Solothurn

«Ich schwor damals: Nie wieder Hafebar! – das bereue ich aus tiefstem Herzen»

Diese Glaswand trennt auf unbestimmte Zeit Solothurn von seiner abendlichen Strandparty am Meer.

Diese Glaswand trennt auf unbestimmte Zeit Solothurn von seiner abendlichen Strandparty am Meer.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wann herrscht wieder Normalität im Land? – Heute Freitag würde die Hafebar erstmals öffnen, doch Solothurn hat am Meer nichts verloren.

Liebes Hafebar-Team!

Vor ziemlich genau zwei Jahren war ich ziemlich sauer auf Euch. Ja, zugegeben. Mehr als eine
halbe Stunde musste ich anstehen für mein erstes Feierabendbier der Saison. Ich nervte mich nur noch, wie die vielen, vielen Solothurnerinnen und Solothurner, die im gleichen Boot standen und alle mitschuldig waren, dass es nicht vorwärtsging. Und ja, ich schwor damals: Nie wieder Hafebar!

Ich bereue, aus tiefstem Herzen! Denn im Moment könnte dieser dumme, im Affekt ausgestossene Bannstrahl bittere Wahrheit werden. Vielleicht eine ganze Saison lang, wenn es blöd läuft. Denn niemals konnte ich diesen Schwur einhalten. Immer wieder hat es mich zu Euch gezogen, runter ans Meer, wie auf dem Asphalt vor Eurer Theke zu lesen ist.

Und ich verspreche Euch. Nie mehr werde ich mich ...

.... nerven, wenn zwei nette Damen vor mir für einen Pulk von Kolleginnen komplizierte Drinks bestellen, die meinen Durst auf ein Bier minutenlang ausbremsen. Ich werde Euch nur noch bewundern, wie toll ihr die Drinks hinkriegt.

.... darüber aufhalten, dass jemand von Euch mir die ganze Zeit den Rücken zudreht, weil es Gläser zu verstauen gibt. Gerne werde ich auf mein Bier warten und Eurem Knochenjob höchste Anerkennung zollen.

.... ärgern, sondern die Faust nur im Sack machen, wenn ausgerechnet nach meiner Bestellung nur noch Schaum aus dem Zapfhahn quillt, weil das Weizen- Fass geleert und gewechselt werden muss. Passiert zwar nur immer mir, aber es gibt ja ein neues Fass.

.... über ein letztes Bier unterhalten, wenn der Laden runtergeht, weil schon wieder Feierabend ist. Denn morgen gibt es einen neuen Abend.

.... aufregen, wenn ausgerechnet am Freitagabend nach fünf Uhr ein Donnerwetter aufzieht, und Eure Lämpchen dann das ganze Wochenende lang nicht über der Aare glimmen, weil ein Atlantiktief irrtümlich bis Solothurn vorgestossen ist. Das nächste Azorenhoch kommt bestimmt. Freuen wir uns darauf!

.... auf den nächsten freien Stuhl katapultieren, nur damit ich stolzer Sitzplatz-Inhaber bin. Ich mag anderen das Privileg gönnen und überlasse den Sitzkrieg à la «Reise nach Jerusalem» all jenen, die das nötig haben. Schliesslich ist’s auch auf dem Aaremürli ganz gemütlich.

Und ich verspreche, total cool zu bleiben, wenn ...

.... eine nur halbwegs begabte Band mit ihren überdimensionierten Lautsprecher-Boxen jegliche Unterhaltung mit meinesgleichen verunmöglicht, nur weil sie Dezibel mit Talent verwechselt. Die Jungs geben sich alle Mühe und werden irgendwann den Durchbruch schaffen.

.... ein spinnerter Biker ein Kind vor mir fast über den Haufen fährt. Und erst recht gelassen zu bleiben, wenn das Kind dann ohne einen Muckser seiner Eltern in einem fort schreit. Denn es kann nichts für seine Eltern.

Nein, ich werde mich auch nicht mehr enervieren, wenn ...

.... so eine schwarze Dreckkrähe mich von oben bis unten voll kackt und sogar noch ins Bierglas trifft! Denn auch sie ist nur ein Geschöpf Gottes und kann gar nicht anders, als ihr die Natur ge(sc)heissen hat.

So, liebes Hafebar-Team: All das würde ich klaglos ertragen und auf mich nehmen. Sofort, morgen und immerdar! Ohne zu murren. Deshalb mein Wunsch: Auf bald – am Meer!

Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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