Kirche
Immer mehr Solothurner fühlen sich keiner Religion zugehörig

Der Anteil an konfessionslosen Einwohnern stieg von 2009 bis 2010 von 31,3 auf 32,9 Prozent. Tendenz steigend. Gründe sind die Kirchensteuer oder seltene Kirchenbesuche.

Andreas Kaufmann
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Keine Einbahnstrasse: Manchmal folgt auf einen Austritt Jahre später ein Wiedereintritt. Hanspeter Bärtschi Keine Einbahnstrasse: Manchmal folgt auf einen Austritt Jahre später ein Wiedereintritt. Hanspeter Bärtschi

Keine Einbahnstrasse: Manchmal folgt auf einen Austritt Jahre später ein Wiedereintritt. Hanspeter Bärtschi Keine Einbahnstrasse: Manchmal folgt auf einen Austritt Jahre später ein Wiedereintritt. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Praktisch ein Drittel der Stadtsolothurner Bevölkerung fühlt sich – zumindest auf dem Papier – keiner Religion zugehörig: Von insgesamt 15982 Einwohnern sind dies 5257, Tendenz steigend. Nebst der Sterberate und Wegzügen sind auch Kirchenaustritte für diese eigentlich bekannte Entwicklung verantwortlich. Doch welche Gründe nennen eigentlich Herr und Frau Solothurner, um der Kirche den Rücken zu kehren?

Bei Reformierten konstante Quote

«Wir gehen sonntags nicht in die Kirche» oder «Die Kirchensteuer ...», solche Gründe liest Daniel Schifferle, Verwalter der reformierten Kirchgemeinde, zuweilen auf Austrittsschreiben. «Ich vermute aber, dass viele oftmals die wahren Gründe des Austritts nicht nennen», so Schifferle. Müssen sie im Grunde auch nicht: Für einen Austritt wird ein Fragebogen ausgefüllt, wo zwar Gründe angegeben werden können. Ebenso kann man aber auch den Wunsch kundtun, nicht weiter
kontaktiert zu werden. «Viele verweigern das Gespräch, das respektieren wir. Es geht uns lediglich darum, die Gelegenheit zu einem Gespräch zu bieten; auch für uns, damit wir wissen, wo wir uns verbessern können.»

Zumindest registriert die reformierte Kirchgemeinde über die Jahre eine einigermassen konstante Zahl an Austritten. Ende des vergangenen Jahres gab es in der Stadt 3844 Reformierte, ein Jahr zuvor 3869. Gerade im Zusammenhang mit wichtigen Lebensstationen wie Geburt oder Heirat finden viele wieder zurück in den Schoss der Kirche – einige Jahre nach dem Austritt. Eltern beginnen, im Zuge der Einschulung ihrer Kinder auch den Religionsunterricht wieder als sinnvoll zu erachten. «Für Eintrittsgespräche kommt auch ein Pfarrer persönlich vorbei.»

Hohe Quote bei Pfarrei St. Ursen

Für den römisch-katholischen Stadtpfarrer Rutz war 2010 «ein Ausnahmejahr». So sei die Austrittsquote gerade wegen publik gewordener Fälle sexuellen Missbrauchs gestiegen. Für den Kirchenaustritt finden die betreffenden Noch-Gläubigen bestehende Vorlagen für einen Austritt im Internet oder setzen den Brief selbst auf und schicken diesen an die Verwaltung. «Danach möchten die Allermeisten auch kein Gespräch mehr führen. Und bei jenen, die einwilligen, hat das Gespräch sehr häufig keinen Einfluss mehr auf ihre Absichten.» Aber auch in der römisch-katholischen Pfarrei sind vereinzelte Eintritte zu verzeichnen: «Das sind solche, die zurückkehren, oder aber Konvertiten», oft Leute, die aus Überzeugung zurückkämen.

«Wir hoffen natürlich, dass sich auch wieder ein Gegentrend einstellen könnte», sagt Kirchgemeindepräsident Karl Heeb. Zumindest betrachtet er es als wünschenswert, dass die hohe Austrittsquote sich wieder auf einem «normalen» Stand einpendelt. 4577 Römisch-Katholiken zählte die Kirchgemeinde 2010, 105 weniger als im Jahr 2009.

Zuwachs bei den Christkatholiken

In weitaus kleinerem Mass bekommen die Christkatholiken die Abkehr von der Kirche zu spüren – von 2009 bis 2010 erlebt die Gemeinde sogar einen leichten Zuwachs von vier Personen: «Natürlich sind wir mit insgesamt 160 Gläubigen eine vernachlässigbare Grösse in Solothurn», wie Pfarrer Klaus Wloemer ausführt. «Eintritte und Austritte halten sich sonst in etwa die Waage, aber längerfristig schrumpft die Gemeinde schon.»

Das liege daran, dass über kurz oder lang mehr Leute sterben, als dass Neugeborene hinzukommen. Als Austrittsgründe werde auch bei den Christkatholiken die Einsparung der Kirchensteuer genannt oder dann haben sich die Mitglieder zu sehr von der Kirche entfernt. Im Gegensatz zu den Römisch-Katholiken sei man auch von den Folgen der Missbrauchs-Skandale nicht tangiert. «Auch können wir mit den Pfarreimitgliedern einen engeren Kontakt pflegen, weil unsere Gemeinde überschaubar ist.» Jene, die neu eintreten, sind häufig Konvertiten: «Solche, die den Äusserungen des Papstes kritisch eingestellt sind, aber dennoch christlich bleiben möchten.» Es komme aber auch vor, dass verlobte Paare, er römisch-katholisch, sie reformiert, sich hier in der «Mitte» treffen.