Gesundheitsclown
Ihre Fantasie sorgt für gute Stimmung im Bürgerspital

Jeden Dienstag stattet KaroLina Patienten im Bürgerspital einen Besuch ab. «Darf ig ine cho? I bin e schräge Vogel, aber das tuet ned weh», sagt sie lachend und stolpert unbeholfen ins Zimmer 202 im Stock J des Bürgerspitals.

Elisabeth Seifert
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Spitalclown Caroline bringt Farbe in den Spitalalltag
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Spitalclown Caroline bringt Farbe in den Spitalalltag

Hanspeter Bärtschi

Rüschen, bunte Federn, Schmetterlinge und Blümchen zieren das Kostüm von KaroLina, bei dem es fast auf jedem Zentimeter irgendwas zu entdecken gibt. Immer mit dabei hat sie zudem ein «Zauberchistli», vollgestopft mit wundersamen Utensilien; ein selbst gebasteltes Handörgeli etwa, auf dem sie so manches Volkslied begleiten wird; oder eine Art Pfeife, die ein Bällchen in der Luft tanzen lässt, sobald man kräftig ausatmet - es gehe beim Rauchen ja schliesslich um das Ausatmen des zuerst inhalierten Rauches, wie sie später erklärt.

Eine heitere Traumwelt

Schräg, tatsächlich. Schräg auch die Geschichte rund um ihre güldenen Schuhe. Weil die nämlich zu klein sind, hat sie Watte hineingestopft, «damits ned e so weh tuet». Bevor sie aber so richtig loslegt, stellt sich Clown KaroLina bei jedem der drei Patienten artig vor, macht «Shakehands». «Ich bi d' KaroLina, mit Nachname Clown.» Dann zückt sie ihre übergrosse Hornbrille ohne Gläser, um die Namen an den Betten entziffern zu können.

Das Eis ist längst gebrochen. «Du chasch mir Du säge», meint Patient Peter, den seine Freunde und jetzt auch KaroLina «Bole» nennen. Sie sagt: «Ig bi ned ganz 100», und er meint neckisch «ig au ned», worauf sie kontert: «Aber ig bi 99,7.» Dann zaubert KaroLina eine Konstruktion hervor, die all jenen helfen soll, «bi denen es s' Birli putzt hät». An einem Stecken ist ein grösserer gelber Ballon befestigt, «s'putzte Birli», und darunter ein kleiner blauer Ballon, ein «Notliechtli». Sobald nämlich jemand auf diesen Ballon bläst, geht ein kleines Sparlämplein an. «Das System söt me de Doris Leuthard zeige und patentiere», ist «Bole» überzeugt. Und seine beiden Bettnachbarn würden am liebsten gleich zehn davon bestellen. Diese «Notliechtli» seien nämlich äusserst praktisch, wenn man nachts mal auf die Toilette muss.

Ein Wort gibt das andere. Eine Assoziation löst die nächste aus, manchmal entwickelt sich eine kleine Geschichte - und schon haben KaroLina und die Patienten die reale Welt um sich herum vergessen. Und für «Bole« steht fest: «Du bisch s'Beschte, wo mir jetzt passiert isch.»

KaroLina ersetzt Schlaftabletten

Einmal pro Woche, immer am Dienstagnachmittag, stattet KaroLina, die eigentlich Odette Tobler heisst, Patientinnen und Patienten am Bürgerspital auf zwei Stationen in mehreren Zimmern einen Besuch ab. Jedes Mal geht sie dabei anderes vor. «Ich habe kein Programm», sagt die medizinische Praxisassistentin, die seit 2011 ein Diplom als Gesundheitsclown in der Tasche hat (siehe Kasten). «Wenn ich in ein Zimmer komme, dann versuche ich zu spüren, was es braucht.» Sie beobachtet, nimmt Stimmungen auf, reagiert ganz spontan auf Äusserungen der einzelnen Patienten und stellt so ihr Improvisationstalent unter Beweis.

«Programm ist höchstens meine Figur.» «KaroLina ist etwas ungeschickt, kennt häufig die Farben nicht, kann auch nicht richtig zählen.» «Vor allem aber ist sie einfach, wie sie ist, authentisch eben.» Sie ist aber auch eitel - und deshalb nicht nur fantasievoll, sondern auch sauber und adrett gekleidet. Stolz ist sie auf ihr «Junti», ein mit Spitzen besetztes Unterkleid, das bei den oft älteren Patientinnen und Patienten Erinnerungen wachruft, genauso wie das spitzenbesetzte Taschentuch, mit dem sie ihre spezielle Brille putzt.

«Meine Aufgabe ist es, Kontakt herzustellen und Freude zu bringen», sagt sie. Seit rund einem Jahr tourt sie durchs Bürgerspital, alle zwei Monate in einer anderen Abteilung. Dass ein Gesundheitsclown erwachsene Patienten aufzuheitern versucht, ist in der Schweiz noch eher aussergewöhnlich. Begonnen hat Odette Tobler am Bürgerspital als Kinderclown o-duda und ist als solcher auch jetzt noch unterwegs, samstags oder sonntags. Mehr oder weniger zufällig besuchte sie dann vier ältere Patientinnen - nicht ohne positive Wirkung: Die Vier brauchten in der folgenden Nacht keine Schlaftabletten mehr. «Das war mein Eintrittsbillett», sagt die quirlige Frau.

KaroLina spricht Gefühle an

KaroLina kommt gut an, das beobachtet auch Stationsleiterin Monika Hubler. «Wir haben viele positive Rückmeldungen von Patienten, die KaroLina als willkommene Abwechslung im oft grauen Spitalalltag wahrnehmen.» Vor allem aber beeindruckt die Pflegefachfrau, wie teilnahmslos wirkende, demente Patienten plötzlich reagieren, reden und mitsingen.

In Deutschland werden Gesundheitsclowns häufig in der Alterspsychiatrie eingesetzt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres war Odette Tobler alias KaroLina auch in der Gerontopsychiatrie der Psychiatrischen Dienste der Spitäler AG zu Gast. Und das wird sie, so hofft Stephan Michels, Leitender Arzt in diesem Bereich, auch bald wieder sein. «Schwer demente Patienten sind durch Stimmung und Gefühle besser erreichbar als über Worte und Erklärungen», weiss er. KaroLina könne solche Menschen mit ihrer Art besonders gut aus sich heraus holen. Und: «Oft ist dieser Zugang effektiver als andere Therapieformen.»

Ob in der Gerontopsychiatrie oder in einer Abteilung des Bürgerspitals: Höhepunkt des Besuchs von KaroLina ist es immer, wenn sie ihr Örgeli hervorholt und ein Lied anstimmt. So manchem treten vor Freude Tränen in die Augen. Auch jenem älteren Herrn am Dienstagnachmittag, der sich das Berner Volkslied «Vogellisi» wünschte. Woran ihn die Melodie wohl erinnert hat?

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