Das «Café de l’Industrie» an der Vogelherdstrasse ist ein Beizli mit einer langen Geschichte – und für die Quartierbewohner ein kulturelles Kleinod. Gerade in den bald zwölf vergangenen Jahren haben Hans Roth als Koch und seine Lebensgefährtin Suzana Baumanova als Gastgeberin dieses Kleinod mitgeprägt. «Es wurde sehr gut gekocht – und ebenso war auch die Gastfreundschaft hervorragend», lobt Reiner Bernath, Präsident des Vereins «Café de l’Industrie».

Auch zahlreiche Anlässe gingen im «Industrie» über die Bühne. Der Verein ist seinerseits Eigentümer der Liegenschaft und hat das Lokal seit 2006 an Baumanova und Roth verpachtet. Vor zwei Jahren erhielt die «Wundermaschine« oder «Hauptstadt der Literatur» von der Ortspartei der SP sogar den Sozialpreis zugesprochen.

Doch noch bis letzte Woche fand man auf der Homepage des Vereins ein Hinweis, wonach das Restaurant bis auf weiteres geschlossen sei. Bekannt ist: Hans Roth starb vor rund drei Wochen im Alter von 53 Jahren. Mit seinem Tod stellte sich auch die Frage nach dem «Wie weiter?» im Quartierbeizli. «Wir hielten einige Vorstandssitzungen ab und berieten uns darüber, wie das Lokal weitergeführt werden könnte», sagt Bernath. Schliesslich bestehe der hauptsächliche Vereinszweck darin, ein Quartierbeizli zu führen. Und der Erfolg spricht fürs «Industrie»: «Das Lokal konnte unterschiedliche Menschen aus dem Quartier für sich gewinnen.»

Allerdings beschäftigten den Verein gerade in letzter Zeit auch finanzielle Probleme des Wirte- und Pächterpaars. So blieben zeitweise Mietzahlungen aus – und nur durch eine provisorische Nachlassstundung, die noch vor Roths Tod im Amtsblatt vermeldet worden war, konnte der Konkurs abgewendet werden, wie Bernath informiert.

Weiter gehts am Mittwoch

Mittelfristig ist klar: Am Mittwoch, dem 4. April soll das «Industrie» seine Türen wieder öffnen, lediglich ohne Koch und mit einer entsprechend einfacheren Speisekarte. Suzana Baumanova wird einstweilen weiter als Gastgeberin wirken, unterstützt von mehreren Teilzeitmitarbeitenden. Auch soll die kulturelle Tradition weiter hochgehalten werden: So wird beispielsweise am 6. April mit Judith Tellado ein Latin-Jazz-Konzert wie geplant durchgeführt werden. Auch zeichnet sich per Juni schon eine langfristige Lösung für die Zukunft des «Industrie» ab– eine, die noch von entsprechenden Verhandlungen abhängt.

Das Gebäude an der Vogelherdstrasse wurde 1920 erbaut und mauserte sich bald zum Quartiertreffpunkt mit welschem Flair. Gerade die Uhrmacher der nahegelegenen Roamerfabrik verkehrten oft im Lokal mit wechselnden französischen Namen. So stiessen sie zeitweise im «Au Commerce», im «Du Nord» oder eben im «Industrie» auf den Feierabend an. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt die Vogelherdstrasse als Gewerbemeile - und das «Industrie» als integraler Bestandteil derselben. Auch ein Coiffeursalon war im Gebäude untergebracht.

Durch die Uhrenkrise der Siebzigerjahre gelangte das Etablissement aber an den Rand des Abgrunds. Erst durch die Rettungsaktion eines eigens aus Anwohnern formierten Vereins und einem Eigenkapital von 100'000 Franken konnte die Liegenschaft 1986 erworben und somit ihr Flair als Gastrostube erhalten werden. Einige Male noch geriet das Lokal durch häufigen Wirtewechsel und überbordenden Sanierungsbedarf in Bedrängnis.

Durch eine Einzelspende konnten in den späten Neunzigern die nötigen Renovationen durchgeführt werden. 2001 dann holte Franz Schäfer (der heute das «Stalden» in der Altstadt unterhält) Anlauf im sanierten Lokal, bis schliesslich das Paar Baumanova-Roth das Zepter übernahmen. Nach wie vor geniesst der dahinter stehende Träger- und Eigentümerverein ein hohes Ansehen im Quartier. Nicht weniger als 160 Mitglieder – und damit Freunde des «Industrie» – zählt er.