1860 schrieb Gottfried Keller in seiner Novelle «Fähnlein der sieben Aufrechten»: «Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird es sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!»

Ein Teil dieses Zitates ist ein Buchtitel mit Texten von Gottfried Keller, Urs Widmer und Guy Krneta, das letztes Jahr erschienen ist. Eine Art literarische Schweizer Geschichte in drei Stücken der drei Autoren aus den drei Jahrhunderten. Im Buch wird die Frage aufgeworfen, ob der Liberalismus in der Schweiz heute zur zynischen Fiktion verkommen ist.

Diese Frage wurde am Freitag im Landhaussaal vier Podiumsteilnehmern von SRF-Kulturredaktor Felix Schneider gestellt. Anwesend waren Kurt Fluri, Solothurner Stadtpräsident und FDP-Nationalrat, Dominik Elser, von der Organisation Libero, Regina Wecker, emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte, und Peter A. Fischer, Leiter Wirtschaftsredaktion NZZ.

Gleichheit für alle, aber ...

«Dem Liberalismus verdankt die Schweiz ihre Existenz», begann der Moderator und stellte die Frage, was denn der Liberalismus jedem der Podiumsteilnehmer persönlich bedeute. Regina Wecker meinte: «In den Ursprüngen hat es geheissen, dass alle vor dem Gesetz gleich seien, dass Gleiches zu Gleichem gehöre. Historisch gesehen sollten ein Armer und ein Reicher jeweils aber unter seinesgleichen bleiben.» Kurt Fluri meinte, dass Liberalismus ihm bedeute, dass jeder die gleichen Chancen habe. «Jeder soll an der Wirtschaft und am Bildungssystem teilhaben können.»

Peter A. Fischer wurde gefragt, ob denn Reiche im Liberalismus nicht eine soziale Verpflichtung hätten. «Man muss nie etwas tun, soll aber etwas tun», meinte er. Dominik Elser, Präsident der Operation Libero, sagte: «Wenn Reichtum Armut verursacht, das darf nicht sein.»
Ist denn «mehr Freiheit, weniger Staat» – der alte Wahlslogan der Freisinnigen – überhaupt möglich, wurde in die Runde gefragt. Fluri: «Der Slogan wird immer falsch zitiert. Es hiess ‹weniger Staat, mehr Freiheit, mehr Selbstverantwortung›». Und gerade die Selbstverantwortung sei das Wesentliche des Liberalismus, denn ohne brauche es mehr Staat.

Fischer nahm dieses Votum auf. «Das zeigt sich beim Hundeführungskurs». Leider verkomme der Staat immer mehr zu einer Institution, an der sich Einzelne bedienten. Der Liberalismus soll sich gegen Interessengruppen richten.

Wecker meinte dazu: «Der Freisinn war immer dann besonders innovativ, wenn er merkte, er könnte links oder rechts überholt werden.» Fluri meinte noch, eigentlich seien ihm Parteiparolen ein Gräuel. «Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit der anderen eingeschränkt wird», zitierte Fischer einen liberalen Schlüsselsatz zum Thema staatliche Regulierung.

Liberale Kulturförderung?

Da man an den Literaturtagen diskutierte, kam auch die Frage: Was ist liberale Kulturpolitik? Fluri antwortete als Stadtpräsident: «Bei uns in Solothurn wird jedes Kulturförderungsgesuch, ungesehen des Inhalts, genehmigt. Natürlich nicht mit Millionenbeträgen.» Das verstehe er unter liberaler Kulturpolitik. Fischer sah das etwas anders. «Staatliche Förderung kann auch Abhängigkeiten schaffen und beeinflussen.» Und Wecker meinte, wenn dann aber der Staat sparen müsse, werde trotz liberaler Denkweise zuerst bei der Kultur und in der Bildung gespart.

Und was ist heute noch brisant am Liberalismus? Elser sagte, auch jetzt noch müssten die liberalen Reflexe im Denken gestärkt werden. «Liberalismus ist die tägliche Herausforderung in der Politik», so Fluri und schalkhaft fügte er an: «Am besten, die Operation Libero kommt gleich zu uns».

Regina Wecker meinte, sie sei für einen starken Staat, der die Möglichkeiten aller Menschen für Gleichheit gewähre. Und Fischers Schlussvotum: «Für mich ist der Unterschied zwischen Konservativismus und Liberalismus entscheidend. Der Konservativismus will Strukturen erhalten, der Liberalismus will offenbleiben.»