Mit verschränkten Beinen sitzt Natalja auf dem Boden. Ihre Tochter Alexandra hat den Kopf auf die Beine ihrer Mutter gelegt, während Sohn Richard sich anlehnt. Die drei blättern in einem Bilderbuch über das kleine «Beremot» (russisch für Nilpferd). Von draussen dringt Vogelgezwitscher ins Zimmer und vermischt sich mit Kinderlachen, Gesang und Wortfetzen.

Sechs Kinder zwischen zwei und acht Jahren lauschen aufmerksam den Geschichten und Märchen - auf Russisch. Seit einem Jahr bietet die Zentralbibliothek in Zusammenarbeit

mit dem schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM in Zürich Leseanimationen für Vorschulkinder in russischer Sprache an (siehe Kasten).

Sprachliche Frühförderung

«Spielerisch versuche ich die Kinder in ihrer Sprache sowie in ihren motorischen und sensorischen Fähigkeiten zu fördern», erklärt Elena Kazakova. Auch die Eltern würden in den Lese- und Lernprozess einbezogen. Die Animatorin lebt seit vier Jahren in der Schweiz und leitet seit einem Jahr die Leseanimation in der Zentralbibliothek . Sie hat in Moskau Psychologie und Pädagogik studiert und bildet sich jetzt an der Uni Bern in Sozialpädagogik aus. Im Moment befindet sie sich in einem Praktikum und unterrichtet an einem Kindergarten.

Die Kinder und ihre Mütter sitzen in einem Kreis. Elena Kazakova zeigt den Kleinen Bilder. «Zuerst benennen sie die Gegenstände, dann decke ich jeweils eines aus der Bildreihe ab und sie müssen sich erinnern, welches», erklärt sie das Gedächtnisspiel. «Kleinen Kindern fällt es schwer, länger als fünf bis zehn Minuten aufmerksam zu sein», so ihre Erfahrung. Darum folgt auf das Einstiegsspiel bald eine Bewegungssequenz. Die Kinder und ihre Mütter bilden einen Kreis, eine Melodie erklingt aus der Musikanlage. Die Schar beginnt zu singen und mit den Armen wie Vögel mit den Flügeln zu schlagen. «Babotschka» (Schmetterling) heisst das Lied und handelt von der Verwandlung des Insekts.

90 Minuten Intensiv-Russisch

Reges Treiben erfüllt die Räume. Klebrig wird es beim Kneten. Die Animatorin verteilt Kind und Mutter Knetmasse. «Damit backen wir Kuchen, hinterlassen Spuren, oder formen eine Kamera», erklärt sie. Richard hat ein Loch in die Knetmasse gegraben und blinzelt durch die Öffnung. Es wird geknipst, gelacht, und dann heisst es Hände waschen: Sirup und Chrömli wartet auf die Gruppe. Auch die Mütter geniessen das Beisammensein sichtlich. Christine Ryser, Leiterin Kinder- und Jugendabteilung, bestätigt den Eindruck und betont, wie dankbar die Mütter seien. «Für die Eltern ist «Family Literacy» auch ein gesellschaftliches Zusammenkommen.

Die verschiedenen Kulturen bringen zudem ein anderes Leben in die Bibliothek.» Mit dem Projekt wolle man den verschiedenen Ausländergruppen auch das Bibliothekswesen näherbringen. «Die Tamilen sind da richtige Vorreiter», weiss Ryser. Das Angebot der Geschichtennachmittage habe sich unter ihnen wie ein Lauffeuer verbreitet und die Teilnehmerzahl sei so rapide angestiegen, dass die zuständige Animatorin mit den Gruppen platzhalber auf Spielplätze ausgewichen ist. «Die Kinderbuchausleihe wird zudem geschätzt. Laufend muss neues Material angeschafft werden» so Ryser. Hierfür arbeitet die Zentralbibliothek mit der Bibliomedia Schweiz (siehe Kasten unten) zusammen.

Peter Pan und Baba Jaga

Da von der Bibliomedia keine russischen Kinderbücher bezogen werden können, hat Kazakova letzten Herbst aus Russland selber welche mitgebracht. «23 Kilo, alles Kinderbücher», betont sie lachend. Russland ist bekannt für Dostojewski, Tolstoi, Gorki. Doch wie sieht es betreffend Märchen aus? Eine Figur, die immer wieder auftaucht, sei «Baba Jaga, eine böse und hässliche Hexe.» Und natürlich gibt es alle weltbekannten Märchen, wie die der Brüder Grimm oder Geschichten von Peter Pan und Schneewittchen in russischer Fassung.

Nach der Pause machen es sich die Kinder auf einem Teppich bequem und schauen mit Elena das Bilderbuch «Ich bin die kleine Katze» an. Nach einem abschliessenden Lied heisst es: «Paka Elena», die Kinder verabschieden sich fröhlich. Vorher werden aber noch Bücher zurückgegeben, und wieder Neue ausgeliehen.