Solothurn

Kino-Paar aus Leidenschaft: Sie wohnen direkt über dem «Palace»

Im Sommer eher selten auf ihrer Terrasse an der Hauptgasse anzutreffen: Maya und Heinz von Gunten.

Im Sommer eher selten auf ihrer Terrasse an der Hauptgasse anzutreffen: Maya und Heinz von Gunten.

Wie Maya und Heinz von Gunten sich ihren Lebensmittelpunkt im Herzen der Solothurner Altstadt aufgebaut haben.

Mehr als 46 Jahre schon leben sie in ihrer Wohnung mitten in der Altstadt über dem Kino Palace. «Am 1. September 1972 haben wir die beiden Kinos Palace und Capitol übernommen. Da war Maya gerade 20, und ich 25», erinnert sich Heinz von Gunten. Eine spezielle Geschichte: Kein Geringerer als der legendäre Grenchner Fussballer Erwin Ballabio er war bereits mehrfacher Kinobesitzer – wollte die Solothurner Kinos übernehmen.

«Aber auch Emil Steinberger, den ich damals als Kollegen kannte, interessierte sich zuerst für sie – doch dann hatte er andere Pläne und empfahl uns für die Übernahme.» Vorerst in Miete, konnten von Guntens dann 1998 das Haus mitsamt Kino Palace erwerben, «obwohl der Nachbar, die Modekette C&A, als Ergänzung dafür einen horrenden Preis bezahlen wollte», wie sich Heinz von Gunten noch lebhaft erinnert. Er aus Konolfingen, sie aus Zofingen, beide seit bald 50 Jahren in Solothurn? «Unsere Kinder sind uns noch heute sehr dankbar, dass es uns nach Solothurn verschlagen hat», lacht Maya von Gunten.

Eine Familie, vom Film-Virus befallen

Denn alle drei, die Töchter Romana (37) und Bettina (43) sowie der 41-jährige Sohn Mark, sind ins familieneigene Kino-Unternehmen, die Cinesol AG, eingestiegen. Maya von Gunten erinnert sich: «Meinen ersten Bud-Spencer-Film sah ich unten, als Mark eineinhalbjährig war. Als ich raufgehen wollte, schrie er lauthals – und so blieb ich halt sitzen, bis der Film fertig war, um das Publikum nicht zu stören.» Ohnehin sei der Arbeitsplatz an der Kino-Kasse unterhalb der Wohnung ideal gewesen: «Ich konnte über das Telefon hören, ob die Kinder oben ruhig sind.» Und bald habe jedes ein Ämtli im Kino erhalten – zum Beispiel Popcorn verkaufen oder als Platzanweiserin. «Inzwischen ist schon der erste Enkel nachgerückt», freut sich die Kino-Frau aus Leidenschaft.

Aber nicht nur das Kino im Haus habe die Kindheit des Trios geprägt. Die Altstadt und ihre Umgebung seien ein einziger grosser Spielplatz gewesen. «Im Schanzengraben haben sie Skifahren und Schlitteln gelernt, beim Kunstmuseum sind sie in den Brunnen gefallen.» Ernster wurde die Situation für Mutter Maya in der Schule. «Die Kinder gingen ins Kollegium, wo ein sehr guter Zusammenhalt herrschte, und ins damalige Schulhaus am Land, der heutigen Jugi, zur Schule.» Die Drogenszene dort «hat dafür gesorgt, dass unsere Kinder dagegen gefeit waren». Riesige Sorgen hätten sie deswegen nie gehabt. «Nur als sie einmal in der Pause nicht rausdurften, weil draussen scharf geschossen wurde, da war uns mulmig zumute», erinnert sich Heinz von Gunten.

Ein Haus mit einer langen Geschichte

Es hat zwei Zugänge, an der Rathausgasse 12 und vorne zum Kino an der Hauptgasse 57. Und es gilt als uralt. «Es ist seit 1369 überliefert. Und war das erste Rathaus von Solothurn», weiss Maya von Gunten als versierte Stadtführerin, beschlagen auf Spezialthemen wie die Frauen, die Justiz oder die Fasnacht in Solothurn. «Weil es aus Stein war, trug es wie alle solchen Häuser einen Namen: Esel.» Historische Bauteile, allerdings nicht mehr ganz aus der Frühzeit, finden sich in der grossen Eingangshalle, «und hinter den Kinowänden gibts noch Fresken von Heiligen aus dem 14. Jahrhundert», so Heinz von Gunten.

