Bibliomedia

In Solothurn feiert die «Bibliothek der Bibliotheken» ihr Hundertstes

Franziska Baetcke, Direktorin Bibliomedia Schweiz (Mitte), zusammen mit den örtlichen Co-Leiterinnen Sabine Hofmann (l.) und Claudia Kovalik (r.) in der Solothurner Bibliothek

Franziska Baetcke, Direktorin Bibliomedia Schweiz (Mitte), zusammen mit den örtlichen Co-Leiterinnen Sabine Hofmann (l.) und Claudia Kovalik (r.) in der Solothurner Bibliothek

Das 100-Jahr-Jubiläum von Bibliomedia lädt dazu ein, auf die Geschichte der Leseförderung zurückzublicken. Und in die Zukunft.

Dem Otto Normalleser dürfte der Name der Institution wohl nur flüchtig bekannt sein. Und doch tut Bibliomedia mehr, als man denkt – für jene Menschen, die gerne lesen, und für jene, die vielleicht künftig gerne lesen möchten. Seit 100 Jahren setzt sich die «Bibliothek der Bibliotheken» mit Hauptsitz Solothurn für die Leseförderung ein. Dabei arbeitet sie in erster Linie mit Bibliotheken und Schulen zusammen, weniger mit dem lesenden «Endverbraucher». Konkret: Die Bibliothek leiht anderen Bibliotheken Bücher aus.

Kleine Institutionen verfügen heute zwar über einen Grundbestand, können aber oft nicht mit den Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt Schritt halten. Hier springt Bibliomedia in die Bresche. Grossen Bibliotheken wiederum liefert die Institution ergänzende, oft aufwendig zu beschaffende Sonderliteratur. «Diese Kundschaft ist bibliothekarisch besonders interessant», sagt Franziska Baetcke, seit 2016 Direktorin Bibliomedia Schweiz. Sie verweist auf den Auftrag der Leseförderung, die Beseitigung der Kluft zwischen Weniglesern und Belesenen, auf den Zugang für alle.

So stellt Bibliomedia den Bibliotheken fremdsprachige Bestände in elf Sprachen, weiter Grossdrucke für Menschen mit Sehschwäche, Literatur in einfacher Sprache, mehrsprachige Bilderbücher oder niederschwelligen, unterhaltsamen Lesestoff für «Einsteiger» oder jugendliches Publikum zur Verfügung.

Der demokratische Ort, wo alle etwas finden

«Alle finden hier etwas», so ­Baetckes Devise. Dass es sich bei der Bibliothek um die demokratischste aller öffentlichen Einrichtungen handelt, zeigt ein Gang durch die Bibliomedia-Regale: Bücher in arabischer Sprache, jene auf Albanisch oder Portugiesisch, Sprachlehrmittel für Migranten, die sich in der deutschen Sprache zurechtfinden sollen, und Bücher für all jene, denen die Freude am Lesen noch bevorsteht.

Weiter beliefert Bibliomedia auch Schulen, einerseits mit Klassenlektüren: 450 verschiedene Titel von der «Kleinen Hexe» bis zu Wolfgang Herrndorfs Bestseller «Tschick» stehen in einer Ausführung von je mindestens 300 Exemplaren zur Auswahl, wie das Lager vor Ort zeigt. «Schulen können sich den Erwerb solcher Bestände in der Regel gar nicht leisten», so Baetcke.

Weiter stellt Bibliomedia thematische Kollektionen zu angefragten Themen für «Klassenbibliotheken» zusammen. «Dies erspart Lehrpersonen wertvolle Zeit bei der thematischen Recherche und den Vorbereitungen.» Diese Dienstleistung, so die Direktorin, sei im starken Wachstum begriffen.

Alles begann als militärische Mobilbibliothek

Entstanden ist Bibliomedia als «Schweizerische Volksbibliothek» im Nachgang zum Ersten Weltkrieg. Das «Gründungs­kapital» setzte sich aus rund 30 000 Büchern zusammen, die zur Versorgung der Aktivdienstler in der Form von Bücherkisten, von «mobilen Bibliotheken» an die Grenze geliefert wurden. «Danach wandelte sich die militärische zur zivilgesellschaftlichen Zweckbestimmung.» Dies geschah jedoch nicht aus der Notwendigkeit heraus, das Volk zu alphabetisieren: «Zu jener Zeit konnte die breite Bevölkerung lesen», weiss Baetcke. «Allerdings waren viele Bibliotheken miserabel ausgestattet – mit kaputten, alten, unpassenden Büchern.» Die Herausforderung: das Wissen der jeweiligen Zeit in die Institutionen zu bringen. So entstand in der Form einer Stiftung die Volksbibliothek.

