«Heilige Räume faszinieren mich. Aber was ist ein heiliger Raum?» So ungefähr stieg der Referent in das Thema ein. Dabei möchte er den Leuten die Angst vor heiligen Räumen nehmen. Der Begriff kommt von Heil. Und das Heil ist einfach dort, wo wir uns wohl fühlen. Ein profaner Bau kann also durchaus heilig sein. Also nicht nur religiöse Kultstätten. «Heilig ist nicht ein unerreichbares Ziel, sondern ein Ort wo man vom Göttlichen angezogen wird.» Ein Ort, der einem ein erhebendes Gefühl vermittelt, also nichts Abgehobenes.

Diesen Ausführungen legte der Referent einen Text des reformierten Theologen Paul Tillich zugrunde. «Das Profane kann der Träger des Heiligen werden. Das Göttliche kann in ihm manifestiert werden.» (Zitat Tillich) Wenn von Räumen die Rede ist, meint man allgemein etwas Abgeschlossenes. Da habe sich der Begriff im Laufe der Generationen geändert, denn ursprünglich wurde auch die Landschaft als Raum bezeichnet. Zu einem Raum gehören drei Elemente: Wasser, Stein und Pflanzen. Die Pflanzen sind ein Symbol für die Vergänglichkeit, das Wasser ein Symbol für Reinheit und Fruchtbarkeit, der Stein ein Symbol für die Zeit. Beispielsweise ist die berühmte Kathedrale von Chartres über 40 Quellen errichtet worden. In prähistorischer Zeit waren Höhlen ein heiliger Raum, denn sie erinnerten an den Mutterleib, aus welchem Leben kam. Die Göttlichkeit war damals weiblich.

Erst später wurde sie maskulin. Im Christentum entsprachen die Kirchenbauten dem menschlichen Körper. Die Kruzifix-Darstellungen des Mittelalters stellten das Herz Jesu in den Mittelpunkt. Deshalb stand der Altar zu dieser Zeit auch in der Mitte des Raumes. Erst ab etwa 1300 verlagerte sich der Schwerpunkt der Kreuzigungsdarstellungen auf den Kopf Christi, und der Altar wurde in den Chorbereich verschoben.

Mitte – Achse – Ausrichtung

In allen Kulturen und fast allen Religionen gibt es eine Mitte. So ist denn der «Nabel der Welt» ein geläufiger Begriff. Die drei monotheistischen Religionen waren ursprünglich auf Jerusalem als Mitte ausgerichtet. Bei den Christen wurde dies später auf das Petrusgrab in Rom verschoben und beim Islam auf die Kaaba in Mekka.

Bei den Indianern stand das Lagerfeuer in der Mitte und symbolisierte den Mund ihres Gottes. Bei den Aborigines wurde jeweils ein Mann ausgewählt, welcher eine besondere Mütze tragen musste um damit den Mittelpunkt einer Gruppe zu bilden. Die Achse verkörpert die Verbindung der Erde mit dem Himmel. Bei den Christen ist dies der Kirchturm, im Islam das Minarett, in Indien der Phallus des Gottes Shiva und bei den Indianern der Totempfahl.

Die heilige Barbara wird mit einem Turm dargestellt. Die meisten Kirchen sind nach Osten ausgerichtet. Denn dort geht die Sonne auf, was in der christlichen Terminologie bedeutet, dass Jeus das Licht in die Welt bringt. Zur heutigen Architektur bemerkte der Referent, dass ihm oft eine Mitte fehlt. Auch in der Städteplanung wird sie kaum mehr sichtbar. Die Wohnungen sind überschaubar, oft sind die Küchen so gross wie früher ganze Häuser. Auch in Grossraumbüros fehlt eine Mitte, ein Sanktuarium, in welches sich der Mensch zurückziehen kann. Die Proportionen spielen dabei eine grosse Rolle. Bei jedem zu bauenden Objekt ist zu überlegen, ob es zum Heil der Menschen beiträgt.