Saisonbilanz
«Kofmehl» ist sich sicher: Sex, Drugs and Rock'n'Roll waren einmal

85'000 Eintritte wurden in der Kulturfabrik Kofmehl in dieser Saison gezählt. Mittlerweile gibt es mehr Konzerte, aber weniger Partys. Die Macher sinnieren über den Sinneswandel bei Publikum und Künstlern.

Andreas Kaufmann
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Sabaton gehörte zu den Highlights des Jahres.

Sabaton gehörte zu den Highlights des Jahres.

zvg

In der Kulturfabrik klingt die elfte Saison am «neuen» Standort aus, und längstens weibelt Programmleiter Patrick Juchli bei Bands und Managements für die zwölfte: «Wir sind mitten in der Planung.» Lorbeeren gäbe es zwar einige für die 250 ehrenamtlichen Mitstreiter, nur fürs Ausruhen bleibt keine Zeit: 250 Anlässe fanden in dieser Saison statt. 320 Bands oder 1400 Einzelkünstler standen auf der Bühne.

Der Kofmehl-Flohmi unter der Brücke stösst jeweils auf grosses Interesse
13 Bilder
Patent Ochsner spielten drei Mal – jedes Mal war ausverkauft
Kreischalarm bei Bastian Baker
Peter Bichsel liest am 10. Kleinkunststag Anekdoten
Ben Poole am Blue Monday
Kodaline waren im Februar zu Besuch in Solothurn
Bligg war im März da
Stimme und Saxophon: Candy Dulfer.
Die Basement Saints aus Grenchen tauften ihre Platte im Kofmehl
Seven begeisterte am 15.April 2016
Breitbild, 22. April 2016
Serenity machen Party mit den Fans
Der Solothurner Rapper Manillio bei seinem Auftritt mit dem neuen Album Kryptonit

Der Kofmehl-Flohmi unter der Brücke stösst jeweils auf grosses Interesse

Michel Lüthi

Der Wermutstropfen findet sich bei der Besucherstatistik: Mit 85'000 Eintritten gingen die Zahlen um rund zehn Prozent zurück. «Der Rückgang ist aber nicht dramatisch», winkt Betriebsleiter Pipo Kofmehl ab: «Keine Saison ist wie die andere.» Tatsächlich lässt sich die Entwicklung damit begründen, dass bewusst weniger Partys und mehr Konzerte programmiert wurden (siehe Kasten unten).

Für Juchli und für Anlassmanager Stefan Wigger steckt dahinter ein verändertes Besucherverhalten. «Die Freitagabende werden nicht mehr so sehr für den Partyausgang genutzt», so Juchli. Hingegen nimmt man sich für ein gezielt ausgewähltes Konzert sogar unter der Woche Zeit. Kofmehl weiss: «Für Konzertbesucher ist es wichtiger geworden, dass sie planen können.»

Anlassmanager Stefan Wigger, Programmleiter Patrick Juchli und Betriebsleiter Pipo Kofmehl

Anlassmanager Stefan Wigger, Programmleiter Patrick Juchli und Betriebsleiter Pipo Kofmehl

Andreas Kaufmann

Wilde Zeiten sind vorbei

Auch die Künstler haben sich gewandelt: Abstecher auf den Weissenstein, Fitness im «Athena» und danach direkt auf die Konzertbühne, so das neue Profil. «Sex, Drugs and Rock’n’Roll waren einmal. Doch heute zählt das bewusste Leben ohne das Klischee des Rebellischen», sinniert Kofmehl und spielt damit auf wilde Pionierzeiten an.

Der Wandel habe auch mit den Sozialen Netzwerken zu tun: «Sogar hinter den Kulissen wird alles fürs Internet dokumentiert und zugänglich.» Beispielsweise ist der Rostwürfel auch in einem Videoblog der Band Kodaline zu sehen.

