Kurs auf Solothurn genommen.

Drei Tonnen «Narrenmunition»

Gleich drei Tonnen «Narrenmunition» muss Toni Armbrust für mehrere hiesige Zünfte beschaffen, in der Growa wird er fündig. Beim Kinderparadies Bohnenblust gehen etwas weniger über den Ladentisch: Geschäftsführerin Verena Holzer schätzt für eine Durchschnittsfasnacht rund 300 Kilogramm: «Dabei werden Konfetti vor allem während der Fasnacht gekauft. Zum Voraus hortet sie niemand.» Doch zurück zu Armbrust: Auch unser Konfetto landet durch diese Grosslieferung beim Narren aus der Vorstadtzunft und wartet auf seinen Showdown, auf den eingangs erwähnten Glanzmoment am grossen Umzug: den Böllerschuss aus der Konfettikanone. Früher hätte es noch eine andere Zweckbestimmung für unseren blauen Papierschnipsel gegeben. Armbrust stöbert in seinem närrischen Archiv und findet in einem Fasnachtsführer von 1970 die letztmalige Erwähnung der so genannten Konfettischlacht. «Die fand jeweils nach der Proklenmazion am Donnerstagnachmittag statt. Das war eine ‹Holleiete› inmitten einer
20 Zentimeter dicken Konfettischicht», erinnert sich Armbrust. Doch zurück in die Gegenwart.

Montag nach dem Umzug: Es ist 5.15 Uhr. Ein blaues Konfetto liegt in einer nassen Pflasterstein-Ritze am Märetplatz und lässt den Umzug vom Vortag Revue passieren. Der Segelflug über die Köpfe der Umzugszuschauer war ruhmreich, aber kurz und endete mit einer mehr oder minder sanften Landung neben unzähligen «Arbeitskollegen». «The Show must go on» gilt nur für jene, die von den Jungfasnächtlern für einen Zweitflug «wiederverwertet» wurden. Ein Verhalten, das die älteren Narren meistens mit einem Kopfschütteln quittieren, das aber aus Konfettisicht durchaus einer Aufwertung des Selbstwertgefühls gleichkommt. Glücklich seien auch jene, die sich über das Profil einer Fusssohle in eine warme Wohnung retten können und ein gemütliches Konfettidasein fristen –, bis der Staubsauger kommt. Für unseren Schnipsel kommt die Putzaktion wesentlich früher. Nämlich jetzt.

Laubbläser und Wischmaschine

Mittlerweile ist es halb sechs und von weit her machen sich Geräusche von Laubbläser und Wischmaschine bemerkbar. Die Schrecksekunden des gestrigen Durchmarschs der Konfettistampfer steigen in der Erinnerung auf. Doch jetzt naht das Ende unseres Scheibchens Papier tatsächlich. Für die Werkhof-Angestellten ist heuer eine vergleichsweise moderate Putzete angesagt. Der gesamte Fasnachtsabfall machte 2011 24 Tonnen aus. Für 2012 stellt Peter Jeker, stellvertretender Werkhofleiter, eine frappant kleinere Menge fest: «Früher ist man in Konfetti gerade versunken, in diesem Jahr hat es bislang bloss ein Schäumchen.»

Das könnte sich mit der heutigen Zweitauflage des Umzugs ändern, wenn noch die Restbestände abgefeuert werden. Auf alle Fälle entfällt aber der Worst Case einer pampigen Masse aus Schneematsch und Papier. Die wenigen Konfettiansammlungen an schneebedeckten Stellen werden nach der Schneeschmelze gereinigt. «Aber bis Ende Woche ist die Stadt grossteils wieder sauber», ergänzt Jeker. Unserem Konfetto bleibt derweil nichts anderes übrig, als im Werkhof-Depot auf seine Kebag-Einäscherung zu warten. Denn wenn Asche zu Asche kommt und daraus Dünger wird, dann wachsen bald wieder Bäume aus dem Boden – für die «Narrenmunition» künftiger Generationen.