Von der «Leseerziehung» zur Selbstbestimmung

Bis in die 1940er-Jahre stand eine Mission im Vordergrund: die des Volksbildungsgedankens. «Die Idee war, den Leser oder die Leserin über das Bücher­angebot zu einer intellektuellen Entwicklung zu bewegen», erzählt Baetcke. Doch von der Vorstellung einer typischen Lernkurve von einfacher zu hochstehender Literatur, von dieser heute paternalistisch anmutenden Haltung, habe man zwischenzeitlich Abschied genommen. Lange Zeit war die Auswahl der angebotenen Bücher zudem von politischen und religiösen Empfindlichkeiten geprägt.

Je nach Region wurden bestimmte Bücher mit Argwohn angeschaut, von einer Anschaffung wurde abgesehen, oder sie wurden «aus Sicherheitsgründen» in die Zen­trale verlegt. Heute jedoch agiert Bibliomedia losgelöst von religiösen, politischen oder sprachlichen Bindungen und hält Abstand von einer «erzieherischen Mission». «Die Anschaffung der Titel erfolgt komplett unabhängig», sagt Baetcke. «Was die Leute mit ihrer Lesekompetenz anstellen, ist ihre Sache.» Im Zen­trum der durch das Bundesamt für Kultur und die Kantone getragenen Institution steht heute der Förder- und Integrationsauftrag.

Bibliomedia ist in der Region verankert

In Solothurn ist Bibliomedia seit 1993 angesiedelt. «Zu jener Zeit arbeitete die Bundesverwaltung darauf hin, Ämter und bundesnahe Institutionen dezentral zu platzieren», womit die «Bibliothek der Bibliotheken» ihr Domizil in einem Neubau bei der Rötibrücke bezog und seither auch in der Region verankert ist. «Mit der Zentralbibliothek pflegen wir einen guten Austausch und mit der Pädagogischen Hochschule eine intensive Zusammenarbeit, nicht zuletzt, da die angehenden Lehrkräfte für uns Multiplikatoren sind.» Weiter ist Bibliomedia auch im Veranstaltungsprogramm der Literaturtage vertreten und stattet das Kinder- und Jugendliteraturfestival mit einer Festivalbibliothek aus.

Der vorsichtige Blick in die Buch-Zukunft

Doch welche Zukunft wartet in Zeiten zunehmender Digitalisierung auf das Buch? Gerade das Freizeitlesen sei – mit Ausnahme des reisetauglichen Lesestoffs auf dem E-Reader – noch immer stark ans physische Buch gebunden, weiss Baetcke. «Viele Leute mögen halt die haptischen Qualitäten. Zu spüren, wie sich beim Lesen das Gewicht von rechts nach links verlagert.» In der Romandie ist Bibliomedia mit einer eBook-Plattform für Bibliotheken aktiv: «Da dort ein kommerzielles Angebot fehlt, springen wir in die Lücke.»

Auch sonst verschliesst man sich dem Leseverhalten von morgen nicht. In den Schulen schreitet die Digitalisierung voran. «Hier stellt sich die Frage nach einer elektronischen Klassenlektüre.» Andere Entwicklungen betreffen die Bibliothek als realen Ort: «Bibliotheken werden immer mehr zu sozialen, kulturellen Orten, an denen längst nicht mehr nur Ruhe herrschen muss.» Familien, auch mit Kleinkindern, gehören je länger, je mehr zum typischen Bild in Bibliotheken.

Davon zeugt das von Bibliomedia, dem Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien mithilfe des Bunds 2008 initiierte Projekt Buchstart. Es setzt sich mit einem Buchgeschenk für alle Familien mit Neugeborenen für eine Leseförderung ab Kleinkindalter ein. Dass für die Leserschaft von morgen gesorgt sein will, macht auch Baetcke klar: «Wenn wir uns nicht heute um die Kinder und Familien kümmern, dürfen wir uns später nicht wundern, wenn niemand mehr Bibliotheken besucht.»

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