Solothurn

Ist Solothurn eine Einkaufsmeile? – «Jein», sagt der Experte

Die Zukunft für die «Shoppingmeile Solothurn» sieht aktuell nicht gerade strahlend aus.

Die Zukunft für die «Shoppingmeile Solothurn» sieht aktuell nicht gerade strahlend aus.

Die Stadt- und Gewerbevereinigung Solothurn SGSo ortet zunehmend Probleme durch den Online-Handel. Der SGSo erläutert auch, wie das Ausland die Solothurner Einkaufsmeile beeinflusst.

Einkaufen in Solothurn ist nicht mehr selbstverständlich. So ortet auch die Stadt- und Gewerbevereinigung Solothurn SGSo zunehmend Probleme durch den Online-Handel, den Einkaufstourismus und generell ein verändertes Konsumverhalten. «Wir müssen das Ganze konzeptionell angehen», findet SGSo-Präsident Tobias Jakob. Ein erster Schritt dazu war eine Standortbestimmung durch Matthias Imdorf, Mitinhaber der erlebnisplan GmbH Luzern.

Mitorganisator des Abends war Region Solothurn Tourismus, vertreten durch Tourismusdirektor Jürgen Hofer – der sich ebenfalls über mangelndes Interesse nicht beklagen konnte: Der Saal der «Couronne» zeigte sich gut gefüllt. Wobei Imdorf die Erwartungen des Publikums gleich etwas hinunter schraubte: «Ich bin kein Retail-Experte». Primär befasse sich sein 14-köpfiges Büro mit der Entwicklung von Tourismus-Destinationen.

«Wir schaffen Berührungspunkte zwischen Menschen und Landschaften» und zeigte anhand einiger Beispiele auch aus Deutschland, Österreich und dem Südtirol auf, wie eine Stadt oder Region sich zur unverwechselbaren Marke für ihre Gäste entwickeln kann.

Das Einzigartige suchen

«Das Ausland ist das drittgrösste Einkaufscenter der Schweiz», schnitt Imdorf eines der Probleme an, die auch Solothurn betreffen. Dazu kommen die Vergleichbarkeit und Verfügbarkeit aller Produkte im Netz – alles Komponenten, die den Kampf gegen das «Lädelistärbe» oft recht hoffnungslos erscheinen lassen.

Dem stellte der Referent jedoch einige Antithesen gegenüber: Einzigartigkeit, Genuss, das Erlebnis der Regionalität, also Authentizität – sie seien zunehmend wieder gefragt. Ja Umfragen zeigten: «Der Wunsch, im Tante-Emma-Laden einzukaufen, ist weitverbreitet», hielt Matthias Imdorf fest – dagegen fänden viele das Shoppen im anonymen Grossverteiler weniger attraktiv.

Wo steht Solothurn?

Leider musste der Dozent aus Luzern eingestehen, dass er in den wenigen Stunden seines Solothurn-Besuchs nur einen oberflächlichen Eindruck gewonnen habe. Immerhin, der Cherzejeger und sonst einige spezielle Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt seien ihm aufgefallen. Schliesslich könne diese auch noch mit dem Slogan «Schönste Barockstadt der Schweiz» aufwarten. «Und wenn man ihn anklickt, kommt Solothurn».

Ob sich der Slogan oder die bekannte Tatsache, dass Solothurn Bischofssitz sei, weitergehend vermarkten liessen, daran hegte Imdorf eher Zweifel. Generell aber attestierte der Tourismusentwickler Solothurn «einen seriösen Gesamteindruck», garniert mit einigen Trouvaillen wie der wichtigen «Wursterei» (Wälchli) oder der Stadtchäsi.

Es gäbe viel zu tun

Doch die Frage hing im Raum: «Ist Solothurn eine Einkaufsmeile?» Gemessen an Beispielen, die nun folgten, müsste die Antwort eher «jein» lauten. «Zürich liegt an der Bahnhofstrasse» - ein Selbstverständnis, wie es das bescheidene Solothurn nicht zu bieten hat. Die Südtiroler Stadt Meran hat mit dem «Meraner Frühling» gleich eine ganze Jahreszeit für sich gepachtet. Andere wiederum probieren es mit einer Weinstrasse oder Spielen für Kinder und Erwachsene in den Schaufenstern. Gipfelnd in der Erkenntnis von Matthias Imdorf: «Jedes Business ist eine Bühne.»

Weiter hinterfragte der Referent die jetzigen Organisationen und ihre Strukturen in Solothurn. «Die Player müssen enger zusammenrücken», sah er als Möglichkeit, die Positionierung gegen aussen zu verbessern. So übte Imdorf auch leise Kritik an gewissen Auftritten – sei es an Homepage der Stadt- und Gewerbevereinigung, die vorab (nur) erkläre, wer man sei, dann aber auch an langweiligen Stadtplänen, die vielleicht mit spielerischen Alternativen analog zum Disneyland aufgepeppt werden könnten.

Zum «Brand», dem Erscheinungsbild einer Stadt trage auch eine Immobilienstrategie bei, visualisierte Imdorf anhand von Beispielen aus anderen Städten, wie eine einheitliche Beschilderung für Übersicht in den Ladenfronten sorgt. An zwei Bespielen von Geschäften aus der Solothurner Innenstadt zeigte der Luzerner Fachmann mögliches Aufwertungspotenzial auf – was allerdings aus dem Publikum später prompt mit dem Hinweis auf die Gralshüterrolle von Denkmalpflege und Altstadtkommission gekontert wurde.

Weitere Hinweise auf die Belebung leerstehender Ladenflächen durch Zwischennutzungen wie Pop-Up-Stores oder das Schaffen einer städtischen Kundenkarte wirkten indes eher überflüssig: Der bekannte Einkaufsgutschein «So gut» der Stadt- und Gewerbevereinigung Solothurn ist ein seit Jahrzehnten bewährtes Kundenbindungsmittel, und Pop-up-Stores sind seit dem letzten Winter auch in Solothurn keine Unbekannte mehr.

Matthias Imdorfs Schlussfolgerungen für Solothurn aber lauteten: Die Kooperation intern und Differenzierung gegenüber der Konkurrenz verstärken, die Erlebnisqualität verbessern – «dann kaufen auch die in Solothurn ein, die es sonst bei Zalando tun».

Nur wer handelt, überlebt

Das Echo aus den Reihen der SGSo-Mitglieder schwankte zwischen leicht resignativ und Trotz. Kritisiert wurde generell auch der Kanton Solothurn wegen seiner hohen Steuern, was die Standortattraktivität stark einschränke. Weiter seien attraktive Geschäfte nur noch jene im Familienbesitz – «und die sterben irgendeinmal aus», so eine Stimme im «Couronne»-Saal. Beklagt wurde auch der Verlust von Manor Food oder dass ein Wurstgrill behördlich nicht mehr möglich sei. Ein junger Geschäftsinhaber meinte klipp und klar: Nur wer in seinem Laden auf Erlebnisse setze, werde überleben. Bloss Ware ins Regal zu stellen, funktioniere nicht mehr. «Sonst bin ich wenigen Jahren weg», so sein Tenor.

Das Fazit von SGSo-Präsident Tobias Jakob: Mehr Zusammenarbeit sei nötig, doch dazu «braucht es jeden Einzelnen.»

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