«Mit solchen Mitteln bindet eine Gruppe seine Fangemeinde.» Und auch als Veranstalter ist man bemüht, sich repräsentabel zu zeigen. Entsprechend sei der Betrieb «gefestigt»: «Die Kulturfabrik ist ins Quartier integriert.» Ausserdem habe man die Reibungsflächen punkto Lärm und Littering im Griff. «Bei 250 Anlässen pro Jahr gibt es natürlich einzelne Vorfälle. Dennoch ist die Zusammenarbeit mit Polizei, Werkhof und Nachbarschaft sehr gut.»

Konzert-Erinnerungen

Der Mix machts

Mehr Konzerte, weniger Parties, so das Fazit für die zu Ende gegangene Saison. So findet sich auf dem Saisonflyer eine stattliche Anzahl an Gassenfegern. Für Programmleiter Patrick Juchli zählen «Kodaline» und «Sabaton» dazu, die zweite Gruppe gar, «bevor sie durch die Decke schoss.» Dasselbe mit «Glasperlenspiel» die vor ihrem Erfolg engagiert wurden. Steht dahinter ein Frühwarnsystem für musikalische Senkrechtstarter? «Nein, es war einfach Glück», meint Pipo Kofmehl. Andere Erfolgsgaranten vor allem aus dem heimischen Markt runden den Reigen ab: «Patent Ochsner», «77 Bombay Street», Polo Hofer, Stephan Eicher, Sophie Hunger, Bastian Baker, Baschi, Seven, Bligg, «Breitbild» oder Manillio. «Der Mix machts», sagt Kofmehl – und darüber hinaus die kleinen Konzerte. «Sie machen den wichtigen Löwenanteil aus.» Es sind Künstler, die an der Schwelle zum Durchbruch stehen. (ak)

Nach ihrer «Sturm und Drang»-Phase befindet sich die Kulturinstitution seit wenigen Jahren in der Konsolidierungsphase. «Ankommen ist schön, aber nicht immer einfach», sagt Kofmehl. «Dass die Dynamik bestehen bleibt, ist unsere Herausforderung, die wir dank spannender Inhalte und toller Menschen um uns herum meistern können.» Ein Credo, das seit 1992 gilt: «Man muss Fan sein, um hier mitzuwirken.»

Junge Leute zwischen 20 und 25 Jahren sind in Projekten oder dauerhaft aktiv – während 40'000 ehrenamtlichen Stunden pro Jahr. Meistens nehmen die Möglichkeiten zum Engagement erst mit dem Berufseinstieg ab. «Aber das hält die Crew jung», sagt Juchli. Gleichzeitig bringen die «Älteren» weiterhin ihre Erfahrung ein. «So entstehen keine Lücken», sagt Wigger. Gleichzeitig sei eine Auffrischung der Crew nur schon deshalb nötig, um ein authentisches, junges Programm anbieten zu können.

Werbung damals und heute

Damit sich selbiges dann auch vermarkten lässt, ist der Informationsstrategie geschuldet: «Die Leute in der Informationsflut packen zu können ist die Herausforderung», sagt Kofmehl. Der Umbruch der Werbung von Papier auf Internet nimmt laut Juchli seit einem Jahrzehnt seinen Lauf. Dabei gehörte die Institution zu den Pionieren, wenn es um eine Webseite und eine Mailadresse geht. «Die Webseite ist noch heute das Herzstück unserer Informationsstrategie.»

Zudem: Heute ist die Kofmehl-Facebook-Gruppe die zweitgrösste unter den Schweizer Veranstaltungslokalen. So wird auch hier das Stichwort «Big Data» immer wichtiger: «Wissen wir mehr zum Voraus über das Besucherverhalten, so können wir auch Bereiche wie Personal und Sicherheit noch besser planen. Früher prognostizierte man oft ins Blaue hinaus.»

