Ein Dorf im Aargau, nach dem Ersten Weltkrieg: Kurz vor dem Landesstreik prägen tiefe Löhne und karges Essen den Alltag der Arbeiter. Marie und Robert leben einen unterschiedlichen sozialen Status. Zu spät entdecken sie ihre Liebe neu, laden Mord und Meineid auf sich.

«Marie und Robert» ist eine Schicksalsoper, die Missstände anprangert und Anklage erhebt. Ein Drama mit Dissonanzen, geschaffen von einem der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, dem Solothurner Jost Meier und dem Librettisten Hansjörg Schneider.

Nach «Pilger und Fuchs» 1995 durfte Tobs mit «Marie und Robert» eine weitere Oper des legendären Tandems uraufführen. Der Kompositionsauftrag von Intendant Dieter Kaegi gab die Initialzündung, Paul Hallers 1917 entstandenes Theaterstück zu vertonen. Jost Meier gelang theaterwirksame Musik mit brillanten Instrumentalsoli. Kein musiktheoretisches Konstrukt, sondern ein emotionales und vergeistigtes Epos.

Jost Meier arbeitet mit heterogenen Klangelementen, einem aus Bassklarinette, Kontrafagott, drei Bratschen, drei Celli, Kontrabass und sechs Geigen bestehenden Orchester, erweitert durch farbenreiches Schlagwerk. Der Wechsel zwischen Sprechgesang und expressiven Ausbrüchen zeichnet packende Charaktere.

Deren Zerrissenheit setzt Regisseur Reto Nickler in einer klaustrophobisch anmutenden, auf Stellwände und schräge Spielfläche reduzierten Atmosphäre (Bühnenbild: Christoph Rasche, Licht: Mario Bösemann) ins Zentrum. Erzählt die zeitlose Parabel von sozialem Machtgefälle, Liebe und Moral. Bleibt szenisch konsequent, wird nie banal. Schwarze Gestalten (Kostüme: Katharina Weissenborn) hungern, leiden, formieren sich zum Streik.

Geanni Brad schlüpft in die Rolle des Streikbrechers Robert, dessen Stolz unter der Schuldenlast, den Sorgen der Mutter und der Liebe zu Marie leidet. Er überzeugt stimmlich und darstellerisch mit eindringlicher Präsenz, wird zum Mörder von Maries Ehemann. Leila Pfister bringt sich als Marie schonungslos ein, zart und kraftvoll zugleich. Berührt mit lyrischen Kantilen. Schlicht herausragend agiert Franziska Hirzel als Roberts Mutter. Sie sitzt im Rollstuhl, ist ständig auf der Bühne und erweist sich als Meisterin des Wort-Ton-Gestaltens.

Maries Ehemann Theophil findet in Boris Petronje einen souveränen Interpreten, der den betrogenen Blutsauger vermenschlicht und auch vokal glaubwürdig macht. Konstantin Nazlamov bringt als Liegenschaftsagent, der aus der Not der Fabrikarbeiter Gewinne schlägt, mit mephistohaften Zügen rüber.

Aus dem von Valentin Vassilev gut auf die schwierige Aufgabe präparierten Chor und Studierenden des Opernstudios (Osdolya Nyakas, Elise Duclos, Germain Bardot und Yanqiao Shi) strahlen einzelne Stimmen hervor. Kaspar Zehnder dirigiert ambitioniert, hält die musikalischen Fäden straff beisammen. Für Jungtalent Shirin Patwa könnte «Marie und Robert» gar die Weichen für die Zukunft stellen.

Die stehende Ovation für Jost Meier, Hansjörg Schneider und das ganze Ensemble war mehr als verdient. Ein bejubelter Start für eine zeitgenössische Oper, eine Hommage an Paul Haller, die mit einem Höchstmass an Intelligenz, Kunstverstand, Raffinesse und Virtuosität produziert und der ein internationaler Nachhall zu wünschen ist.

Premiere im Stadttheater Solothurn: Mittwoch, 22. November, 19.30 Uhr.