Die Frage, ob es sich bei dem mysteriösen Grabtuch mit den Körperabdrücken eines gekreuzigten Mannes wirklich um das Leichentuch Jesu oder um eine Fälschung handelt, beschäftigt nicht nur Gläubige und Theologen, sondern ein ganzes Heer von Physikern, Chemikern, Medizinern, Historikern, Botanikern, Textiltechnikern und nicht zuletzt Pathologen. Die Spurensuche nach der Echtheit des 4,42 langen und 1,12 Meter breiten Grabtuches hat sich zu einem spannenden Wissenschaftskrimi entwickelt.

Marquard Imfeld, Chemiker und promovierter Naturwissenschafter aus Binningen, engagiert sich im Verein Sindone (Leichentuch), der die Wanderausstellung organisiert: «Kein Gegenstand der Welt ist so oft und von den besten Experten verschiedenster Fachgebiete und mit modernster Technik so eingehend untersucht worden, wie dieses Stück Stoff. Für mich gibt es keine Widersprüche zwischen der wissenschaftlichen Evidenz und den Evangelien. Ich empfinde tiefe Ehrfurcht und weiss: Das Turiner Grabtuch ist das Leichentuch Christi.»

Beweiskraft der Indizien

Von dessen Echtheit ist auch Vereinsgründer und Ausstellungsmacher Markus Hungerbühler überzeugt: «Viele Indizien sprechen dafür, dass in Turin das wertvollste Relikt der Christenheit aufbewahrt wird. Denn nichts ist bislang weltweit derart intensiv erforscht worden wie dieses Phänomen. Mit der Sindonologie hat sich sogar ein eigener Wissenschaftszweig entwickelt.»

Echtheit ist Ansichtssache

Papst Johannes Paul II. verehrte das Turiner Grabtuch als «Spiegel der Evangelien», betonte jedoch, es sei nicht an der Kirche, sondern an der Wissenschaft, dessen Echtheit zu beurteilen. Von Rom wird das Turiner Grabtuch als Ikone, nicht als Reliquie angesehen. Das Unikat wird selten öffentlich gezeigt und zum Schutz vor Umwelteinflüssen in einem lichtgeschützten, mit Argon belüfteten Spezialbehälter aufbewahrt. Markus Hungerbühler arbeitet eng mit der Turiner Diözesanen Grabtuchkommission zusammen. Die Faszination für das Grabtuch geht auf ein persönliches Erlebnis, aber auch auf die erste Fotografie von 1898 zurück. Die Negativplatte des Fotografen Secondo Pia zeigte das Bild als Positiv. Das Antlitz ist als Gesicht zu erkennen.

Helene Imfeld ist Dame der Grabritter und sah die Abbildungen und die Grabtuch-Kopie erstmals bei einer Ausstellung im Kloster Mariastein. «Als Markus Hungerbühler Helfer suchte, erschien mir dies als konkreter Auftrag», erinnert sie sich. Mit Roswitha Egger ist es der Initiative und dem Elan einer anderen Frau zu danken, dass die breit unterstützte Ausstellung in Solothurn besichtigt werden kann. Interessierte können die Geschichte eines der faszinierendsten Artefakte unserer Zeit kennen lernen. Marquard Imfeld: «Jeder muss dabei für sich selber entscheiden, ob das Turiner Grabtuch für ihn echt ist oder nicht.»

Die Ausstellung in der Peterskapelle Solothurn ist bis 27. September jeweils am Mittwoch von 13 bis 16 Uhr, am Freitag, Samstag und Sonntag von 9.30 bis 13 Uhr und von 14 Uhr bis 16 Uhr zugänglich.