Schneeballsystem

Kaufen, verkaufen, Gewinn machen: «Für die war ich einfach der Banker»

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5 Jahre lang funktionierte die «Geldvermehrungsmaschinerie» von X.Y. 8,7 Mio. Franken Schulden waren am Ende angehäuft und X.Y. im Gefängnis.

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Ein 39-jähriger Bankangestellter aus der Region kreierte vor einigen Jahren ein Schneeballsystem, das zusammenbrach. Über 8 Millionen Franken betrug der finanzielle Schaden. Vor wenigen Wochen wurde er zu 4,5 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mit dem heute 44-Jährigen fand bereits vor fünf Jahren ein Gespräch statt, bei dem er seine Geschichte aus seiner Warte schilderte. Damals lief die Untersuchung gegen ihn. Jetzt, nach der Verurteilung, gibt er – wir nennen ihn X.Y. – sein Einverständnis, die Geschichte seiner Tat, die beispielhaft für eine Welt der Gier sein kann, zu publizieren.

Wir treffen uns 2010 in einer Beiz im Industriegebiet von Solothurn. Der ehemalige Banker fährt im lotterigen Kleinwagen vor. Unter dem Arm geklemmt eine Tasche, wie sie geschäftige Italiener lieben. Jetzt arbeite er in einer völlig anderen Branche, erzählt er. «Ich hatte Glück. Wurde quasi auf der Strasse von einem Bekannten gefragt, ob ich bei ihm arbeiten will. Weisst du, was ich angestellt habe, habe ich ihn gefragt, und er sagte: Ja, aber ich brauche jemanden im Büro, der gut Italienisch kann.»

Den Büroangestellten nimmt man X.Y. tatsächlich ab. Würde er eine feinere Brille tragen und statt Shirt ein Hemd mit Krawatte, dann sässe man dem perfekten Banker gegenüber. Unscheinbar, aber bestimmt, schweigsam, aber redegewandt, bescheiden, aber clever, distanziert, aber einfühlsam, so wirkt er.

Begonnen habe alles vor 15 Jahren mit Geschäften unter Freunden, erzählt X.Y. Er war nicht nur beruflich Banker, er war es auch in seiner Freizeit unter Freunden und Kollegen. Als junger Devisenhändler bei einer ausländischen Bank lernte er das ganze Einmaleins der Börse kennen. Kaufen, verkaufen, Marge reinholen.

«Ich bin nicht besser als irgendein Banker hier in der Region, aber ich bekam einen grösseren Einblick in das Ganze.» Seine Kollegen waren dabei, wenn er von der Bankenwelt erzählte, und viele von ihnen hatten Geldprobleme. Diesen Leuten habe er viel versprochen, und auch sie hätten sich alle von ihm etwas versprochen. «Der eine sah sich bereits in einem schönen Audi, der andere in einem schönen Haus in Südfrankreich.»

«Nimm 5000 Franken auf, gib sie mir und ich lege das Geld an der Börse an. Wenn es schiefgeht, helfe ich dir, und wenn es gut geht, hast du was davon.» So habe alles begonnen. «Das lief jahrelang gut, sehr gut», schildert er. Er habe nicht viele Leute angefragt. Anfangs hatte er das Glück, dass die Leute zu ihm gekommen seien. Diese privaten Geschäfte tätigte er neben seiner normalen Arbeit als Devisenhändler bei der ausländischen Bank. «Manchmal ging es in der Bank acht, neun Stunden lang hektisch zu und her. Man hat keine Ruhe. Aber dann kamen ein, zwei Tage, an denen nichts läuft.» Zeit also für die persönlichen Geschäfte.

X.Y. musste diese privaten Geschäfte nicht vor seinem Arbeitgeber verstecken. «Viele Bankangestellte arbeiten aufs eigene Konto. Mit ein paar Kollegen 10-, 15 000 Franken zusammenbringen und etwas spekulieren; das hat jeder gemacht, das war ganz normal.» Wichtig sei, dass diese nebenberuflichen Transaktionen über ein Konto einer anderen Bank liefen. Damals sei dies einfacher gewesen, weil er bei einer ausländischen Bank angestellt war. Heute (2010, die Red.) seien private Geschäfte weiterhin möglich, aber die sogenannten Eigengeschäftler seien Richtlinien unterworfen. So dürften beispielsweise Wertschriften erst fünf Arbeitstage nach dem Kauf wieder verkauft werden.

