Solothurn

Ist die Stadtgeschichte Männersache? In die Jubiläumsschrift sind nur Männer involviert

Projektleiterin Verena Bider steht neben dem neunköpfigen Autorenteam Blumenstein-Konservator Erich Weber zur Seite.

Projektleiterin Verena Bider steht neben dem neunköpfigen Autorenteam Blumenstein-Konservator Erich Weber zur Seite.

In die Jubiläumsschrift zu den letzten 200 Jahren Stadtgeschichte sind ausser der Projektleiterin nur Männer involviert

Ein neunköpfiges Historiker-Team soll bis 2020 eine Jubiläumsschrift zu den letzten 200 Jahren Stadtgeschichte verfassen. Dann will Solothurn sein 2000-jähriges Bestehen feiern. Zwar wird das Projekt mit Verena Bider, Direktorin der Zentralbibliothek, von einer Frau geleitet, doch fest steht: Das eigentliche Niederschreiben der Stadtgeschichte ist eine reine Männersache. Kritik dazu gibts von kompetenter Seite. Caroline Arni, Professorin für Geschichte an der Universität Basel mit Solothurner Wurzeln, kennt das Problem in Solothurn und nennt es beim Namen: «Wenn nicht ausgeschrieben wird, kommen bereits eingerichtete Netzwerke zum Tragen.» Und genau dies sei eben in Solothurn passiert.

«Es ist nicht böser Wille»

Arni weiss, wovon sie spricht, ist sie doch am Rheinknie Projektleiterin zum Band über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts der Basler Stadtgeschichte. Sie hat ihre Arbeiten ausgeschrieben, um wie angestrebt ein gemischtes Team zu erhalten. «Je transparenter und offener Vergaben von Stellen, Aufträgen und Mandaten, desto eher kommen auch Frauen zum Zug. Denn es gibt sie.» Und weiter: «Je weniger transparent, desto eher spielen etablierte Netzwerke. Das ist nicht böser Wille, aber im Effekt schliesst es Frauen halt aus.»

Ein Tipp deshalb aus Basel: Frauenspezifische Anliegen beispielsweise über einen Beirat einzubringen und beim Verfassen der Stadtgeschichte auf die Geschlechterperspektive zu achten. Caroline Arni, die auch in Geschlechtergeschichte und feministischer Geschichtswissenschaft lehrt und forscht, bringt es auf den Punkt: «Deshalb ist es schon richtig, dass man das immer wieder thematisiert und ins Bewusstsein ruft, auch wenn man sich damit unbeliebt macht. Die Frauen haben noch nichts gewonnen in der Geschichte, ohne sich unbeliebt zu machen.»

Das Problem «geerbt»

Verena Bider, die – assistiert von Blumenstein-Konservator Erich Weber – das Projekt in Solothurn leitet, hat eine Erklärung für die Wahl der neun Historiker: «Wir haben in erster Linie Autoren der Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Grenchner Stadtgeschichte angefragt. Sie verfügten schon über Vorkenntnisse und Vorarbeiten.» Bereits bei diesen beiden Projekten seien die Männer übervertreten gewesen, das jetzige Projekt der Solothurner Stadtgeschichte habe das Problem also teilweise «geerbt», erklärt Bider.

Ob eine Ausschreibung der Arbeiten überhaupt erwogen oder zum Vorneherein ausgeschlossen wurde, kann die Projektleiterin klar beantworten: «Nein, es wurde nicht ausgeschrieben, der genannten Synergien wegen.» Man habe durchaus Frauen angefragt, doch sei – aus Zeitgründen – keine Zusage einer Historikerin eingegangen. Verena Bider: «Ich glaube, dass Frauen sorgfältiger planen oder planen müssen als Männer.»

Die Autoren sind sensibilisiert

Wie aber kann nun sichergestellt werden, dass die Rolle der Frauen in der Stadtgeschichte der letzten 200 Jahre in der Jubiläumsschrift korrekt gewürdigt wird? Verena Bider glaubt, dass dieser Aspekt gewährleistet wird. «Die Autoren sind durch die Intervention sensibilisiert, und an jedem Treffen besprechen wir, inwiefern wir die den Blick auf die Geschlechtergeschichte einbeziehen können. Für einen soliden Historiker ist der Einbezug der Geschlechtergeschichte seit längerem selbstverständlich.» Um beizufügen: «Im Übrigen ist die Projektleiterin eine Frau.»

Dennoch sieht Verena Bider Grenzen. Spezielle Unterkapitel zur Frauenthematik sind offenbar keine vorgesehen. Die Geschlechterperspektive solle vielmehr «durchgehend eingehalten werden», wobei «naturgemäss das Thema im Kapitel Politik weniger gut vertreten sein wird als in den Kapiteln Gesundheit und Erziehung», so die Projektleiterin.

Sie bleibt Projektleiterin

Mitte März hatte der Gemeinderat einen Pauschalkredit für die Jubiläumsschrift von 480'000 Franken gesprochen. Die Geschlechterfrage thematisierte man damals nicht, denn die Spezifizierung des Teams war noch offen. In Fachkreisen stand aber bereits fest, dass der Terminrahmen ambitiös sei, und so fand sich rasch ein Achterteam mit Martin Illi, Jan Müller, Oliver Ittensohn, Ruedi Graf, Peter Keller, Urban Fink, Fabian Saner und Pater Gregor Jäggi, zu dem später noch Oliver Schneider stiess. Klar ist aber auch, dass Verena Bider trotz ihrer Pensionierung als Direktorin der Zentralbibliothek nächsten Juni das Projekt zu Ende führen wird. Zumindest eine Frau wirkt also an der Stadtgeschichte mit – und hat als Projektleiterin auch das letzte Wort.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1