So einfach kann er Gott erklären: Seelsorger Felix Weder hält seinen Arm in die Höhe, die flache Hand streckt er neben dem Gesicht senkrecht in die Höhe. – Das ist Gott in Gebärdensprache.

Felix Weder ist katholischer Gehörlosenseelsorger für die Kantone Bern, Solothurn und die beiden Basel. Vor dreieinhalb Jahren hat der gebürtige Grenchner die Gebärdensprache gelernt, um das Amt ausüben zu können.

Sonntag halb Zehn: Zwei Frauen und ein Mann laufen vom Bahnhof über die Kreuzackerbrücke zur Altstadt. Aus Zürich und Glarus sind sie gekommen. Dominant läuten die Glocken der St.-Ursenkathedrale über die Stadt hinweg, die kleine Schar hört sie nicht.

Immer wieder weist der Mann mit der Hand den Weg. Unten am Klosterplatz treffen sie auf eine kleine Gruppe: Regelmässig treffen sich die gehörlosen Männer und Frauen zum Gottesdienst. Die Peterskapelle ist die einzige Kirche, die sie neben Pfarreiheimen haben.

Gelächter erfüllt die Peterskapelle. Am Seil für den Glockenzug zieht einer der Teilnehmer. Wenn man schon eine Kirche hat, soll man die Rituale auch nutzen, denken die einen. Die anderen lachen, weil nur wenige Gottesdienstbesucher die Glocken hören. Wer seinen Nachbarn ansprechen will, berührt ihn sanft. Stimmen sind wenig zu hören, Stühle werden verrückt, flink fliegen Hände durch die Luft. Einige der Zeichen sind leicht zu erraten, bei anderen fühlen sich Aussenstehende wie in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen.

Es ist ein fröhlicher Gottesdienst, bei dem Lachen dazugehört. Felix Weder und sein Zürcher Kollege Peter Schmitz Hübscher zeigt Bilder von der Reise an den evangelischen Kirchentag nach Hamburg. Die Kommunion erhalten alle. «Ich weiss nicht von allen, wer katholisch oder reformiert ist», sagt Weder.

Urs Buri nimmt regelmässig teil. Für den Präsidenten des Solothurner Vereins für Gehörlosenhilfe ist es wichtig, dass er Zugang zu einem Geistlichen hat. Buri erzählt von Schwierigkeiten in seelsorgerischen Angelegenheiten. Was ist, wenn man die Beerdigung für Verwandte organisieren muss? Als seine Mutter beerdigt wurde, habe er einen Dolmetscher benötigt, sagt Buri, der während Jahrzehnten auf der Grenchner Bauverwaltung arbeitete.

Wer sich konzentriert, versteht ihn gut, sonst übersetzt Felix Weder. «Es ist wichtig, dass man sich trifft», sagt Buri. «Der anschliessende Kaffee und Kuchen gehören dazu.» Denn älteren und alleinstehenden Gehörlosen drohe die Vereinsamung.

«Im Namen des Vaters und des Sohnes . . .» Der Vater, das ist, als ob man bei Kinn einen Bart nachahmen würde. Der Sohn ist eine Geste, bei der die Hand zum Herzen führt. Felix Weder kommuniziert das Wort Gottes dreifach: Er gebärdet, spricht langsam auf Hochdeutsch, zeigt Bilder dazu und projiziert den gesprochenen Text mit dem Beamer.

«Es gibt keinen Satz mit mehr als einem Komma», erklärt Weder eine der Regeln der Gebärdensprache. Philosophische Fragen sind für den Seelsorger schwieriger anzugehen. «Die Sprache muss einfach sein, darf aber nicht simpel sein. Das ist die Herausforderung», sagt Weder. Gesungen wird in Gebärdensprache. Die Fürbitten lesen die Gottesdienstbesucher abwechselnd, nicht in Gebärdensprache, sondern laut. Niemand zögert im vertrauten Umfeld.

In der Bibliothek des Pfarrhauses schlägt Felix Weder beim anschliessenden Kaffee mit dem Löffel gegen die Porzellantasse. Das Klingen verhallt im Raum. Niemand reagiert oder rührt sich. Um Aufmerksamkeit zu erhalten, stellt Weder das Licht mehrmals an und ab. Zum Abschied gehen die Hände winkend in die Höhe, einer der fröhlichsten Gottesdienste ist vorbei. Nach Kaffee und Kuchen gehen die Besucher weiter zu einer Stadtführung in Gebärdensprache.