Mittlerweile längst über das Stadium einer Hoffnungsträgerin hinausgewachsen, etablierte sie sich als exzellente Pianistin auf den internationalen Podien. Einmal mehr riss die Virtuosin das Solothurner Publikum zu stehenden Ovationen hin.

Dabei wollte Claire Huangci dem Pianistenzugpferd eigentlich aus dem Wege gehen. Zu ausgetreten erschien ihr der musikalische Pfad des «ersten russische Evergreen», wie Klassikpapst Joachim Kaiser Tschaikowskys erstes Klavierkonzert nannte. Und Ausgeleiertes hat die in den USA aufgewachsene Chinesin noch nie gereizt. Vielmehr will Claire Huangci mit ihrem Klavierspiel Massstäbe setzen, Neues entdecken und Bekanntes wie neu klingen lassen.

Mit Brillanz und Genauigkeit des Oktavenspiels, Schwung, Spielfreude und fantastischer Technik schaffte sie es einmal mehr, diese Vorgaben zu erfüllen. Brillierte mit einer schlüssigen, elektrisierend vorwärtsdrängenden Tschaikowsky-Interpretation, die ohne Larmoyantes zu übertreiben, ungewohnte Perspektiven erschliesst.

Orchester zog mit

Das von Harald Siegel gut präparierte Stadtorchester Solothurn liess sich von der Solistin, wie auch vom Sog des unwiderstehlichen Einleitungsthemas mitreissen. Klang nach der Pause geradezu wie ausgewechselt. Tönte die märchenhafte Scheherazade von Rimski-Korsakow zu Beginn doch etwas gar behäbig, schöpfte das Stadtorchester bei Tschaikowsky die dynamischen Wechsel und das Farbenspektrum der einzelnen Register akzentuiert aus.

Wenn es so was wie die «Gassenhauer der Klassik» gibt, dann darf sich dieses Tschaikowsky-Konzert mit Beethovens Fünfter und Mozarts kleinen Nachtmusik an der Spitze reihen. Dabei wurde Tschaikowskys heute populärstes Klavierkonzert keineswegs von Anfang an geschätzt.

Der Komponist wollte das Werk zuerst seinem Lehrer Nikolai Rubinstein widmen, der es allerdings als unspielbar und schlecht ablehnte. Zu «direkt» und «aufgedonnert» erschien ihm die ungewohnte Klangsprache. Tief gekränkt widmete Tschaikowsky das Stück daraufhin Hans von Bülow, der es 1875 uraufführte und zum Erfolg führte.

Vom Wunderkind zum Star

Einen grossen Erfolg verbuchte auch Claire Huangci, die diesen Sommer den Concours Géza Anda 2018 gewonnen hat, einen der härtesten Klavierwettbewerbe der Welt. Zusätzlich erhielt sie auch den Mozart-Preis zugesprochen. Ein Meilenstein in der Karriere der Musikerin, die als Wunderkind startete, schon in jungen Jahren bei verschiedenen Klavierwettbewerben siegte und nun sozusagen den Ritterschlag bekommen hat.

Ihre bereits legendäre Schnelligkeit der Finger stellte sie mit der ersten Zugabe, der Toccata von Friedrich Gulda, unter Beweis. Das zweite «Encore» spielte sie mit dem Konzertmeister und wunderbaren Scheherazade-Solisten Georg Jacobi.

Mit «Liebesleid», dem Werk für Violine und Klavier aus den Alt-Wiener Tanzweisen von Fritz Kreisler, berauschten sie gemeinsam und setzten nach den aufpeitschenden Tschaikowsky-Akkorden einen poetischen Schlusspunkt unter einen tollen Abend, der das Publikum buchstäblich von den Sitzen riss.