X.Y. begann seine Transaktionen für vier, fünf Kollegen. Am Schluss waren es über 250 Leute aus der ganzen Schweiz. Etwa 90 davon betreute er persönlich. Sein grosser Fehler war es, wie er sagt, dass er viel zu hohe Renditen versprochen habe. Manchmal habe er sie einhalten können, manchmal nicht. «Der Staatsanwaltschaft fragte mich, wie solche Renditen zu erwirtschaften seien? Ich konnte es ihm zeigen. Ich könnte das auch heute noch. Das Problem ist einfach: Es kann gut gehen, aber es kann auch schlecht gehen. Und dann hat man 40 Prozent minus anstatt 40 Prozent plus, die man dem Kunden versprochen hat.» Heute sagen viele seiner Kunden, sie hätten das Risiko nicht gekannt. «Das akzeptiere ich. Aber es gab sehr viele, die das Risiko kannten und trotzdem mitmachten.»

X.Y. bewährte sich später in der Region Grenchen als Banker. Er arbeitete bei einer Grossbank, war verheiratet und hatte Kinder. Sein privater Kundenkreis erweiterte sich damals laut seinen Angaben auf rund 25 Personen. Die Geschäfte liefen bis Anfang 2007 in guten Bahnen. Dann habe er einen entscheidenden Fehler begangen. «2006 hatte ich schon Verluste, aber ich hatte auch meine Gewinne. Alle waren eigentlich zufrieden. Dann kam ein Kollege auf mich zu und bat um Hilfe: Er habe eine Unternehmung, die nicht gut laufe. Er habe gewisse Löcher zu stopfen, ob ich ihm einen Vorschlag machen könne.» Er habe diesem Freund wirklich helfen wollen, beteuert X.Y. «Mein Missgeschick begann mit diesem Kunden.»

Der Freund vertraute X.Y. eine halbe Million Franken an. Der Erfolg blieb aus, im Gegenteil: «Innerhalb von zwei Tagen hatte ich fast nichts mehr.» X.Y. war gezwungen, weitere Gelder zu generieren, um seine Versprechungen wahr zu machen. Ein Teufelskreis begann. Anstatt die Handbremse zu ziehen, sei er immer tiefer und tiefer und tiefer gefallen. «Ich habe immer gehofft, dass ich das dann schon wieder irgendwie hinbiegen könnte.»

Geld zu beschaffen, sei nicht schwierig gewesen. «Ich musste dafür gar nichts machen. Es kamen immer wieder neue Kunden wegen meiner guten Rendite.» Schliesslich habe er begonnen, die Erwartungen in die Renditeerträge zu vermindern. «Stopp, ich kann nur noch 8 Prozent Rendite pro Jahr geben. Aber das ist dasselbe, wie wenn Sie ein Schwein mästen. Jahrelang geben Sie ihm sehr viel zu essen, und irgendwann geben Sie plötzlich nur noch ein Joghurt? Dann dreht es durch.» Seine geringeren Renditen hätten einigen Personen nicht gefallen. Und sie hatten die Möglichkeiten, ihn unter Druck zu setzen.

«Viele Leute haben gedroht, sie würden meinen Arbeitgeber informieren. Das wollte ich selbstverständlich nicht.» Dann schalte das Gehirn automatisch aus, dann gehe man in die Defensive. Er ging auf die Suche nach neuen Geldern. Inzwischen wurde das Loch immer grösser. So sei er an die falschen Leute geraten, habe sich verspekuliert. Diese falschen Leute seien teilweise sehr mächtige Geschäftsleute aus der ganzen Schweiz gewesen, sagt er und setzt verbittert hinzu: «Wie kann es sein, dass ein kleiner Bankangestellter wie ich mit dem Tod bedroht wird und diese Geschäftsleute Millionen verlieren und ihnen nichts geschieht? Die können sich schützen.» Wenn man in dieser Liga spiele, dann müsse man eben richtig spielen, sonst sei man schnell draussen und ruiniert. «So wie es mir jetzt geschehen ist. Wenn man aber richtig spielt, dann macht man sich einen Namen.»

Er habe einmal erlebt, wie jemand dieser Mächtigen bedroht wurde. Dieser habe etwas ins Handy eingetippt. «Fünf Minuten später war der, der ihn bedroht hatte, weg. Der kam nie wieder.» Auch er werde heute noch bedroht. «Ich kam aus dem Untersuchungsgefängnis, nach drei Tagen hatte ich diese Leute vor der Nase und dann eben nicht einen alleine. Das ist der grosse Unterschied zwischen mir und den Mächtigen, ich kann mir diese Leute nicht vom Hals halten.»

