Weihnachtsreise Solothurn
Im Schneegestöber marschieren die Römer für einmal nicht in Sandalen durch die Stadt

Schafe, Esel und Kamele in der Stadt: Am Sonntag trotzen viele Schneegestöber und Regen und erlebten in der Solothurner Altstadt im Rahmen der Weihnachtsreise die biblische Geschichte live mit. Die Römer traten aber für einmal nicht in Sandalen auf.

Katharina Arni-Howald
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So schön war die Weihnachtsreise 2017 in Solothurn.
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Der kleine Xaver, hier umsorgt von seiner Mutter und seinem Vater, durfte dieses Jahr die Rolle des Jesuskinds einnehmen.
Maria und Josef mit dem Jesuskind
Der «Palast» des Königs
König Herodes auf der Treppe der St.-Ursen-Treppe
Weihnachtsreise Solothurn
In Sandalen wäre es zu kalt gewesen
Der König verlangt, dass sich alle Einwohner registrieren müssen.
Sie hören, was der König zu verkünden hat
Wer es eilig hat an diesem Sonntag, rechnet nicht damit, in der Stadt auf Kamele zu treffen.
Die Hirten auf dem Friedhofsplatz
So schön war die Weihnachtsreise in Solothurn.
Die Römer in der Kälte unterwegs

So schön war die Weihnachtsreise 2017 in Solothurn.

Oliver Menge

Im Keller der Reformierten Stadtkirche herrscht keine Hektik. Alles läuft nach Plan. Kein wirres Durcheinander, keine lauten Worte. Die Organisatoren haben gute Arbeit geleistet. Jeder weiss, was er zu tun hat. Man gibt Anweisungen und hilft, die Kopftücher richtig zu drapieren. Da und dort wird noch der Kajalstift angesetzt. Römer, Hirten und Weise aus dem Morgenland blicken sich in grossen Spiegeln kritisch an und suchen Rat bei ihresgleichen. Hier sitzt noch nicht alles richtig und dort muss noch etwas zurechtgerückt werden. Einige mögen es kaum erwarten, auf die Gasse zu gehen.

«Die Hirten waren die Ersten, die die Frohe Botschaft von der Geburt Jesu erfahren haben», sagt eine Hirtin stolz. «Dieser Tag ist eine gute Gelegenheit, diese hinaus zu tragen.» Später wird sie auf dem Friedhofplatz bei unwirtlichem Wetter ihre Schafe hüten und von staunenden Kindern umringt sein. Gerade mal sechs Wochen und fünf Tage alt ist der kleine Xavier, der bald bewundert werden wird wie ein König, umsorgt von seiner Mutter Brigitte Keusch und seinem Vater David Hernandez Ferrer.

Er wird auf dem Märetplatz in einer Krippe liegen, umringt von Hirten, die mit ihrer Schafherde das neugeborene Kind beschützen. Als die jungen Eltern angefragt wurden, ob sie die Rolle übernehmen wollen, haben sie nicht lange gezögert. «Natürlich waren wir überrascht», sagt Mutter Brigitte. «Aber es ist etwas Einmaliges und eine schöne Erinnerung.» Zweifellos wird Xavier von dem grossen Erlebnis erfahren, sobald er älter ist.

Befragung am Bieltor

Schafe, Esel und Kamele an einem Sonntag in der Stadt, damit rechnen Leute, die es eilig haben, in der Regel nicht. Doch etliche sind nicht wegen der Weihnachtseinkäufe in die Stadt gekommen und stehen nicht zum ersten Mal am Strassenrand, um die von den Landes- und Freikirchen organisierte Weihnachtsreise zu bewundern. So auch der Mann aus Herzogenbuchsee, der es kaum erwarten kann, bis die strammen römischen Soldaten, mit ihren Speeren auf den Asphalt schlagend, durchs Bieltor einmarschieren und der polternde Herodes auf der St.-Ursen-Treppe wild um sich schlägt.

Für den Verwalter der Reformierten Kirchgemeinde, Richard Hürzeler, ist klar: «Wir wollen den Leuten zeigen, dass Weihnachten mehr ist als Geschenke unter dem Weihnachtsbaum.» An diesem einen Tag steht, so die Organisatoren, nicht bloss die Geschäftstüchtigkeit im Zentrum, sondern auch die Besinnung auf ein Geschehen, das Weihnachten erst möglich machte. «Heute ist Solothurn Bethlehem», gibt Richard Hürzeler zu bedenken und verweist auf die «wunderschöne Kulisse der Altstadt», die der Weihnachtsreise einen besonderen Charme verleiht.

Doch wer an diesem Sonntag in die Stadt will, muss sich, wie anno dazumal, zuerst beim Bieltor einschätzen lassen. Nur wenige schlängeln sich etwas genervt durch den Nebeneingang in die Stadt mit dem Argument: «Keine Zeit» oder «Lasst mich in Ruhe». Die meisten lassen die Befragung mit einem Lächeln im Gesicht über sich ergehen, obwohl sie von den Kontrollierenden nicht gerade zimperlich angefasst werden.

«Wie viele Leute leben in ihrem Haushalt?», ruft einer der Kontrolleure. Inzwischen ist das Schneegestöber in Regen übergegangen. Von Anfang an war für Richard Hürzeler klar: «In diesem Jahr werden die Römer nicht barfuss in die Stadt gehen.»