Es besteht kein Zweifel, welches mittelalterliche Handwerk der Schmiedengasse ihren Namen gab. Und vor 40 Jahren erhielt der Titel einen neuen Anstrich: Seit 1978 wird auf dem Amboss der zeitgenössischen Kunst schöpferisch gehämmert und geschmiedet. Ein Amboss ist es auch, der als altes Signet über dem Eingang der Schmiedengasse 11 prangt. Der Begegnungsort «S11» für Kunstschaffende, Kunstkenner und Kunstliebhaber feiert am Wochenende mit zahlreichen Festivitäten sein Vierzigstes (siehe Kasten). Gefeiert wird auch die neu im Erdgeschoss angesiedelte Küche mit Kunstbistro und eine Festpublikation, die voraussichtlich im Dezember erscheinen soll und neben Bilderseiten, Statements verschiedener Partnerorganisationen sowie literarischen Beiträgen und «Briefen» ans «Künstlerhaus» auch eine Chronik der vergangenen 40 Jahre beinhaltet.

Einer, der genau zu diesem Zweck in die Geschichte des Künstlerhauses eingetaucht ist, ist Kunsthistoriker und «S11»-Mitglied Martin Rohde. Er weiss, dass die Institution in den vergangenen vier Jahrzehnten viele Phasen, viele Gipfelkämme und Talsohlen erlebte. Und: «Die Ausrichtung des Künstlerhauses bewegte sich immer zwischen zwei Polen», erklärt Rohde. «Es gab Zeiten, da stand der Galerie- und Verkaufsgedanke im Vordergrund. In anderen Zeiten wieder wurden Begegnung, Kunstvermittlung aber auch Kunstbildung an die oberste Stelle gesetzt.»

Aus den Anfangszeiten

Spiritus Rector war der Künstler und Lehrer Heini Bürkli, der von 1974 bis 1978 die lokale Sektion der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA, Vorgängerin der «Visarte») präsidierte. Bürkli und einige Künstlerkollegen hatten einen Solidaritätsfonds geschaffen, um notleitende Künstler zu unterstützen.
Als 1977 die Liegenschaft an der Schmiedegasse 11 zum Verkauf stand, entschloss sich die Künstlergruppe gemeinsam zur Gründung einer Aktiengesellschaft und zum Kauf des Hauses. Als Aktionäre traten neben Heini Bürkli auch die Künstler Urs Hanselmann und Martin Ziegelmüller, sowie die mittlerweile verstorbenen Beteiligten Max Brunner, Armin Heusser, Arthur Moll und Peter Travaglini in Erscheinung. Mit von der Partie des Gründerreigens war zudem der Architekt Erich Senn.

«Die Grundidee war die Demokratisierung der Kunst und das Abwenden vom Kunstestablishment», weiss Rohde. Der Bilderverkauf sollte unvermittelt, also ohne zwischengeschaltete Institutionen, stattfinden. Nach dem Kauf des Hauses 1978 begann im Januar 1979 der Betrieb – mit einem Bilderladen, sowie mehreren Ausstellungs- und Begegnungsräumlichkeiten.

Auf und Ab einer Kunststätte

Eine Krise erlebte das Künstlerhaus gegen Ende der Achtzigerjahre. Viele Künstler, die nicht mehr an die Idee des Künstlerhauses glaubten, traten aus. Quasi über Nacht wurde 1987 zur Rettung ein Trägerverein gegründet. Durch den Einfluss Bürklis wurde der Bildungszweck der Institution stärker hervorgehoben: So fanden vor Ort utner anderem Aktmal-, Porträt- und Druckgrafikkurse statt. Ebenfalls ein Kind aus jener Zeit war das «Ars interim», der Kunstverleih von Werken aus dem Künstlerhaus an Dritte.

Ab 1990 wurde der Galerie-Gedanke im «S11» gegenüber der Funktion als Begegnungsstätte stärker betont. Rund 30 Hauskünstler mit regelmässigen Ausstellungen prägten den Ort. Mitte der Neunziger übernahm Adrian Burki von Heini Bürkli das Präsidium. «Der Trend ging dann Richtung Kommerzialisierung und Professionalisierung. Ein Marketing wurde eingeführt, die Sitzungen wurden minuziös protokolliert.» Und: Im Vorstand waren kaum noch Künstler vertreten.

Um das Künstlerhaus besser zu positionieren, wurde anlässlich des 25-Jahre-Jubiläums auch die Idee einer Werkschau über das Gebiet der ganzen Altstadt realisiert. So mag man sich an die «Heaven’s Lounge» und den zweiten als Gerüst erstellten St.-Ursenturm erinnern. «Nur leider blieb es ein grosses Fest ohne nachhaltige Wirkung fürs Haus», stellt Rohde fest.

Das «S11» heute

Nach weiteren Unstimmigkeiten über die Ausrichtung des Künstlerhauses wurde die Liegenschaft 2006 mithilfe von Mitteln der Stadt und des Lotteriefonds von der AG an den Trägerverein verkauft. Im gleichen Zuge sorgte man auch dafür, dass wieder vermehrt Künstler im Vorstand Einsitz hatten. Und schliesslich wurde im Leitungsgremium auch das Präsidium abgeschafft. Mehr als ein Dutzend Kunstschaffende und Kunstliebhaber in unterschiedlichen Chargen halten heute den Betrieb ehrenamtlich aufrecht – ohne eigentlichen Vorsitz. Getragen wird der Betrieb durch Förderbeiträge von Kanton und Stadt, sowie von Stiftungen und anderen Geldgebern. Und jüngst wurde auch das Potenzial von Crowdfunding entdeckt: «Für die Anschlussfinanzierung unserer Publikation haben wir unter www.projektstarter.ch ein Projekt lanciert.» Tatsächlich sei die finanzielle Situation seit rund fünf Jahren auch nicht mehr so prekär. Die Institution heute wieder zur Grundidee der Kunstplattform für Begegnungen zurückgekehrt und versteht sich nicht primär als Galerie. Der Fokus liegt vermehrt auf performanter oder installativer Kunst, die sich eben nicht oder nur beschränkt verkaufen lässt. Nur musste sich das «S11» auch schon gegen den Vorwurf der «Subventionskunst» wehren. Dagegen Rohde: «Eine Gesellschaft muss sich Kunst und Kultur leisten können. Es ist kein Luxusgut, sondern eine Existenzgrundlage gegen Verrohung.»