Der Offene Bücherschrank am Kreuzackerquai legt ein eindrückliches Zeugnis darüber ab, wie es im digitalen Zeitalter um Bücher bestellt ist, die man noch anfassen und durchblättern kann: ausserordentlich gut. 400 Bücher fasst der Metallkasten, an typischen Tagen gehen rund 100 davon ein und aus.

Nach vier Tagen wäre das Angebot an Sachbüchern und Belletristik also rundumerneuert – «Ladenhüter» aussen vor gelassen. Drei bis vier Minuten lang verweilen lesefreudige Passanten durchschnittlich vor den Bücherreihen. So wie eine kleine Gruppe an Glarnern, die bei wiederholten Besuchen in der Barockstadt auch gerne mal beim Bücherschrank vorbeischauen. Oder die in der Region wohnhafte junge deutsche Frau, die ähnliche Projekte aus Berlin kennt und begeistert ist, dass sie auch im kleinen Solothurn nach literarischen Trouvaillen stöbern kann.

«Schrank ist akut überladen»

Doch der Erfolg des vor vier Jahren privat initiierten Projekts hat auch seine Schattenseiten, weiss Mitinitiant Hartwig Roth. «Es hat sich herumgesprochen, dass Solothurn einen Offenen Bücherschrank hat.» Doch gerade in den letzten Monaten sei so auch eine Unmode aufgekommen. «Stell nur Bücher in den Schrank, wenn sie Platz haben», prangt zwar an einer der Schrankscheiben. Roths Beobachtung aber ist eine andere: «Der Schrank ist akut überladen.»

Einige Bücherfans scheinen also genau bei diesem Hinweis Leseschwierigkeiten zu haben, wie eine ehrenamtliche Helferin ausführt: «Eine Dame kam mit zwei Tragtaschen voller Bücher daher und pochte bei einem schon vollgestopften Schrank auf ihr Recht, ihre Bücher hier zu deponieren.» Als sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass nach einer strengen Selektion ein Teil der Bücher in einem Depot lande, andere hingegen entsorgt würden, reagierte die Dame empört. Ein anderer Passant pochte auf sein Recht, Bücher auf diese Art und Weise «entsorgen» zu dürfen, da er ja mit seinen Steuern dieses Angebot der Stadt bezahle.

Und so kommen Roth und sein Team nicht darum herum, das immer gleiche Missverständnis auszuräumen und zu betonen, dass der Offene Bücherschrank keine Bücherentsorgungsstelle sei; und erst recht keine, die von der öffentlichen Hand lanciert und unterhalten wird. «Wir haben lediglich eine Konzession von der Stadt, den Offenen Bücherschrank im öffentlichen Raum zu betreiben, und zwar über einen Zeitraum von zehn Jahren.»

«An einem Tag musste ein Helfer stattliche 150 kreuz und quer reingestopfte Bücher wieder herausfischen», erinnert sich Roth. Das Freiwilligenteams ist also um die Quantitäten des Schranks ebenso besorgt, wie um dessen inhaltliche Qualität. Durchschnittlich jedes fünfte Buch wird ausgemustert, sei es, weil es materiell in einem schlechten Zustand ist, oder sei es, weil es kaum das Leserinteresse wecken dürfte. «So wie die Studentin, die zusammengeheftete Vorlesungsskripte zu einem naturwissenschaftlichen Thema in italienischer Sprache reinstellte.»

Oder jener Spender, der einen 20-jährigen Duden ins Regal schmuggelte. Keinerlei Probleme stellt Roth hingegen mit rechtswidriger Literatur rassistischer, pornografischer oder gewaltverherrlichender Art fest. Solche Schriften würden kaum reingestellt. Und auch vor Sachbeschädigungen blieb der Schrank bisher verschont.

Über 1000 weitere Bücher zählt Roth übrigens in besagtem Depot, das eher wächst, als schrumpft. «Denn immer noch werden mehr Bücher reingestellt als rausgenommen.» Das nächste Mal dürften einige dieser zusätzlichen Bücher anlässlich der Literaturtage vom 6. bis 8. Mai 2016 vor dem Landhaus in einem mobilen Bücherschrank zu sehen sein. Ebenso wird dieser wieder zur wärmeren Jahreszeit in der Badi Solothurn stehen.

Eine kopierwürdige Idee

Dass der Offene Bücherschrank durchaus zur Nachahmung anregt, zeigen mehrere Anfragen aus Thun, Baden oder Aarau, die bei Roth eingegangen sind: «Ich habe nun vor, einen Leitfaden darüber zu erstellen, wie man ein Bücherschrank-Projekt anreisst», so Roth. Was die Reputation des Solothurner Projekts weiter stärkt, ist die Tatsache, dass Schweisserprofi Toni Kaufmann mittlerweile nicht nur den Solothurner Schrank hergestellt hat, sondern auch jenen in Aarau und Thun.

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CartoDB: Offene Bücherschränke: Eine landesweite Übersicht

Und auch in Solothurn selbst regt der Offene Bücherschrank auf dem Kreuzackerquai zu neuen Projekten an: So soll im Dilitsch-Quartier im Westen der Stadt bald ein weiterer Bücherschrank entstehen, wie Initiantin Heidi Gruber bestätigt. «Beim Räumen eines Haushalts entstand die Idee dazu: Es kamen dort sehr viele Bücher zusammen, die mir überaus wertvoll erschienen.»

Und so kam Gruber in Kontakt mit dem Café de l’Industrie, das sich bereit erklärte, den Standplatz für den Bücherschrank zur Verfügung zu stellen. Quartierbewohner und Gemeinderat Reiner Bernath sicherte seine Mithilfe zu und steuert den Schrank bei. «Wir stehen also in den Startlöchern und im Frühling wird er installiert», kündigt Gruber an.