Solothurn

In der «Restessbar» wird mit einer Telefonkabine gegen Foodwaste gekämpft

Marion Schweizer, Initiantin des Projekts, bei der «Essensausgabe».

Marion Schweizer, Initiantin des Projekts, bei der «Essensausgabe».

Im Alten Spital wird ein Zeichen gegen das Wegwerfen von Essware gesetzt – mit einer roten Telefonkabine.

Nicht weniger als zwei Millionen Tonnen Lebensmittel landen in der Schweiz Jahr für Jahr im Abfall. Vor diesem statistischen Hintergrund ist der Begriff des «Food Waste» zwar längst im Kopf von Otto Normalverbraucher angekommen. Doch der Weg zum Herzen und zum Tatendrang ist etwas länger. Nicht so bei der Biberisterin Marion Schweizer, für die das Thema zur Mission geworden ist und die sich dabei von anderen Schweizer Projekten inspirieren liess. Schon 2016 nahm auf diese Weise ein konkretes Vorhaben unter ihrer Initiative Form an: Unter dem Titel «Restessbar» sollte eine Anlaufstelle mit Kühlschrank und Lebensmittelregalen im öffentlichen Raum errichtet werden. Sie selbst war bedrückt, noch brauchbaren Zucchetti auf den Kompost zu werfen. Und in den Lebensmittelläden, so sagt die Statistik, fallen zehn Prozent des «Food Waste» an. Genau aus diesem Vorrat ausrangierter, aber noch brauchbarer Essware sollte sich das Angebot der «Restessbar» zusammensetzen.

Erstes Projekt scheiterte

Der Start des Projekts verlief vielversprechend: Die zu diesem Zweck gegründete Facebook-Gruppe verbuchte grossen Zulauf, Leute spendeten Material wie Transportvelos und Kühlschränke für den Betrieb der «Restessbar», und nach langer Suche nach einen Standort wurde man im Garten des Künstlerhauses S11 fündig. Geplantes Eröffnungsdatum war der Chlausemäret. Doch kurz vor Projektabschluss im Dezember musste Marion Schweizer aber die Reissleine ziehen: Aus mehreren Gründen sei die «Restessbar» am geplanten Standort nicht möglich. Über Weihnachten legte Schweizer deshalb das Projekt vorübergehend auf Eis: «Ich war sehr enttäuscht, dass es nicht funktionierte.» Nun, ein Dreivierteljahr später befindet sich das Projekt in überarbeiteter Form wieder auf der Zielgeraden. Als Partner, der die «Restessbar» beherbergt, konnte das Alte Spital für ein Pilotprojekt gewonnen werden.

«Seit langer Zeit steht bei uns im Foyer diese rote Telefonzelle ungenutzt», sagt Eva Gauch, Betriebsleiterin des Alten Spitals, mit Blick auf die britische Kulttrouvaille. Früher noch war hier das interne Suchtelefon installiert. Bald werden hier Gemüse, Früchte, Trocken- und Backwaren zu finden sein. Die Zugänglichkeit ist beschränkt auf die Öffnungszeiten des Alten Spitals. Ausserdem wird der Kühlschrank mit einem Zahlenschloss verriegelt sein, dessen Code man auf Anfrage per SMS, Mail oder persönlich von der Organisation erhält. Zielgruppe des Projekts seien längst nicht nur Menschen, die mit finanziellen Engpässen zu kämpfen haben. «Eine solche Ausrichtung war nie Thema. Das Angebot richtet sich an alle», so Schweizer. Also vor allem Menschen, denen der sorgfältige Umgang mit Lebensmitteln besonders am Herzen liegt und die der heutigen Wegwerfgesellschaft kritisch gegenüberstehen. «Aber Anfragen kommen schon auch von Menschen, die am Existenzminimum leben», so Schweizer.

Altes Spital zieht mit

Für den zweiten Anlauf hatte Marion Schweizer die Hilfe ihrer Arbeitskollegin Laura Hartmann. «Wir haben viele Abendstunden und Sonntage damit zugebracht, das Konzept anzupassen und Partner für neue potenzielle Standorte anzufragen», erinnert sich Schweizer. Erneut erwies sich die Standortsuche als schwierig: Davon, dass man den Initiantinnen für ihren Elan und ihr Projekt zunächst auf die Schultern geklopft hatte, sei plötzlich oft nur noch Ablehnung zu spüren gewesen, als man um ein Gastrecht für die «Restessbar» bat. Beim Alten Spital aber stiess man schliesslich auf offene Ohren und Türen. Eva Gauch erinnert daran, dass «Food Waste» bereits während der «Platz da!»-Aktion thematisiert wurde: «Da sind wir klar der Meinung, dass Aktionen, die ‹Food Waste› etwas entgegensetzen, zu fördern sind.» Und da das Alte Spital nicht nur als Begegnungszentrum fungiere, sondern in seinen Angeboten und Projekten auch Gesellschaftsthemen aufgreife, sei es auf der Hand gelegen, den Initiantinnen die Unterstützung anzubieten.» Da das Angebot nun zudem im Innern eines Gebäudes lanciert wird, rechnet Gauch auch nicht mit Vandalenakten.

Unterstützt werden Hartmann und Schweizer beim Betrieb von neun weiteren Helfern. Die Vorräte bezieht das Team aus der Stadtrösterei und von Aldi, allenfalls auch von der benachbarten «Grüeni Chuchi». Coop und Migros wurden zwar ebenfalls angefragt, werden aber die «Restessbar» nicht beliefern, da sie bei andere ähnlichen Projekten wie «Tischlein deck Dich» involviert sind. Finanziert wird das Projekt durch bereits gespendete Sachgaben sowie durch Crowdfunding. Die «Restessbar» im Alten Spital ist als Pilotprojekt angelegt, weswegen die Suche nach einem Standort für Schweizer und Hartmann weitergeht.

Weitere Infos: solothurn@restessbar.ch. Offen ist die «Restessbar» ab 28. Oktober.

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