Sommer-Siesta
Kaviar klauen ausdrücklich erwünscht: Schriftsteller und Musiker unterhalten Solothurner Publikum

Unter den Platanen des Discherheims in Solothurn gab’s am Freitagabend Kaviar. Genauer: Kaviar vom Speisefisch Stör im übertragenen Sinne – schmackhaft gemacht vom Solothurner Schriftsteller Peter Bichsel und dem Musiker und Komponisten Ben Jeger aus Seeberg und organisiert vom Verein stoerenkultur.ch.

Angelica Schorre
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Ben Jeger (links) und Peter Bichsel unterhielten das Publikum unter den Platanen des Discherheims.

Ben Jeger (links) und Peter Bichsel unterhielten das Publikum unter den Platanen des Discherheims.

Roy Matter

Mit dem Wort «Stör» lässt sich gut spielen: So störten denn die beiden Künstler mit Virtuosität in Wort und Klang – mal sanft, mal fordernd – das Publikum aus seinen sommerlich-trägen Gedankengängen auf. Etwa Peter Bichsel mit der Erzählung vom braven Zeitungsverkäufer, der sich zu Weihnachten ein Gläschen Kaviar leistet. Er kann es nicht öffnen und will es an Silvester noch einmal probieren. Ein möglicher Schluss der Geschichte: Anfang Jahr wird eine verwesende Leiche mit einem ungeöffneten Glas Kaviar gefunden. Hauptsache, das Glas ist ganz... «Vielleicht braucht die Geschichte auch gar kein Ende», schwächte Peter Bichsel den makabren Schluss ab. Trotzdem schlug er einen anderen Ausgang vor: Höflich und bescheiden verkauft der Mann weiter seine Zeitungen in den Restaurants – dies garantiert ohne zu stören. Dies hat er vor 60 Jahren von einem Lehrer gelernt, der heute mit dem Mann sehr zufrieden wäre. Aber: «Vielleicht hätte er das Gläschen Kaviar doch besser gestohlen. Damit hätte er endlich einmal gestört», so Bichsel.

Durch hohe Assoziationsgeschwindigkeit in unerwarteter Richtung störte auch die Kolumne vom Zitronenmädchen auf. «Gehirnwühlereien» zum Thema Biografie lösen im Autor die Jugenderinnerung an ein Mädchen aus, das Zitronen ass, als seien es Orangen. Was ist aus dem Mädchen geworden? Eine glückliche, eine unglückliche Frau? Ist sie in Madagaskar und sitzt in einem Wartezimmer eines Zahnarztes mit Schweizer Wurzeln? Blättert in einer Zeitschrift, stösst auf diese Kolumne und liest «Sage mir doch, wie es Dir geht. Melde Dich doch!»? Sichtlich berührt applaudierten die Zuhörerinnen und Zuhörer.

Gerne liess sich das Publikum auch von den temperamentvollen Akkordeonklängen aus seiner Ruhe reissen. Oft schien Ben Jeger den Melodien – ob überlieferter Tango oder selbst komponiert – ihren bis zur Atemlosigkeit freien Lauf zu lassen, um sie dann beruhigend wieder in den Refrain zurückzuführen. Er skandierte die Akkordeonklänge mit den hellen, zauberhaften Tönen eines sehr kleinen Klaviers, eines Kinderkla­viers. Ben Jeger ist mit seinen Kompositionen international unterwegs. So schien es beim Spielen auf einer Art Astgeflecht nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Wo kommen da nur die Töne her? «Ich war mit einem Zirkus in Afrika unterwegs. Dort habe ich dieses Instrument gesehen. Ich musste es einfach haben», sagt Ben Jeger. Das mit den Tönen erklärt er nicht. Eigentlich ein Stoff für eine Erzählung von Peter Bichsel.

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