Es wäre für Christine Schmocker ein allzu leichtes gewesen, eine Geschichte über pubertierende Männlein und Weiblein zum Zeitpunkt ihres Frühlingserwachens auf die Bühne zu bringen.

Die Leiterin des U15-Jugendclubs des Jungen Theaters Solothurn entschied sich aber für ein Thema abseits der Selbstverständlichkeit, auf der Suche nach der eigenen Identität das andere Geschlecht zu entdecken und lieben zu lernen.

Im Stück «So oder sowieso» stellt die jugendliche Salome während eines Ferienlagers fest, dass sie für Seraphine Gefühle empfindet. Dabei stösst sie auf Ablehnung, Hohn, Aggression und erlebt den Pranger der Sozialen Netzwerke: Cyberbullying.

Zur Reprise ermutigt

Bereits im Mai fanden Aufführungen der Eigenproduktion statt. Mit Erfolg: Katharina Rupp, Schauspieldirektorin des Theater Orchester Biel Solothurn, ermutigte die jungen Leute, eine Reprise in Angriff zu nehmen.

So wurde für die Aufführung im Stadttheater vom kommenden Montag, 9. November, um 19.30 Uhr (14 Uhr: Schülervorstellung) in den vergangenen Wochen aufgewärmt und geprobt. Doch der Mammutanteil der Vorbereitung reicht früher zurück.

Es ist die vierte Produktion, die Schmocker als Gründerin des U15-Jugendclubs, begleitet, und die erste, die vollständig durch Stückentwicklung entstand. Bei diesem Prozess entstehen aus dem improvisierten Spiel heraus Dialoge, Szenen und schliesslich eine komplette Handlung.

«Ich habe mich zwar für das Thema von Filmen inspirieren lassen», sagt Schmocker. Da aber keiner als Vorlage für ein Stück gepasst habe, habe man «einfach drauflos» gespielt.

Überraschende Wendungen aus dem spontanen Spiel wurden aufgegriffen und auch ein Grossteil der Dialoge entstammen der Art, wie sich die Jugendlichen selbst ausdrücken. «Ich sehe mich in diesem Prozess dann vor allem als Komponistin, die die Eindrücke zusammenstellt», sagt die 24-Jährige, die Philosophie und Geschichte studiert.

In der Schule kaum ein Thema

Gerade aber beim hier fokussierten Grundthema Homosexualität befürchtete Schmocker Überforderung. «Oft ist es in der Schule kein Thema.»

Doch durch Gespräche – unter anderem mit einem homosexuellen Freund von Schmocker –, mit Denkrunden oder durch szenisches Ausprobieren näherte sich die Gruppe dem Thema an und vertiefte sich darin.

Entstanden ist ein Stück, das keine Hollywood-Klischees des affektierten, «tuntenhaften» Homosexuellen bedienen will, sondern die Lebens- und Liebenswelt junger Menschen jenseits verhärteter Vorstellungen über Normalität darstellt.

Auf diese Weise hat «So oder sowieso» auch abseits der Bühne bei den Protagonisten etwas ausgelöst: «Die Jugendlichen haben sich digital darüber ausgetauscht, was sie in den Medien über die weltweiten Ereignisse zum Thema Homosexualität aufschnappten», erinnert sich Schmocker.

«Seitdem ich beim Stück mitwirke, denke ich anders über das Thema», sagt der 13-jährige Liam Schank. «Ich lese in der Zeitung und interessiere mich für dieses Thema, beispielsweise, wenn die Polizei andernorts gegen Schwule und Lesben vorgeht.»

Präsent ist auch, was im schulischen Pausenhof an Schimpfworten wie «Schwuchtel» zu hören ist. «Du bist Dir oft nicht bewusst, was hinter dem Ausdruck steht», findet die 15-jährige Kim Jakob. Gerade in der Schule könne man sich zwar mit dem Thema auseinandersetzen, aber oft nicht wirklich identifizieren.

«Erst unter vier Augen lässt es sich offen darüber sprechen», sagt Paula Tepasse (15). Das sei im U15-Jugendclub anders: «Wir sind eine friedliche, respektvolle Gruppe und konnten uns bald offen auf das Thema einlassen.»

Sich in die Gefühlswelt von jemand anderem hineinzuversetzen, ist für die 15-jährige Narayana Sieber eine positive Erfahrung gewesen. Sie spielt Seraphine, mit der sich Salome auf erste Zärtlichkeiten einlässt. «Gerade in unserem Alter sucht man ohnehin noch nach der Richtung, in die man selbst geht.»

Braucht es Mut zum Stück?

«Es braucht sicherlich Mut, um ein solches Thema mit Jugendlichen anzugehen», solche Sätze bekam Schmocker zu hören, als sie sich dem Projekt zuwandte. Fragt man die 15-jährige Elina Lerch nach diesem Mut, so gibt sie sich selbstbewusst: «Eben gerade in dieser Phase, in der man selbst auf der Suche ist, ist es umso einfacher.»

Gerade sie weiss es: Als Darstellerin von Salome befasste sie sich intensiv mit dieser Aussenseiterrolle. «Zur Vorbereitung gingen wir durch die Altstadt und mussten uns vorstellen, in unserer Rolle zu stecken», erinnert sie sich.

Was ihr zunächst Mühe bereitete, klappte plötzlich auf Anhieb. Sie fühlte sich den Blicken der Passanten ausgesetzt, beurteilt und auch verurteilt und kehrte aufgewühlt zur Probebühne an der Dornacherstrasse zurück. «Und wenn ich spiele, versuche ich, mich an diese Gefühle von damals zurückzuerinnern», sagt Elina Lerch.