Silvano Cerutti
In und zwischen den Zeilen liegt seine Heimat

Der Autor wohnt seit fünf Jahren in Solothurn und widmet sich in seinen Büchern auch dem Verwurzeltsein. Sein Roman-Debüt handelt von einem Zuger, der wie Cerutti in den Kanton Solothurn zieht.

Andreas Kaufmann
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Silvano Cerutti, Autor und Kulturjournalist, wohnt seit fünf Jahren in Solothurn. ak

Silvano Cerutti, Autor und Kulturjournalist, wohnt seit fünf Jahren in Solothurn. ak

Solothurner Zeitung

Wer kennt nicht die kleine solothurnische Ortschaft Bätzigen? Bevor man aber an den eigenen geografischen Kenntnissen zu zweifeln beginnt und die Landkarte panisch nach Bätzigen absucht: Natürlich existiert kein Dorf unter diesem Namen – frei erfunden. Ebenso erfunden wie die Geschichte, die der Autor Silvano Cerutti in der geografischen und manchmal auch geistigen Kleinräumigkeit von Bätzigen ablaufen lässt.

Denn bei seinem Romandebüt «Du nennst das Gier» liess sich der gebürtige Zuger, der vor fünf Jahren nach Solothurn zog, durch die Wirklichkeit ländlicher Ansichten inspirieren – mit ihren Vorzügen und Nachteilen: «Es geht mir dabei aber nicht um Solothurn an sich, sondern um eine Mentalität, die man in der Deutschschweiz halt überall findet.» Dass sich die fiktive Gemeinde Bätzigen einen Steuersenkungs-Wettstreit mit der realen Gemeinde Feldbrunnen liefert, ist ebenfalls beliebig gewählt, «aber als Zuger ist man auf das Thema ohnehin super sensibilisiert».

Romanfigur mit Anti-Qualitäten

Hauptfigur des Romans ist ein Zuzüger, der im Kanton Solothurn Fuss fasst. Dies bleibt denn auch der einzige autobiografische Bezug, der sich zum Autor herstellen lässt. Ansonsten hat der Protagonist mit Namen Fredy Grübel nichts mit seinem 38-jährigen weltoffenen und neugierigen Erfinder Silvano Cerutti gemeinsam. Detektiv Grübel in «Du nennst das Gier» folgt überdies keinem Archetypen, der sich sonst in Krimis findet. Verschiedenste Anti-Qualitäten vereinen sich in seiner Figur.

Er ist keiner, der sich volllaufen lassen kann, ohne hinterher den Kater zu spüren, keiner, der das Alleinsein cool erträgt. Er ist auch kein Geniesser, sondern lässt sich von der Panik leiten: «Der Depp hat es nicht leicht. Als Zugezogener findet er keinen Anschluss», so die Kurzfassung des Romaneinstiegs. «Und so habe ich das Ganze ein wenig gegen den Strich gebürstet», erläutert Cerutti.

Grübel hat eine Schwäche für Junkfood und Alkohol, aber mit Kater. Er trägt die typische Antiheld-Etikette gut sichtbar durchs Dorf, dabei möchte er nur Bestätigung. Und nachdem seine selbst gegründete Partei – er ausgenommen – ein erstes Mitglied zählt, wird dieses ermordet.

Nachdenken und Schmunzeln

Darüber hinaus benötigte Cerutti für die Geschichte einen beobachtenden Erzähler ausserhalb der Grübel-Figur, «sonst wäre es ein ödes Gejammer geworden», mutmasst er. Also wurde eine Instanz geschaffen, die wortwörtlich über allem schwebt: sarkastisch und gleichzeitig liebevoll, moralisch und dennoch unbeteiligt – vor allem aber wortgewandt.

Mit «Du nennst das Gier» hat Silvano Cerutti ein Werk mit subtilem intelligentem Sprachwitz und sarkastischen Einschüben geschaffen, ein Text, der alternierend zum Nachdenken und Schmunzeln anregt. «Ich mache keine Comedy, aber ein bisschen Humor darf schon sein», gibt der Autor zu verstehen. Dieser fehlt auch nicht bei der fast dramaturgischen Lesung «Gier live», die er mit seinem musikalischen Partner Count Vlad aufführt.

Das Schreiben als Passion

Dass das Schreiben seine grosse Leidenschaft ist, spürte Silvano Cerutti bereits mit 17. So fasste er im jugendlichen Alter zunächst im Zuger Lokaljournalismus Fuss, vertiefte sich alsbald im Bereich Musikberichterstattung und arbeitet heute als Kulturjournalist im Teilpensum bei der Berner Kulturagenda. Bald wandte er sich zunächst Gedichten und schliesslich Kurzgeschichten zu.

Sein publizierter Erstling von 2007 hiess «Gschnätzelts», eine Sammlung von Kurzgeschichten, in denen er zwei Menschentypen einander gegenüberstellt: jenen, der die Faust im Sack macht und jenen, der in jeder Situation das Beste zu erreichen versucht. Die Tätigkeit im Journalismus möchte er aber nicht missen: «Weil sie mich zum Nachdenken bringt, den Horizont erweitert, Begegnungen ermöglicht und mich in verständlichem Schreiben trainiert.»

Heimat als stetiges Thema

Dass die Stadt Solothurn mit dem fiktiven Bätzigen so gar nichts gemeinsam hat, mag mit ein Grund sein, warum sich Cerutti hier wohlfühlt: «Die Leute sind offen und die Grösse ist angenehm.» Aber eigentlich sei er wegen der Liebe nach Solothurn gezogen. «Ich selbst bin nicht allzu ortsgebunden», sagt der Schweizer mit italienischen Wurzeln. «Ausserdem war ich in Zug ein bunter Hund. Das ist schön, aber auch anstrengend. Und mit der Zeit wurde es mir dort dadurch zu eng.»

Stets wiederkehrendes Thema bei Cerutti ist die Heimat. Auch in der Geschichte, über die er zurzeit brütet, geht es um solche Fragen: «Was ist Heimat? Was macht sie mit uns? Wird sie überschätzt?» Auch sagt der Autor: «Eine gewisse Verwurzelung ist Voraussetzung, um sich selbst zu sein.» Für ihn hat die Art zu denken viel mit der Herkunft zu tun. Was nicht heisst, dass er seine neue «Heimat» Solothurn nun als Autor in den kritischen Fokus nimmt: «Ich bin sicher nicht hergekommen, um den Solothurnern Solothurn zu erklären», sagt er bescheiden: «Ich würde Solothurn lediglich so beschreiben, wie ich es ganz persönlich erlebe.»