Das Altstadthaus gleicht einer Wundertüte: Überall Türen zu Mietwohnungen, die auch wie in einer Gross-WG offenstehen können, den man kennt sich teilweise seit Jahrzehnten. Ein kleines Dach-Höfli, wo früher der Tischtennistisch stand. Und natürlich das Bijou: die grosse Dachterrasse mit einem atemberaubenden Ausblick auf die nahe St.-Ursen-Fassade. Da wird sogar Maya von Gunten poetisch: «Das Haus ist wie eine Blume gewachsen, stets zusammen mit den Menschen.»

Ein Haus auch mit einer Besonderheit: ein unterirdischer Gang verbindet die Rathaus- mit der Hauptgasse. Als er noch öffentlich zugänglich war, konnte auch eine städtische Toiletten-Anlage im Untergrund benützt werden. Tempi passati. «Es passierte einfach zu viel dort unten. Deshalb verlangten wir die Schliessung des Ganges, die dann gewährt wurde.» Von innen sei der Zugang stets zu öffnen, denn «der Gang dient als Notausgang fürdas Kino», begründet Heinz von Gunten die damalige Schliessung auch damit, dass dieser nicht verstopft sein dürfe. Wobei er noch ein ganz krasses Beispiel für die Zustände damals auf Lager hat: «Eines Nachts stellte ich Rauch in unserer Küche fest. Ich rannte ins Kino hinunter, aber auch dort war kein Brandherd zu orten.» Zuletzt wurde bemerkt, dass eine drogensüchtige Frau unten in der WC-Anlage einen Koffer mit Kleidern verbrannt hatte. Diese stammten von einem Stadt-Original, das zuvor weiter oben in der Altstadt durch die Brandstifterin umgebracht worden war …

«Es ist doch schön, wenn die Stadt lebt»

Doch neben solchen Episoden aus den frühen Neunzigerjahren fühlt sich das Ehepaar von Gunten in der Altstadt äusserst wohl. «Auch Grossanlässe wie die Fasnacht oder das Märetfescht haben uns nie gestört. Und früher hörten wir jeweils auf der Terrasse den Jazz-Konzerten am Märetplatz zu. Es ist doch schön, wenn die Stadt lebt», betonen beide. Nur mit zwei Ruhestörungen haben sie ihre liebe Mühe: der «Konserven-Musik» an der Fasnacht vorne am Kronenplatz, die überhaupt nicht zum Brauchtum passe, sowie mit dem Harley-Treff am letzten Heso-Sonntag. «Neben dem Krach stinkts in der ganzen Stadt und wir müssen ganztags die Fenster geschlossen halten. Das wäre wirklich nicht nötig.»

«Genial» dagegen sei der Märet direkt vor der Türe. Wenn von Guntens längere Zeit in ihrer Zweitwohnung in Merligen am Thunersee verbringen, «müssen wir immer am Mittwoch um halb zwölf in Solothurn sein. Damit’s noch für den Märet reicht.» Der Tag ist allerdings noch aus einem anderen Grund wichtig: Heinz von Gunten geht dann mit seinen SAC-Kameraden «auf den Berg».

Doch noch einen Vorteil hat Solothurn: «In Merligen ist es uns fast zu ruhig», sagt Maya von Gunten. Kein Wunder, wenn man sich den Kino-Betrieb unten gewohnt ist. Der im «Palace» bald bis in den August eingestellt bleibt wegen Umbauarbeiten. «Es gibt neue Sessel statt der bisherigen Klappstühle.» Denn das Kino-Geschäft bleibt eine Dominante des Ehepaars von Gunten. Wobei neue Medien wie Netflix nicht so als Bedrohung wahrgenommen würden, wie neue, auch hausgemachte Konsumgewohnheiten. Heinz von Gunten: «Der Landhausquai macht uns mehr zu schaffen. Dabei wäre es im Sommer in unseren Kinos so schön kühl.»

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