Seiner Frau erzählte er nichts von seinen finanziellen Machenschaften und den daraus entstandenen Problemen. «Sie bemerkte, dass es mir nicht gut ging zu jener Zeit. Ich habe einfach gesagt, wir hätten ein bisschen viel Stress in der Bank.» Damals konnte er kaum schlafen. «Ich war nie zu Hause, war immer unterwegs.» Seine Familie habe in den letzten Jahren am Existenzminimum gelebt. Er habe die Steuern nicht bezahlen können und seinen Kunden Teile seines Lohnes ausbezahlt. Mit Ausreden beschwichtigte er die Fragen seiner Frau. «Wir haben gar nichts, keine Reserven, nichts. Die Staatsanwaltschaft meint heute noch (2010: die Red.), ich hätte Geld versteckt.»

Als er am Ende war und die Geschichte einem Freund anvertraute, fiel dieser aus allen Wolken. Er riet X.Y., sich der Polizei zu stellen. «Das war Mitte Oktober 2008. Ich suchte zu dieser Zeit immer noch nach Lösungen.» Am 1. Dezember 2008 sollte er 100 000 Franken, die er nicht hatte, zurückzahlen. Verzweifelt reiste X.Y. durch die halbe Schweiz. Beim Arbeitgeber meldete er sich krank. Sein Handy läutete nonstop. «Ich hatte 150 SMS am Tag, es war zum Schreien.»

Eine Arbeitskollegin habe irgendwie Wind von dieser ganzen Angelegenheit bekommen und meldete ihre Kenntnisse seinem Vorgesetzten. Sie habe gesagt: «Ich glaube X.Y. wird erpresst und ist jetzt auf der Suche nach Geld.» X.Y. bekam einen Telefonanruf von der Sozialabteilung seiner Bank und sollte nach Bern gelotst werden. «Und da habe ich gesagt: Nein! Jetzt ist fertig. Ich habe die Polizei angerufen und gesagt: Hören Sie, ich muss jemanden anzeigen, ich werde erpresst.» Nach einigen hektischen Stunden wurde er ins Untersuchungsgefängnis überführt und verbrachte seine erste ruhige Nacht seit langem.

In U-Haft habe er die ganzen Geschichten mit jedem Kunden niedergeschrieben. «Ich habe drei Monate lang alles aufgeschrieben, aus dem Kopf heraus. Ich hatte nie Notizen über meine Transaktionen gemacht, das war wie ein Film in meinem Kopf, wie ein Albtraum.»

Nach der Untersuchungshaft kam die Angst. Es gebe viele Personen, die X.Y. suchten. Gläubiger, die etwas von dem ihm anvertrauten Geld retten wollen. Solche würden ihn überall finden. Bedrohungen seien nicht selten. Via Telefon oder auch mündlich, von Auge zu Auge. «Plötzlich tauchen vier, fünf Personen auf und drohen: Du musst sofort zahlen, sonst …»

Er habe schon verschiedene Personen angezeigt, weil sie ihn angreifen wollten. Den Letzten, den er angezeigt habe, dem habe er dies am Telefon gesagt. «Wissen Sie, was der gemacht hat? Der lief in den Polizeiposten hinein und sagte: X.Y. muss mir Geld geben. Wenn ich ihn nicht umbringe, dann bringt ihn ein anderer um. Nach zwei Stunden konnte er wieder raus.» Und dann habe die Polizei ihn angerufen und gesagt, er sei selbst schuld, er müsse nicht denken, er könnte ein normales Leben führen. «Das weiss ich schon. Nichtsdestotrotz bleib ich aber hier.» Er gehe nicht weg. «Ich bleibe, weil ich dieser Sache ins Gesicht schauen will.»

Zur Aufarbeitung der Delikte arbeite er Hand in Hand mit der Staatsanwaltschaft. «Eine Bilderbuchzusammenarbeit sei das, wurde mir gesagt. Für mich war es eine Erlösung.» Bei rund 120 Personen würden die Aussagen übereinstimmen, bilanziert er. Bei den übrigen gingen die Aussagen etwa über die Höhe der Zahlungen auseinander. Heute seien es noch vier Personen, die auf ihn wütend seien.

Dieses Gespräch wurde, wie eingangs erwähnt, 2010 geführt. Heute, sagt X.Y., seien die meisten Personen, die damals finanziellen Schaden erlitten, auf ihn wütend. Das Gericht schätzt den Umsatz seiner Transaktionen auf 21 Mio. Franken, die Schadenssumme auf 8,7 Mio. Fr. ein. «Ich weiss nicht, ob ich tatsächlich ein schlechter Mensch bin. Ich wollte niemandem schaden und niemanden enttäuschen. Es war einfach falscher Stolz, einen grossen Fehler zuzugeben. Ich bin in etwas hineingeraten, aus dem ich nicht mehr rausgefunden habe. Dafür werde ich mich ein Leben lang schämen.» Seine Familie sei durch diese ganze Geschichte gebrochen.

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