Stadttheater Solothurn

In diesem Stück ist das Urteil Sache des Publikums

Das Justizdrama «Terror» von Ferdinand von Schirach ist am Stadttheater Solothurn zu erleben.

Ein von einem Selbstmordattentäter entführtes Passagierflugzeug droht, über einem vollbesetzten Stadion zum Absturz gebracht werden. Um die grössere Anzahl an Menschenleben zu retten, opfert ein Pilot der Luftwaffe die Passagiere und schiesst – entgegen obersten Befehl – das Flugzeug ab. Handelte er richtig? Freispruch oder Verurteilung? Die Entscheidung liegt beim Publikum, welches als Schöffengericht amtiert.

Das Justizdrama «Terror» von Ferdinand von Schirach, 2015 uraufgeführt, mündet in zwei Kernaussagen. Anklage: Nichts – weder Moral noch Gewissen – darf über die Verfassung gestellt werden, ihre Prinzipien verletzen. Als oberstes Prinzip gilt, die Würde des Menschen ist unantastbar. Unschuldige dürfen nicht geopfert werden, um andere Unschuldige zu retten. Werden die Prinzipien der Verfassung verletzt, wäre diese folglich ungültig und dem Kontrollverlust Tür und Tor geöffnet.

Verteidigung: Prinzipien wie die Menschenwürde sind nicht wichtiger als Menschenleben; sie unterliegen dem «richtigen» Handeln. Die Entscheidungsfrage nach dem «kleineren Übel» muss gestellt werden. Die 164 Passagiere (die später beim Absturz im Stadion wahrscheinlich auch umkommen werden) sind das kleinere Übel. Sie werden – im Sinne eines «übergesetzlichen Notstands» – geopfert, um 70'000 Stadionbesucher zu retten.
So, Ihr lieben Schöffen, liebes Theaterpublikum, entscheidet Euch für Anklage oder Verteidigung.

Erst noch ein paar Fakten? Der Angeklagte Lars Koch ist bestens militärisch ausgebildet und hat einen einwandfreien Leumund («Es gibt in Deutschland mehr Herzchirurgen als Kampfpiloten.»). An die Möglichkeit, das Stadion räumen zu lassen, während man auf den Entscheid von General und Verteidigungsministerin wartet, denken der verantwortliche «Duty Controller» (Zeuge, Daniel Hajdu) und sein Team nicht. Laut SMS planen die Passagiere des entführten Flugzeugs, das Cockpit zu stürmen und den Attentäter zu überwältigen. Ob dies gelingen könnte, bleibt offen.

Die richtige Argumentation

Es geht in Schirachs Drama nicht um Emotionen oder innerpsychische Abläufe. Es geht rein sachlich um Sprache, um Formulierung, um Argumentation, um Interpretation. Daran hält sich die Inszenierung von Schauspieldirektorin Katharina Rupp wohltuend eindeutig und unprätentiös: Das Bühnenbild (Vazul Matusz) – der Gerichtssaal – ist nüchtern. Der angeklagte Major der Luftwaffe Lars Koch (Jan-Philip Walter Heinzel) sichtlich mitgenommen, aber beherrscht. Der Gerichtsvorsitzende (Günter Baumann) präzise, aber mit menschlichem Touch; die Staatsanwältin (Atina Tabé) brillant und engagiert; der Verteidiger (Jörg Seyer) souverän und pragmatisch.

Das Solothurner Urteil

Die Entscheidung, ob der Major freigesprochen oder verurteilt wird, liegt bei den Schöffen, beim Publikum. An der Premiere vom vergangenen Samstag entschieden sich 66 Zuschauende für eine Verurteilung, 91 für einen Freispruch. Als Vergleich: Bei den parallel durchgeführten Uraufführungen in Berlin und Frankfurt 2015 lag das Verhältnis bei 207 zu 255 und 230 zu 240.) Das Publikum hat entschieden, der Fall kann ad acta gelegt werden, man kann beruhigt nach Hause gehen.

Nicht ganz. Denn Autor Schirach hat je nach Abstimmungsausgang zwei verschiedene Schlussplädoyers des Gerichtsvorsitzenden parat, die das Ergebnis rechtfertigen. Was ist nun richtiges Handeln? Und was ist Falsches?

Weitere Aufführungen im Stadttheater Solothurn: 14.3., 15.3., 13.4., 22.4., 12.5., 14.5., 23.5., Premiere in Biel: 17. 3. Gastspiele: Kurtheater Baden 24. 3.; Stadttheater Olten 25. 4.

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