Durch die dicke Nebelsuppe dringt nur fahlgraues Licht bis zur Einsiedelei. Noch brennt eine rote Kerze vor dem kleinen Wasserfall und man kann etwas von der Stimmung erahnen, die hier wenige Stunden zuvor geherrscht haben muss. Obwohl er am Morgen nach dem Heiligen Abend nur schwach weht, lässt der kalte Fallwind die Temperatur in der Verenaschlucht in frostige Tiefen sinken. Trotzdem kann es einem warm ums Herz werden, an diesem ganz speziellen Ort.

«Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten», sagt der Götz von Berlichingen zu seinem Sohn. Goethes Wort auf die Verenaschlucht bezogen: Wo viele Teelichter sind, gibts auch viel Abfall. Auf 700 bis 800 Besucher schätzt Einsiedler Michael Daum die Zahl der Besucher am Morgen danach; «es waren wohl über 1000», ergänzt Bürgergemeindepräsident Sergio Wyniger.

Freiwillige beseitigen Kerzen-Müll in Verenaschlucht

Freiwillige beseitigen Kerzen-Abfälle in Verenaschlucht

  

«Abends um sechs spazierten die Leute in Einerkolonnen durch die Verenaschlucht.» Ein Tatzelwurm wand sich langsam nach oben, der andere nach unten. «Und alle haben einen Sack voller Kerzen mitgebracht.» Mit einem Spachtel kratzt Wyniger das Wachs vom Holzgeländer einer Brücke. Die Verenaschlucht gehört der Bürgergemeinde der Stadt Solothurn und als deren Präsident nehmen er und sein Team die Verantwortung für den Schutz des schönen Orts wahr. Freiwillig.

Wachsreste sind mühsam

«Die Leute, die gewöhnliche Kerzen mitbringen, machen am meisten Arbeit. Die Teelichter sind rasch weggeräumt. Es sind diese Wachsreste, die mühsam sind. Vor allem aus dem alten Holz bringt man das Wachs kaum mehr weg. Das Brückengeländer dort oben mussten wir deshalb im vergangenen Frühling ersetzen, das Wachs war nicht mehr wegzukriegen.» Waren es über Weihnachten zweimal Hunderte von Romantikern, die in die Verenaschlucht gepilgert waren, so sind es an beiden Morgen danach immerhin noch zwei Dutzend Freiwillige, die sich ans Aufräumen machen. Die blauen Säcke füllen sich rasch mit den ausgebrannten Teelichtern und die Schubkarre mit den blauen Säcken. Einige der Männer tragen Fischerstiefel, um durch das Bächlein an die Reste der Kerzen zu kommen, andere wagen eine Klettertour durch die Felswände der Schlucht, wo die vorabendlichen Pilger ihre Lichtlein in die abenteuerlichsten Ritzen und Spalten gelegt hatten.

Trotz den Abfallberges gibt es keine Kritik vom Einsiedler. «Es ist schon gut so», meint Michael Daum. «Es war sehr schön, dass so viele Leute in die Verenaschlucht gekommen sind. Alle wurden von religiösen Gefühlen ergriffen. Es herrschte eine wunderbare Stimmung und ich hoffe, dass die Menschen nun ganz lange im Alltag von diesen starken Gefühlen zehren können.»

Solidarische Helferschar

Dass so viele Pilger nach Hause gehen und ihre Kerzen «vergessen», sei zwar etwas schade, aber nicht weiter schlimm, meint Sergio Wyniger. «Es hat sich herumgesprochen, dass wir uns jedes Jahr hier am 25. und 26. Dezember treffen, um aufzuräumen. Diese Aktion hat eine Eigendynamik entwickelt. Die Leute kommen, ohne dass wir sie extra darauf aufmerksam machen müssen. Sie sind solidarisch und wollen die schöne Verenaschlucht sauber halten.» «Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern hier her kommen, weil sie hier an einem einmaligen Beispiel lernen, dass man seinen Abfall wegräumen muss», ergänzt Michael Daum. «Es hat alles seinen Sinn.»

«Man kann diese Bewegung nicht mehr stoppen und wir wollen das auch nicht stoppen», sagt Sergio Wyniger zur Kerzenpilgerei in der Verenaschlucht. «Ideal wäre es natürlich, wenn jeder, der eine Kerze aufgestellt hat, diese auch wieder wegräumen würde. Aber das ist eine Illusion. Wir propagieren heute, dass jeder, der eine Kerze anzündet, gleichzeitig auch wieder eine erloschene Kerze wegräumt. Vielleicht setzt sich diese Idee durch. Geben wir dem Prinzip ein paar Jahre Zeit.»