Leseanimation
In der Märchenstunde lernen die Kinder andere Sprachen

Seit einem Jahr finden in der Zentralbibliothek Solothurn regelmässig Leseanimationen für Kinder auf Russisch statt. Daneben werden auch andere Sprachen angeboten.

Claudia Hofer
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Sechs Kinder zwischen zwei und acht Jahren lauschen aufmerksam Geschichten und Märchen - auf Russisch
14 Bilder
Reges Treiben erfüllt während eineinhalb Stunden die Räume
Der Anlass bewegt auch im tänzerischen Sinne
Der Spass steht an oberster Stelle
Eltern und Kinder von 2 bis 5 Jahren sind herzlich eingeladen zum Geschichten hören und erzählen
Kinderlachen, Gesang und Wortfetzen
Die Kleinen hängen der Animatorin Elena Kazakova an den Lippen
Pure Spannung mit den Kindergeschichten
Geschichten über das kleine «Beremot», russisch für Nilpferd
Die Märchen sorgten für gute Laune unter Klein und Gross
Mit dem Frühförderungs-Projekt will man den verschiedenen Ausländergruppen auch das Bibliothekswesen näherbringen
Austausch über Sprachförderung und Mehrsprachigkeit
Die Beschäftigung mit Geschichten bereitet die Kinder optimal auf den Bildungsweg vor
Märchenstunde auf Russisch in Solothurn

Sechs Kinder zwischen zwei und acht Jahren lauschen aufmerksam Geschichten und Märchen - auf Russisch

Hanspeter Bärtschi

Mit verschränkten Beinen sitzt Natalja auf dem Boden. Ihre Tochter Alexandra hat den Kopf auf die Beine ihrer Mutter gelegt, während Sohn Richard sich anlehnt. Die drei blättern in einem Bilderbuch über das kleine «Beremot» (russisch für Nilpferd). Von draussen dringt Vogelgezwitscher ins Zimmer und vermischt sich mit Kinderlachen, Gesang und Wortfetzen.

Sechs Kinder zwischen zwei und acht Jahren lauschen aufmerksam den Geschichten und Märchen - auf Russisch. Seit einem Jahr bietet die Zentralbibliothek in Zusammenarbeit

Was ist «Family Literacy»?

Der Begriff «Literacy» bezeichnet die Fähigkeiten, lesen und schreiben zu können. «Family Literacy» richtet sich an Familien, deren Kinder mehrsprachig aufwachsen. «Kindern fällt das Erlernen der Zweitsprache, also Deutsch leichter, wenn sie zuerst in der Muttersprache gefestigt sind», erklärt Christine Ryser von der Kinder- und Jugendabteilung der Zentralbibliothek. Seit 2007 wird dort «Family Literacy» in türkischer und tamilischer Sprache angeboten. Das Angebot wurde durch Albanisch und letzten Mai durch Russisch erweitert. An den Geschichtennachmittagen agieren dafür ausgebildete Animatorinnen. Gemeinsam mit den Eltern wird gelauscht, gesungen und gebastelt. In Solothurn finden die Leseanimationen in Quartierzentren, Bibliotheken oder Kindergärten statt. Im 2008 wurde «Family Literacy» mit dem Alpha-Preis des schweizerischen Komitees für die Bekämpfung des Illettrismus ausgezeichnet. (chf)

Sprachliche Frühförderung

«Spielerisch versuche ich die Kinder in ihrer Sprache sowie in ihren motorischen und sensorischen Fähigkeiten zu fördern», erklärt Elena Kazakova. Auch die Eltern würden in den Lese- und Lernprozess einbezogen. Die Animatorin lebt seit vier Jahren in der Schweiz und leitet seit einem Jahr die Leseanimation in der Zentralbibliothek . Sie hat in Moskau Psychologie und Pädagogik studiert und bildet sich jetzt an der Uni Bern in Sozialpädagogik aus. Im Moment befindet sie sich in einem Praktikum und unterrichtet an einem Kindergarten.

