«Der Umgangston in der Politik ist ruppiger geworden, vor allem auch gegenüber Frauen», stellte die Vorsteherin des kantonalen Volkswirtschaftsdepartementes fest und mahnte zu mehr Respekt und einem gemässigteren Umgang mit der Sprache. «Wir müssen alle etwas unternehmen, damit die Sprachkultur nicht verroht, denn sie ist entscheidend dafür, welche Argumente bei politischen Debatten unter den Tisch fallen.» Immerhin gehe es um nichts weniger als die historisch geprägte Kompromisskultur, die oft in langen Diskussionen erarbeitet werden müsse. Auch unfaire und plakative Wahl- und Abstimmungskämpfe könnten das System in seinem Kern treffen, ist Brigit Wyss überzeugt. «Politikerinnen und Politiker werden heute häufiger persönlich angegriffen und statt auf die Sache wird auf die Person gezielt.»

Fest stehe, dass auch der sprachliche Umgangston in den Medien dazu führe, dass das sprachliche Klima roher geworden sei und der Wutbürger zunehmend die Politik präge. «Vernichtende Kommentare, die die Tonalität prägen, in welcher öffentlich Diskussionen geführt werden, verbreiten sich unwidersprochen im Internet und bleiben dort für Jahre stehen.»

Auch sogenannte Fake News würden helfen, eine sachliche, respektvolle Diskussion zu verunmöglichen. Dennoch: «Das Internet oder die Social Media sind nicht verantwortlich für diese Entwicklung. Sie ermöglichen uns lediglich den umfassenden Zugang zu Informationen. Was wir damit machen, liegt bei uns.» Und: «Wir sind täglich konfrontiert mit der Globalisierung, Digitalisierung, dem Klimawandel, der Migration oder mit den unterschiedlichsten Lebensmodellen.» Zudem stehe eine sich weiterentwickelnde Gesellschaft ständig vor der Herausforderung, Regeln und Normen an die komplexer werdende Wirklichkeit anzupassen.

Die schwierige Frauensuche

Enttäuscht zeigte sich Wyss, dass der Anteil der Frauen in der Politik 50 Jahre nach der Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen immer noch stagniert. Noch immer sei es schwierig, geeignete Kandidatinnen, aber auch Kandidaten für politische Ämter zu finden. «Aktuell liegt im Nationalrat der Frauenanteil bei knapp einem Drittel, im Ständerat sind von 46 Ständeräten nur gerade 7 Frauen.

Nebst der Angst vor dem ruppigen sprachlichen Umgangston gehe es immer noch um die Vereinbarkeit von Politik, Beruf und Familie, von der zunehmend auch engagierte Männer betroffen seien. «Die Herausforderungen und der gesellschaftliche Druck sind gross», so Wyss. Dazu komme, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und in der Politik mitmischen möchten – so geschehen bei der dritten Bundesratskandidatin – als dumm, unqualifiziert und eingebildet beschimpft und für ihr Aussehen kritisiert würden.