Theater Orchester Biel-Solothurn
Kleists Klassiker-Komödie besticht durch ihren Drive

Dass Richter auch nur Menschen sind, hat Heinrich von Kleist schon vor über 200 Jahren komödiantisch umgesetzt. Den «Zerbrochnen Krug» sollten sich auch heute noch die ansehen, die an die Unbestechlichkeit der Justiz glauben.

Fränzi Rütti-Saner
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Schreiber Licht (Jan-Philipp Walter Heinzel, l.) entdeckt den verletzten Richter Adam (Günter Baumann).

Schreiber Licht (Jan-Philipp Walter Heinzel, l.) entdeckt den verletzten Richter Adam (Günter Baumann).

Ilja Mess

Das gelbe Reclam-Büchlein mit Kleists Klassiker gehört sicher auch heute noch in jede Schulmappe. Umso verstaubter könnte man meinen, ist dieses einzige deutsche Lustspiel, das Kleist im Jahr 1811 vollendet hat und dessen erste Fassung unter der Regie von Goethe in Weimar drei Jahre vorher auf der Bühne noch ausgepfiffen wurde. Der Plot ist nach wie vor – man könnte auch sagen, leider – noch zeitgemäss: Ein Richter biegt sich das Recht so zurecht, dass er seine Verfehlungen einem anderen in die Schuhe schieben kann. Doch er wird entlarvt.

Zur Erinnerung kurz die Geschichte. In einem Dorf bei Utrecht trifft der Gerichtsschreiber Licht den Dorfrichter Adam morgens in der Amtsstube jämmerlich zugerichtet an. Unglücklicherweise beginnt gleich der Gerichtstag, die Kläger warten schon ungeduldig vor der Tür. Zu allem Überdruss wird auch noch die Ankunft des Gerichtsrats Walter gemeldet. Dieser möchte auf seiner Revisionsreise durch die Provinz der heutigen Gerichtsverhandlung beiwohnen und dann Akten und Kasse überprüfen. Besonders peinlich ist für Dorfrichter Adam, dass er seine Amtsperücke nicht finden kann, womit er sein total malträtiertes kahles Haupt bedecken könnte. Gerichtsrat Walter wird Zeuge, wie Witwe Marthe Rull den Bauernsohn Ruprecht anklagt, ihren wertvollen Krug zerbrochen zu haben.

Sie hat die Scherben im Zimmer ihrer Tochter Eve gefunden, die mit Ruprecht verlobt ist. Ruprecht wiederum behauptet, einen Fremden beobachtet zu haben, der durchs Fenster des Zimmers seiner Verlobten geflohen sei und dabei den Krug vom Kaminsims gefegt hätte. Er hingegen beschuldigt Eve des Treuebruchs. Mit allen Mitteln versucht Marthe, den Ruf ihrer Tochter zu retten. Der Dorfrichter jedoch trägt wenig zur Aufklärung bei und es wird immer klarer, dass der klumpfüssige Adam über seine eigenen Verfehlungen zu Gericht sitzt.

Diese Inszenierung von Robin Telfer (er führte auch in der «Grönholm-Methode 2012» Regie) besticht durch ihren Drive. Telfer hat das Stück aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts in die 1960er-Jahre verlegt. Am augenfälligsten wird dies durch das Bühnenbild von Siegfried E. Mayer und die Kostüme von Tanja Liebermann. Mittels diesem Zeitsprung schafft es der Autor, die Doppel- und Zweideutigkeiten, aber auch die politischen Aussagen Kleists mehr zu gewichten, als wenn alles, was gesagt wird, von Federkiel und Reifrock bedeckt würde.

Belassen hat Telfer Kleists Sprache. Da gäbe es auch gar nichts zu verändern oder zu modernisieren. Diese wunderschöne deutsche Klassikersprache muss einfach auf der Bühne bleiben. Ein Genuss, ihr zu folgen, auch wenn die Konzentrationsfähigkeit bei Publikum und Schauspielern rund zwei Stunden lang hoch bleiben muss.

Damit zu den schauspielerischen Leistungen. Die Rolle des Dorfrichters Adam ist eine der Traumrollen für einen reifen deutschsprachigen Schauspieler. In der Rythalle in Solothurn war es natürlich Günter Baumann, der einen kongenialen Adam geben konnte. Sein komödiantisches Talent, seine Präzision, sein «Menscheln» konnte er voll ausspielen. Ein Genuss, ihm zuzusehen. Ein weiteres langjähriges Ensemble-Mitglied ist Barbara Grimm in der Rolle der streitbaren Witwe Marthe.

Wie sie keifend und verstört vor dem Richter aussagt, ist ebenfalls ein Highlight. Ganz den korrekten «Aktenfresser» gibt Matthias Schoch als Gerichtsrat Walter, und Jan-Philipp Walter Heinzel spielt den Schreiber Licht mit viel augenzwinkernder Unterwürfigkeit. Miriam Strübel als geplagte, aber von allen begehrte Eve und Matthias Britschgi als verzweifelter Ruprecht überzeugten ebenso.

Eine Entdeckung ist Sabine Martin in ihrem Auftritt als Frau Brigitte, deren Aussage alles am Ende aufklärt, und gut besetzt wurden Hanspeter Bader als enttäuschter Vater von Ruprecht und der junge Fabian Vogt als zerstreuter Gerichtsdiener. Er steht als Mitglied des Jungen Theaters Solothurn jetzt erstmals auf der grossen Bühne.

Nächste Aufführungen Solothurn: 7. Januar; 26. Februar. Premiere Biel: 4. Januar.