Pipo Kofmehl (Leiter der Geschäftsstelle), hat sich Sophie Hunger als besten Anlass entschieden Phänomenales Konzert - unglaublich begnadete Musikers - epochales Konzertende! Auf dem Bild: Sophie, das Publikum und noch ein bisschen Frisur von Peter Bichsel ;-)!
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Patrick Juchli (Leiter Programmation) erinnert sich gerne an Patent Ochsner Es war der Freitag, 18. Dezember 2015 - 22.00 Uhr, während Patent Ochsner die Zugabe der sechsten (!!) ausverkauften Show dieses Jahres 2015 im Kofmehl spielte, bereiteten wir der Band eine kleine Überraschung vor: Für jeden der Band & der Crew gab es ein goldenes Ticket sowie eine goldene Medaille für diesen absoluten Kofmehl-Rekord von sechs ausverkauften Konzerten im Kofmehl! Wir verneigen uns!
Johnny Sollberger (Geschäftsstelle, in Ausbildung)erinnert sich gerne an den Anlass Come Together (26. November 2015) Zusammen mit dem Discherheim durfte ich diesen Anlass auf die Beine stellen, bei dem Menschen mit und ohen Beeinträchtigung gemeinsam feierten - beeindruckend!
Daniel Lopez (Leiter Cateringteam) wurde von James Gruntz (22. Januar 2016) verzaubert Die einzigartige und unverwechselbare Stimme von James Gruntz untermalt wiederum sein Talent an diesem Abend im Kofmehl! Seine Musik ist ein tiefes Meer aus wunderschönen Tönen, in dem man gerne versinkt und sich im Strom der Melodien treiben lässt.
Sabaton gehörte zu den Highlights des Jahres.
Stefan Wigger (Leiter Anlassmanagement) war geflasht von Stephan Eicher (9.Dezember 2015) Ein Mann und seine Musikautomaten: Präzision, Kreativität und Mut für Neues – alles verkörpert in einer Persönlichkeit - musikalische Genialität, die mir persönlich immer wieder unter die Haut geht.
Taifun Lüthi (Mitglied der Gastroleitung) fand Kool Savas am 12.09.2016 am Besten Als langjähriger Kool Savas Fan war es für mich ein besonderes Erlebnis, den Rapper aus Berlin endlich live im Kofmehl erleben zu können
Nicole Sandmeier (Geschäftsstelle, in Ausbildung) war von Glasperlenspiel (4. März 2016) hingerissen Von der ersten Sekunde an, brachten Glasperlenspiel die ausverkaufte Kofmehl Halle zum Beben und zogen das Publikum in ihren Bann. Es war ein super schöner Abend mit vielen tollen Momenten!
Dominik Grossenbacher (Produktion/Infrastruktur) ist beeindruckt von Polo Hofer (25. September 2015) Als mein erstes Konzerte an das ich mich erinnern kann, irgendwann anfangs der 90er Jahre in Wiedlisbach. War es ein Highlight, bei einem seiner letzten Konzerte dabei zu sein und zu erleben wie er nach all den Jahren immer noch so souverän abliefert.

Pipo Kofmehl (Leiter der Geschäftsstelle), hat sich Sophie Hunger als besten Anlass entschieden Phänomenales Konzert - unglaublich begnadete Musikers - epochales Konzertende! Auf dem Bild: Sophie, das Publikum und noch ein bisschen Frisur von Peter Bichsel ;-)!

zvg

Doch allein an Klickzahlen und Facebook-Likes bemisst sich der Kofmehl-Erfolg nicht. «Wir sind eine gute Adresse für Konzerte geworden – dafür sprechen unser Publikum, unsere Crew, die Technik, der Backstage-Bereich und nicht zuletzt die Stadt Solothurn selbst», sagt Pipo Kofmehl.Nichtsdestotrotz bedarf das Kofmehl immer wieder kleiner Auffrischungen. So ist für diese Saisonpause ein Ausbau im ton- und lichttechnischen Bereich vorgesehen, von denen der Besucher aber nichts mitbekommt. «Unser grosses Update ist voraussichtlich für nächstes Jahr vorgesehen», sagt Kofmehl und zeigt auf die Bühne, die revidiert werden muss: «Langsam aber sicher ist sie ziemlich ‹verrockt›.»