Solothurn

Königsblau und knallrot: reformierte Stadtkirche bekennt Farbe und testet bunte Fenster

Im Hinblick auf das 100-Jahr-Jubiläum des Sakralbaus in fünf Jahren werden Farbvarianten für eine Fenstererneuerung getestet.

In diesem Wald am nördlichen Rand der Altstadt herrscht friedliche Stimmung. Ein Hain, von Laubgrün durchflutet und von mächtigen Stämmen umfasst. Von oben schimmert wie durch ein Blätterdach Licht auf den Boden, ergänzt durch warme Strahlen der Abendsonne, die seitwärts einfallen. Doch der Wald, der sich bis zu diesem Punkt kaum geografisch verorten lässt, ist genau genommen eine Kirche, und zwar die Solothurner Stadtkirche. Das flackernde Sonnenlicht stammt von in die Decke eingelassenen Lampen. Grün sind indes die Wände – die Baumstämme sind 16 Säulen. Eines der Stimmungselemente jedoch ist hier im sonst schnörkellosen Sakralraum seit wenigen Tagen neu: besagtes Licht in Gelb bis Rot, das durch drei der mehrgliedrig strukturierten Fensterbögen ins Innere geworfen wird.

Eine Farbbemusterung auf Zeit

«Zur Probe vorerst», weiss Martina Häberle. Die Präsidentin der Baukommission erklärt, dass es sich um eine temporäre Bemusterung mit gefärbten Plexiglas-Scheiben handelt, die dem Gottesdienstbesucher über ein halbes Jahr lang einen neuen Eindruck vermittelt. Das langfristige Ziel: der Stadtkirche bis zu ihrem 100. «Geburtstag» in fünf Jahren jenes Farbkonzept zurückzugeben, die sie zu ihren Anfangszeiten hatte. Und dies nicht nur bei den Fenstern, sondern auch in anderen Räumen des Sakralbaus. Denn bei der von Armin Meili entworfenen und 1925 fertiggestellten neoklassizistischen Kirche wurde mit Farben nicht gegeizt. «Doch in den Sechzigerjahren wandte man sich dem Pragmatismus zu und damit einer schlichten weissen bis grauen Farbgebung», sagt Häberle. Doch wie sie aufzeigt, lassen sich mit einem leichten Kratzen an der Oberfläche die darunterliegenden Farbschichten feststellen. Auf diese Weise wurden vor Jahren bereits einige Räume in ihre ursprüngliche Farbgebung zurückversetzt. Zuletzt wurde unter enger Begleitung durch den kantonalen Denkmalschutz 2019 ein Sitzungsraum mit sattem Königsblau versehen. Und während das südöstlich gelegene Treppenhaus bereits in knalligem Rot erstrahlt, soll ebenso das nordöstliche, heute graue Treppenhaus seine ursprüngliche Farbe zurückerhalten.

Was die Fenster angeht, so stünde – Jubiläum hin oder her – ohnehin eine Sanierung an. Die Rahmen und zum Teil auch die in Weiss oder in kühlen Farbtönen gehaltenen Scheiben selbst sind defekt. Die ursprünglichen Fensterflügel waren ebenfalls in den Sechzigern entfernt, aber auf dem Estrich eingelagert worden. Auf sie könnte man wieder zurückgreifen, wenn die Bemusterung bei den Gemeindemitgliedern und den Behörden auf Anklang stösst. «Geprüft werden unterschiedliche Varianten, bei denen nur ein Teil der Rundbogenfenster mit neuen farbigen Scheiben ersetzt werden – oder aber alle», sagt Häberle. Die Bemusterung zeigt überdies auf, dass man die einzelnen rechteckigen Fensterflügel wieder durch solche mit eigenen Rundbogen ersetzen möchte.

Bauhistorische Wissens­lücken füllen

Auf manche Stunden bauhistorischer Recherchearbeit blicken Martina Häberle sowie Kirchgemeindeverwalter Richard Hürzeler mittlerweile zurück. Dies, um die Wissenslücken um den frühen baulichen Zustand zu füllen. Und so bildete einen wesentlichen Bestandteil dieser Recherchen auch die Frage, wie die Kapelle im Ostteil der Stadtkirche ursprünglich ausgesehen hat. Eine bauliche Rückführung ist ebenfalls Teil des Geburtstagsgeschenks für die «100-Jährige». Aufgrund der Pläne ist klar, dass sich unter der heutigen Kapelle ein Hohlraum befindet. Tatsächlich lag der Raum um rund 90 Zentimeter tiefer und wurde in den Sechzigern mit einem Boden auf dem heutigen Niveau gedeckelt. «Heute haben wir einen Raum, dessen Proportionen architektonisch nicht richtig sind», so Häberle. Entsprechend soll der Raum wieder hergestellt werden und zudem das zugemauerte Ostfenster wieder freigelegt werden. Mehr noch: «Über die Farbgebung wissen wir lediglich einiges durch mündliche Überlieferungen. So hatte man die ursprüngliche, von Nischen unterbrochenen Seitenwände zugemauert. Wie ein Maueraufbruch zeigt, sind diese in einer Farbe gehalten, die man aus den Zeiten römischer Katakomben als Caput Mortuum («Totenkopf») kannte und die der Farbe eingetrockneten Blutes entspricht. Das ursprünglich gewölbte Dach soll, so die bruchstückhaften mündlichen Überlieferungen, einen blauen Himmel mit goldenen Gestirnen darstellen. «Und so sind wir gerade bei der Kapelle auf weitere Hinweise jener angewiesen, die sich daran erinnern können», sagt Hürzeler.

Doch auch übers Jubiläum 2025 hinaus stehen mehr oder weniger konkrete Erneuerungsideen und -pläne an. Der seit Oktober 2019 für die Öffentlichkeit geschlossene Kirchenturm muss wegen alter Geländer sicherheitstechnisch überholt werden. Und im Kirchenkeller, wo sich soziokulturelle Mehrzweckräume befinden, ist seit dem Anschluss ans Fernwärmenetz ein Tankraum freigeworden. Ideen zur Raumgestaltung gäbe es hier allemal, doch vorderhand geht es nun erst einmal darum, die Solothurner Stadtkirche fürs grosse Fest in neues Licht zu tauchen.

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