Die Kinder und ihre Mütter sitzen in einem Kreis. Elena Kazakova zeigt den Kleinen Bilder. «Zuerst benennen sie die Gegenstände, dann decke ich jeweils eines aus der Bildreihe ab und sie müssen sich erinnern, welches», erklärt sie das Gedächtnisspiel. «Kleinen Kindern fällt es schwer, länger als fünf bis zehn Minuten aufmerksam zu sein», so ihre Erfahrung. Darum folgt auf das Einstiegsspiel bald eine Bewegungssequenz. Die Kinder und ihre Mütter bilden einen Kreis, eine Melodie erklingt aus der Musikanlage. Die Schar beginnt zu singen und mit den Armen wie Vögel mit den Flügeln zu schlagen. «Babotschka» (Schmetterling) heisst das Lied und handelt von der Verwandlung des Insekts.

90 Minuten Intensiv-Russisch

Reges Treiben erfüllt die Räume. Klebrig wird es beim Kneten. Die Animatorin verteilt Kind und Mutter Knetmasse. «Damit backen wir Kuchen, hinterlassen Spuren, oder formen eine Kamera», erklärt sie. Richard hat ein Loch in die Knetmasse gegraben und blinzelt durch die Öffnung. Es wird geknipst, gelacht, und dann heisst es Hände waschen: Sirup und Chrömli wartet auf die Gruppe. Auch die Mütter geniessen das Beisammensein sichtlich. Christine Ryser, Leiterin Kinder- und Jugendabteilung, bestätigt den Eindruck und betont, wie dankbar die Mütter seien. «Für die Eltern ist «Family Literacy» auch ein gesellschaftliches Zusammenkommen.

Bibliomedia Schweiz

Die öffentliche Stiftung versteht sich als Bibliothek der Bibliotheken. Sie fungiert als Informationsdrehscheibe in der schweizerischen Bibliothekslandschaft. Bibliomedia Schweiz stellt ein breites Angebot an aktuellen Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in allen Landessprachen und mehreren Fremdsprachen zur Verfügung. Die drei Bibliocentren befinden sich in Solothurn, Lausanne und Biasca. (chf)

Die verschiedenen Kulturen bringen zudem ein anderes Leben in die Bibliothek.» Mit dem Projekt wolle man den verschiedenen Ausländergruppen auch das Bibliothekswesen näherbringen. «Die Tamilen sind da richtige Vorreiter», weiss Ryser. Das Angebot der Geschichtennachmittage habe sich unter ihnen wie ein Lauffeuer verbreitet und die Teilnehmerzahl sei so rapide angestiegen, dass die zuständige Animatorin mit den Gruppen platzhalber auf Spielplätze ausgewichen ist. «Die Kinderbuchausleihe wird zudem geschätzt. Laufend muss neues Material angeschafft werden» so Ryser. Hierfür arbeitet die Zentralbibliothek mit der Bibliomedia Schweiz (siehe Kasten unten) zusammen.

Peter Pan und Baba Jaga

Da von der Bibliomedia keine russischen Kinderbücher bezogen werden können, hat Kazakova letzten Herbst aus Russland selber welche mitgebracht. «23 Kilo, alles Kinderbücher», betont sie lachend. Russland ist bekannt für Dostojewski, Tolstoi, Gorki. Doch wie sieht es betreffend Märchen aus? Eine Figur, die immer wieder auftaucht, sei «Baba Jaga, eine böse und hässliche Hexe.» Und natürlich gibt es alle weltbekannten Märchen, wie die der Brüder Grimm oder Geschichten von Peter Pan und Schneewittchen in russischer Fassung.

Nach der Pause machen es sich die Kinder auf einem Teppich bequem und schauen mit Elena das Bilderbuch «Ich bin die kleine Katze» an. Nach einem abschliessenden Lied heisst es: «Paka Elena», die Kinder verabschieden sich fröhlich. Vorher werden aber noch Bücher zurückgegeben, und wieder Neue ausgeliehen.