Eigentlich ist der Ort der Handlung als Bühnenkulisse denkbar unspektakulär: ein Treppenhaus, dunkel, eigentlich kein Raum, vielmehr ein Zwischenraum. Tatsächlich aber ist er auch ein Schmelztiegel – nicht nur mit Gerüchen vom Putzmittel bis Blumenkohl. Er ist vor allem auch Schmelztiegel menschlicher Tugenden und Untugenden. Bewohner, die sich an Ecken und Kanten ihrer Mitmenschen stossen, und zuweilen eigene Ecken und Kanten vergessen.

In «Salome», dem neuen Jugendmusical im reformierten Kirchgemeindehaus Weststadt trifft nun also die Tratschbase auf den Herrschsüchtigen, während die Vornehme mit dem Chaoten kollidiert. Dabei gehe es um die Einsicht, «dass jeder Mensch Fehler macht», umschreibt es Stephan Tüscher, Verantwortlicher für Kommunikation beim Jugendmusical: «Da wird hintenrum geredet und auf die Fehler anderer gezeigt, statt an sich selbst zu arbeiten.»

Den Rollen ein Gesicht geben

80 Jugendliche von 11 bis 18 wirken während der aktuellen letzten Ferienwoche im musikalischen, dramaturgischen und choreografischen Projekt mit, das alle zwei Jahre, heuer zum 19. Mal, realisiert wird.

Doch nicht nur herumliegende Kabel und Materialboxen zeugen davon, dass noch viel zu tun ist: Philipp Wüthrich, der neben der Projektleitung auch für die Tontechnik verantwortlich zeichnet, ist emsig am Vorbereiten. Und am ersten Probetag dürfen sich die Jugendlichen am Rollenbuch festklammern, um die eine oder andere Textstelle zu verinnerlichen – zum letzten Mal noch. Noch darf auch bei Liedtexten gespickt werden, die Chorleiter und Komponist Martin Wüthrich mit der engagierten Jungmannschaft einübt. Doch der zeitliche Rahmen ist eng gesteckt: Am Sonntag findet die Premiere statt, da bleibt nicht mal für die Solosänger allzu viel Zeit, um nervös zu werden.

Noch entspannt wirkt Willy Witzig, wenn er denn nicht schon in seine Rolle eintaucht. Er spielt nämlich den herrschsüchtigen, fiesen, aufbrausenden Maki – «ein Bösewicht», wie der 16-Jährige schmunzelnd umschreibt: «Er kommandiert jeden herum und hat gegen alle etwas, die nicht mit dem Strom schwimmen.»

In den Ferien Text büffeln

Da jede Rolle doppelt besetzt ist und sich die Schauspieler während der insgesamt acht Aufführungen jeweils abwechseln, schlüpft auch der 11-jährige Lukas Zbinden in die Rolle von Maki. Er ist zum ersten Mal dabei, nun durch seine Schwester hinzugekommen und schon ein wenig aufgeregt. Dabei hat er dazu eigentlich wenig Grund: Wie die anderen hat auch er sich schon in den Ferienwochen zuvor dem Theatertext zugewandt: «Wir waren mit der Familie beim Gletscherskifahren in Zermatt. Und am Mittag und Abend haben meine Schwester und ich uns gegenseitig Text abgefragt», erzählt Lukas.

Dass er Ferienwochen für das Projekt hergibt, scheint weniger mit «geopferter» Zeit zu tun zu haben, sondern viel mehr mit Bereitschaft und Spass: «Es ist lustig, mitzumachen. Und wir haben gute Leiter», befindet Lukas. Zum dritten Mal dabei ist Myriam Fankhauser, 16, die in die Hauptrolle der Salome schlüpft und schon nur deshalb ein wenig nervös sei: «Ich habe nicht damit gerechnet, und werde erstmals in diesem Rahmen solo singen», verrät sie. Als Salome, was soviel heisst wie die «Friedenliebende» und quasi das Gegenstück zu Maki ist, gibt sie den Titel des Musicals vor: «Salome will die Probleme im Block angehen und zeigt sich dabei stets verständnisvoll.»

Wer wirft den ersten Stein?

Hinter dem Stück steht – wie für die Jugendmusicals üblich – eine biblische Metapher. «Ich versuche immer, diese Inhalte aus der Bibel in die heutige Zeit zu übertragen», erklärt Ruth Wüthrich, die Mutter von Martin und Philipp Wüthrich und Autorin des Handlungsstrangs. Neben tiefem Wortwitz und Themen wie Arbeitslosigkeit oder Schönheitswahn steht besonders eine Frage im Zentrum: «In welchen Situationen wirft jeder von uns Steine?», fragte sich Wüthrich. Das Bibelthema der Ehebrecherin, die zum Tode durch Steinigung verurteilt wird, nahm sie entsprechend auf und formte es zu einer zeitgemässen Geschichte um. So wird im Musical eine junge Frau namens Fatima schwanger, was im Haus als Schande empfunden wird: «Da werden Steine geworfen», erläutert Ruth Wüthrich. Nur Salome zeigt Mitgefühl für Fatima und stellt die Schlüsselfrage, wer denn selbst ohne Fehler sei. Sie macht die Kläger zu Angeklagten, ohne selbst ein Urteil zu fällen.

Erstmals überlässt Ruth Wüthrich, die bisher auch die Regie innehatte, dieses Amt einem Team von Szenenleitern, die mit den Jugendlichen proben. «Ich bin gespannt, wie das Musical umgesetzt wird», sagt sie, ohne dass Argwohn in ihren Worten klingt: «Es ist das Herzblut des ganzen Teams, das hier zählt.» Und nach einem Blick auf den ersten Probetag lässt sich bereits erkennen, wie die Jugendlichen in ihren Rollen den menschlichen Schwächen, aber auch Tugenden ein Gesicht geben werden: mit Herzblut.

Daten unter www.jugendmusical.ch. Vom 14. August bis 3. September