Strömender Regen am Tag der Arbeit – und dies nach manchem Jahr Sonnenschein. Man kann es aber auch anders sehen: Diesmal schaffte Petrus ideale Bedingungen, um den Schönwetter- vom Allwetter-Genossen zu trennen. Dabei gab es am Freitag angesichts eines stattlichen solidarischen Aufmarsches in Solothurn Grund zum Staunen – darüber, wieviel ins Töpfchen und wie wenig ins Kröpfchen kommt.

So auch für Kantons- und Gemeinderätin Franziska Roth: «Ich bin überrascht, dass so viele trotz Regen mitmachen. Doch selbst unter den eifrigsten Erst-Mai-Kämpfern gibt es solche, die nicht so wetterfest sind.» Wie sagt nun der Volksmund: Schlechtes Wetter gibt es nicht. Andreas Bühlmann, Chef des Amtes für Finanzen, verweist auf seine Jacke: «Sie lässt zwar Wasser durch, aber das spielt keine Rolle. Hauptsache sie ist rot.»

Umzug zum Tag der Arbeit 2015 in Solothurn

Umzug zum Tag der Arbeit 2015 in Solothurn

«Revolution in der Turnhalle»

Gemäss Stadtpolizei, die von keinen negativen Auffälligkeiten zu berichten wusste, waren es immerhin 150 wetterfeste Teilnehmer, wobei sich weitere 100 später im Landhaus dazugesellten. «Bei schlechtem Wetter findet die Revolution in der Turnhalle statt», scherzte Rolf Hasler, Vizepräsident des kantonalen Gewerkschaftsbundes einleitend zum Reigen der Ansprachen. Ständerat Roberto Zanetti erinnerte anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums des Tages der Arbeit an den Kampfgeist der Vordenker und an die Gefahren, die es selbst in einer Gesellschaft des Wohlstands gibt. In seiner Auflistung nennt er die Aufhebung der Währungsbindung, die in der Wirtschaft existenzielle Probleme hervorrufe: «Dieser Entwicklung sind wir ausgeliefert. Sie lässt sich nicht rückgängig machen.»

Als «Knacknuss» bezeichnete Zanetti weiter die Bestrebungen, den Volkswillen zur Masseneinwanderungsinitiative umzusetzen und gleichzeitig die Bilateralen zu bewahren. «Es ist ein Bündel von Problemen», Krisen, die oft unter Ausschluss der linken Kräfte behandelt werden, zum Nachteil für viele. Um zu illustrieren, dass Probleme besser gemeinsam angepackt werden, berichtete er von seiner Zeit als Gemeindepräsident von Gerlafingen: «Nachdem die Schliessung des Stahlwerks bereits beschlossene Sache war, konnte der Betrieb doch noch erhalten werden – bis heute, 20 Jahre später.» Er erinnerte sich auch an Stahlarbeiter, die zur Rettung des Betriebs einen Viertel ihres Jahreslohns opfern wollten: «Hat man ähnliches schon mal von einem Manager gehört?»

1.Mai: Roberto Zanetti hält Rede in Solothurn

1.Mai: Roberto Zanetti hält Rede in Solothurn

Auf Zanettis Rede folgten jene aus den Reihen des kurdischen und des alevitischen Kulturvereins, sowie des Kultur- und Solidaritätsvereins Solothurn, wobei die jeweiligen Referenten gegen den Hintergrundlärm eines gesprächigen Publikums zu kämpfen hatte. Am wenigsten noch das Mädchen aus den Reihen des kurdischen Kulturvereins, das in ihrer Rede die Rolle der Türkei im Syrienkonflikt kritisch hinterfragte.

Schmelztiegel der Interessen

So breit gefächert wie die Referenten war auch das anwesende Publikum. Das offizielle Erst-Mai-Komitee, Öcalan-Anhänger, Kinder und Jugendliche, die mit kurdischen Tänzen eine jährliche Tradition fortführten, dann die autonome Teilnehmerschar, die zwar friedlich mitzog, aber zumindest auf der Wengibrücke die Finger nicht ganz von Rauchpetarden lassen konnte.

Der erste Mai wurde auch in Solothurn einmal mehr seinem Ruf als Schmelztiegel unterschiedlicher Interessen gerecht. Da scheint auch Platz zu sein für eine Unterschriftensammlung, die sich gegen die Enthornung von Kühen und anderen Nutztieren starkmacht. Ein Demonstrationszug von Menschen, die in die gleiche Richtung gehen. Ob sie auch in die gleiche Richtung denken, bleibt an diesem verregneten ersten Mai offen.

Tanz- und Musikdarbietung vor dem Start zum 1.Mai-Umzug in Solothurn

Tanz- und Musikdarbietung vor dem Start zum 1.Mai-Umzug in Solothurn