«Du bist immer ein ganz anderer Mensch, wenn du dort warst», diese Worte bekommt die 81-jährige Trudi Stucki von ihren Kindern oft zu hören, wenn sie vom Tageszentrum zurückkehrt.

Und mit einem Blick in die Seniorenrunde im «Wengistein» wird der Grund dafür sicht- und hörbar: Es wird gejasst, «gekäfelet», gelacht und manchmal sogar geschäkert. «Das tut mir gut», sagt Trudi Stucki, die Geselligkeit gewohnt ist: 45 Jahre lang war sie auf dem Berggasthof Hinterweissenstein tätig, erzählt sie. Dabei sei man zwangsläufig unter die Leute gekommen.

Ebenso sieht es der verwitwete Tagesgast Rudolf Bläsi: «Hier trifft man auf Menschen, die dieselbe Einstellung haben wie unsereiner», schwärmt der 84-Jährige, der auch um ein gelegentliches Scherzchen nicht verlegen ist.

Wunder bestellt, Wunder erhalten

Dass die gesellige Runde heute in dieser Form überhaupt zusammensitzen kann, ist dabei fast ein kleines Wunder. Vor ziemlich genau einem Jahr nämlich hatte die ehemalige Betreiberin, das Schweizerische Rote Kreuz (SRK), die Auflösung des Tageszentrums per Ende 2011 angekündigt:

Als Grund dafür wurde ein Defizit von 90000 Franken angegeben, das eine Weiterführung des Angebots im Alterszentrum Wengistein verhindere. «Wengistein»-Leiter Hansruedi Moor bedauerte den Entschluss: «Für die Rettung bräuchte es wohl fast ein Wunder», liess er noch im August 2011 verlauten. Ein Monat nach der Ankündigung des SRK dann die erhoffte aber doch unerwartete frohe Kunde:

Zwei private Gönner, die nicht genannt sein wollen, spenden je 100000 Franken für die Fortführung unter den Fittichen des Alterszentrums Wengistein selbst. Diesen Januar konnte deshalb der Tageszentrumsbetrieb nahtlos und mit unvermindertem Personalbestand von zehn Teilzeitstellen fortgesetzt werden – und mit dem finanziellen Polster für die nächsten Jahre.

Fliessender Wechsel seit Januar

«Wir sind alle happy, dass uns das ‹Wengistein› übernommen hat», findet auch Maria Michel, Mitarbeiterin des Tageszentrums. Esther Ludwig, die als Leiterin der Therapeutischen Dienste neu auch beim Tageszentrum die Federführung übernommen hat, zieht nach den ersten sieben Monaten ebenfalls eine positive Bilanz.

«Das Team unter Gruppenleiterin Erika Biberstein war sehr motiviert, sich in die Strukturen des Alterszentrums zu integrieren», so Ludwig. Aber es sei schliesslich auch wichtig gewesen, den Wechsel vom SRK zum «Wengistein» so fliessend wie möglich zu gestalten. «Doch seit Januar haben wir auch neue Wege beschritten», wendet Esther Ludwig ein. So sind der stationäre Bereich des «Wengistein» sowie das Tageszentrum mit maximal acht wechselnden Tagesgästen näher zueinander gerückt:

Tageszentrum nun eine grösseren Institution

«Dass das Tageszentrum nun einer grösseren Institution mit umfassender Infrastruktur angegliedert ist, müssen wir nutzen.» So können die Tagesgäste neu auch die Angebote der stationären Aktivierung – wie beispielsweise die Gedächtnistrainings – mitnutzen, an Anlässen und Ausflügen teilnehmen und ebenfalls Dienste wie Duschen, Coiffeur oder Fusspflege in Anspruch nehmen.

Auf diese Weise kommen auch die Tagesgäste und die stationären Bewohner miteinander in Kontakt. Die Individualisierung des Angebots steht dabei im Mittelpunkt der Bemühungen. Ausserdem spiegelt das Tageszentrum in dieser neuen Form einen allgemeinen Trend in der Altersbetreuung wieder: «Zunächst lebt man selbstständig zu Hause, dann allenfalls mit der Unterstützung der Spitex, später vielleicht in Kombination mit dem Tageszentrum, bevor der definitive Übertritt ins Alterszentrum erfolgt», beschreibt Ludwig den Prozess und fügt an:

«Da ist es eine grosse Hilfe, wenn jemand das Alterszentrum Wengistein schon von innen kennt.» Ebenfalls eine grosse Hilfe sind die Tagesstrukturen aber nicht nur für die Gäste selbst: «Wenn jemand zwei Tage in der Woche bei uns ist, bedeutet das eine wichtige und nötige Entlastung für die sonst betreuenden Angehörigen.»

Wie gehts längerfristig weiter?

Inskünftig soll der Fächer der Dienstleistungen weiter ausgedehnt werden. Mögliche Wochenend-, Ferien- oder Übernachtungsangebote stehen in Aussicht, gerade auch, um die Betreuung weiter auf die Bedürfnisse des einzelnen Gastes zu individualisieren.

Längerfristig muss und wird auch die Frage im Zentrum stehen, wie es nach den Jahren, in denen die Gönnerbeiträge die Defizitdeckung sicherstellen, weitergehen kann. «Natürlich können und möchten wir uns auf dem finanziellen Polster nicht ausruhen. Wir betrachten die Gönnerbeiträge auch als Auftrag», versichert Ludwig. So sei es längerfristig erklärtes Ziel, für das Tageszentrum eine ausgeglichene Rechnung zu erzielen – damit der Betrieb auch über die anberaumten Jahre hinaus zum Lachen, Jassen und «Käfelen» anregt.

Tage der offenen Tür 18. und 19. August, jeweils 10 bis 16 Uhr im Tageszentrum.